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Die Geheimnisse der 100-Jährigen

In manchen Regionen der Erde werden Menschen ganz besonders alt: Eine dieser Regionen liegt auf Sardinien, eine andere ist die japanische Inselgruppe Okinawa. Die frische, regionale Kost ist aber nur ein Grund für das hohe Alter der Bewohnerinnen und Bewohner.

So viele 100-Jährige wie jetzt gab es noch nie: UNO-Schätzungen zufolge sind weltweit derzeit rund 533.000 Menschen 100 Jahre und älter. Der Großteil von ihnen, etwa 80 Prozent, sind Frauen.
In einigen Gegenden der Erde ist der Anteil an Hochbetagten besonders hoch: Diese sogenannten „Blue Zones“ („Blauen Zonen“) stehen seit einigen Jahren im Fokus der Forschung. Es handle sich um geografisch abgegrenzte Gebiete – Inseln, Halbinseln oder anderweitig isolierte Gegenden –, die es den Menschen erlaubt hätten, „ihre traditionelle Kultur bis weit in die Moderne hinein“ zu bewahren, schreibt Henrik Ennart in „Das Kochbuch der 100-Jährigen“. Der schwedische Wissenschaftsjournalist hat die Hochbetagten besucht und ihre Lebens- und Ernährungsweise ergründet.

LOKALE KOST, GEMEINSAM ESSEN
Die Menschen essen, was die Region an frischen Nahrungsmitteln bietet, und nehmen dadurch ein breites Spektrum an Nährstoffen auf. Die Mahlzeiten genießen sie mit anderen – ihr ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl gilt ebenfalls als wichtiger Gesundheitsfaktor. „Die gesündeste Generation ist diejenige, die noch mit einem traditionellen Lebensstil aufgewachsen ist, aber gleichzeitig von den Errungenschaften des modernen Wohlfahrtsstaats profitiert hat. Bei den Kindern dieser Generation setzt sich die Tendenz fort, jedoch taucht hier zum ersten Mal das Problem der Demenz auf, vermutlich als Folge des modernen westlichen Lebensstils“, beobachtet Ennart, der aus den „Blue Zones“ nicht nur kulinarische Rezepte für ein langes und gesundes Leben mitgebracht hat.

NICHT MEHR ESSEN ALS NÖTIG
Das Leben dieser Menschen ist stressarm, und sie verstehen es hervorragend, sich zu entspannen. Bis ins hohe Alter sind sie körperlich aktiv. „Es scheint ein durchgehendes Muster zu sein, dass sich die ,Blue Zones‘ in Gegenden mit karger Erde befinden, in denen die Menschen für ihr Überleben hart arbeiten müssen“, stellt der Wissenschaftsjournalist fest. „Daraus folgen eine Sparsamkeit und eine Kultur, in der nicht mehr gegessen wird als nötig.“ Gemüse, Obst und Kräuter werden oft selbst angebaut. Dies fördere nicht nur die Beweglichkeit, sondern auch eine bestimmte Einstellung zum Leben, ist Ennart überzeugt. „Es ist ganz einfach stimulierend, Pflanzen zu pflegen, wachsen zu sehen und ihre Früchte zu ernten.“

In den ‚Blue Zones‘ gibt es kaum einsame Menschen. Die Älteren haben einen natürlichen Platz in der Gemeinschaft, werden respektiert und gehört.
Henrik Ennart, Autor

„BLUE ZONES“ IN ÖSTERREICH
Warum genau die traditionelle, regionale Küche so gesund ist? Es mehren sich Hinweise, dass das, was in einer Region angebaut wird, am besten für den Organismus und perfekt abgestimmt ist auf den Stoffwechsel und das Darmmikro­biom der Menschen, die dort leben. Der Umstand, dass die Hochbetagten rund um den Globus jeweils andere Lebensmittel essen (siehe unten), legt ebenfalls nahe, dass es nicht die eine einzige gesunde Ernährungsweise gibt.
Es sei durchaus denkbar, dass auch in Österreich die eine oder andere „Blue Zone“ liege, erklärt Ennart. Zu Jahresbeginn waren hierzulande laut Statistik Austria 1.006 Menschen mindestens 100 Jahre alt. Die meisten leben in Wien – der Bezirk Döbling gilt als besonders „betagt“ – und Niederösterreich.

ANBAU IM MOSTVIERTEL
Die traditionelle Kost im Mostviertel, in dem der Bezirk St. Pölten Land großteils liegt, ist pflanzenbetont. „Hier werden Birnen, Äpfel, Weintrauben und Marillen kultiviert“, informiert die Innsbrucker Ernährungswissenschaftlerin Birgit Wild. Frisch verzehrt sind die Früchte besonders reich an gesunden Inhaltsstoffen: Der orange Farbstoff in Marillen, das Betacarotin, hat ein sehr hohes antioxidatives, den Körper schützendes Potenzial – freie Radikale, die die Zellalterung vorantreiben, werden abgewehrt. Weintrauben sind reich an den sekundären Pflanzenwirkstoffen Resveratrol und Quercetin, die ebenfalls antioxidativ wirken. Birnen enthalten Ballaststoffe wie Lignine, die den Blutzuckerspiegel günstig beeinflussen. Insbesondere alte Birnen- und Apfelsorten sind außerdem reich an Vitamin C, das das Immunsystem stärkt.

KRÄUTER UND KARTOFFELN
Daneben werden verschiedene (Heil-)Kräuter angebaut. „Die Wilde Malve oder Käsepappel ist sehr gut bei Atemwegserkrankungen und enthält Schleimstoffe, die den Magen schützen“, sagt Wild. Die Kamille wirkt entzündungshemmend bei Erkrankungen im Verdauungstrakt, Augen- und Hauterkrankungen.
Zu den (Schweine)Fleischgerichten werden traditionelle Beilagen, die sehr ballaststoff- und vitaminreich sind, serviert. „Zum Geselchten oder dem Surbraten isst man Kraut oder Kohlrabi und Kartoffeln“, erklärt Wild. Schweinfleisch liefert gut verfügbare Proteine (Eiweiß) und Eisen, B-Vitamine stärken die Nerven und Abwehrkräfte. Regelmäßig auf den Tisch kommen sollten Kartoffeln. Sie enthalten gut verfügbares Eiweiß, das wichtig für den Aufbau von Zellen und Muskeln und den Hormonhaushalt ist. Daneben stecken das „Nervenvitamin“ B1 und Kalium, das entwässernd wirkt und den Blutdruck reguliert, in Kartoffeln. Auch im namengebenden Most, ob aus Birnen und/oder Äpfeln, steckt Kalium. „Fruchtsäuren wie Wein- und Apfelsäure konservieren die Nährstoffe, wirken verdauungsfördernd und regen die Nierentätigkeit an“, ergänzt die Expertin.

DÖBLINGER HEURIGENKULTUR
Dass es im Wiener Nobelbezirk Döbling viele Hochbetagte gibt, könnte mit der guten sozialen Situation der BewohnerInnen zu tun haben. „Es handelt sich zudem um eine eher ländliche Gegend: Man lebt in Wien und ist zugleich schnell in den Weinbergen“, betont Wild. Die Heurigenbuffets bieten ganz besondere Schmankerl: Zum Fleisch wird viel sauer eingelegtes Gemüse kredenzt. In Sauerkraut und Salzgurken stecken Milchsäurebakterien, Probiotika, die gut für die Darmflora sind. „Durch die Milchsäuregärung konservieren sich die sekundären Pflanzenstoffe, Mineralstoffe und Vitamine sehr gut“, ergänzt Wild.

„Wir sollten zurück zur früheren Esskultur“
Der schwedische Autor Henrik Ennart im Interview

Was haben alle Menschen aus Zonen mit vielen Hochbetagten gemeinsam?
Henrik Ennart: Ich denke, es ist eine Kombination aus vier Dingen: Sie essen Nahrung, die vielfältig ist und lokal erzeugt wurde. Sie sind körperlich sehr aktiv und bewegen sich viel. Sie sind sozial vernetzt und haben ein Gefühl von Sinn. Es gibt noch andere Aspekte: Zum Beispiel sind alle diese Zonen sehr friedliche Gegenden mit meist guter Luft und sauberem Wasser.

Wie steht es um die Lebenseinstellung  dieser Menschen?
Ihre Haltung ist eine sehr ruhige, aber auch aktive. Ihre Lebensgebiete sind meist keine sehr reichen Gegenden, sodass die Menschen hart arbeiten müssen, um zu überleben. Die Einstellung ist dennoch keine sehr materialistische: Diese Menschen sind mehr daran interessiert, wer du bist, als daran, was du bist.

Was genau könnte die Nahrung so gesund machen?
Ich habe zuletzt viel über die aktuellen Forschun­gen zum Darmmikrobiom geschrieben – ich denke,
diese Menschen essen Nahrung, die perfekt für ihre Darmgesundheit ist: Es handelt sich vor allem um Lebensmittel aus pflanzlichen Quellen, die reich an Ballaststoffen und Polyphenolen (sekundären Pflanzenstoffen, Anmerkung) sind.

Ist es denkbar, dass es solche Zonen auch in Ländern wie Österreich gibt?
Durchaus. Wahrscheinlich gab es früher überall solche Zonen, sogar in einigen entlegenen österreichischen Tälern. Aber die meisten verschwinden. Sobald diese Kulturen in Berührung mit der typischen westlichen Ernährung – viele Fertig- und Halbfertiggerichte – kommen, entwickeln sich ebenfalls all die westlichen Lebensstilerkrankungen.

Ist der Trend zum „Clean Eating“ – vorwiegend frische, regional angebaute Nahrung zu essen – zukunftsweisend?
Ja, das denke ich. Wir hatten eine kurze Periode von etwa 50 Jahren, in der wir begonnen haben, neue, stark verarbeitete und industriell erzeugte Nahrung zu essen. Das hat sich als nicht allzu günstig herausgestellt. Jetzt können wir weitergehen und uns das Beste aus der früheren Kultur nehmen. Zum Beispiel, indem wir alte Gemüsesorten nutzen, die geschmackvoller und nährstoffreicher sind.

Was ist Ihre Botschaft an jüngere Generationen, was sollen sie tun, um Gesundheit und Lebensqualität zu fördern?
Ich mag die Empfehlung des amerikanischen Autors Michael Pollan: „Iss vor allem pflanzliche Nahrung. Iss Dinge, die deine Großmutter als Nahrung erkennen würde.“ Ich denke auch, dass wir lernen können, dass Glück nicht notwendigerweise bedeutet, viel Geld zu verdienen. Wenn Menschen im Alter etwas bedauern, dann eher das, dass sie sich nicht genug um ihre Beziehungen gekümmert haben.

 

Geheimnisse der Hochbetagten
Okinawa in Japan, Ogliastra auf Sardinien, die griechische Insel Ikaria, die Halbinsel Nicoya in Costa Rica, Småland in Schweden: Henrik Ennart hat Hochbetagte der fünf „Blue Zones“ besucht und zu ihrem Lebensstil befragt. Von Sternekoch Niklas Ekstedt stammen 53 Rezepte der regionalen Küchen (Fackelträger Verlag, 20,00 Euro).

 

 

 

 

Von Schweden bis Japan: Das essen die Menschen in den „Blue Zones“, Gegenden mit vielen Hochbetagten.

Schweden: Wildfleisch, Sauermilch und Pumpernickel – Hochbetagte essen „Hyggeliges“
Das magere Wildfleisch, das im schwedischen Småland auf den Tisch kommt, versorgt die BewohnerInnen mit gut verfügbarem Eisen, Eiweiß und gesunden Fetten. Gern verzehrt werden hochqualitative, fermentierte Milchprodukte: Film­jölk, eine Art Sauermilch, enthält Milchsäurebakterien, die die guten Darmbakterien fördern und das Immunsystem stärken. Auch Pumpernickelbrot fördert mit seinem hohen Ballaststoffgehalt die Darmgesundheit und wirkt günstig auf den Blutfettspiegel.

Mittelmeerländer: Knoblauch, Tomaten und Oliven – Köstliches vom Mittelmeer
Die mediterrane Kost auf Sardinien oder der griechischen Insel Ikaria baut auf regionale Früchte wie Oliven. Im Olivenöl stecken einfach ungesättigte Fettsäuren, die das Blutcholesterin günstig beeinflussen, und Vitamin E, das wir für eine gesunde Haut brauchen. Tomaten liefern Lycopin, das Unter­suchungen zufolge präventiv bei hormonabhängigen Krebserkrankungen wie Brustkrebs und Hodenkrebs wirkt. Im Knob­lauch stecken schwefelhaltige bioaktive Stoffe, Glucosinolate, die antioxidativ, blutdrucksenkend und günstig auf den Cholesterinspiegel wirken.

Japan: Gelbwurz, Fisch und Soja – Japanische Inselkost
Meeresfische wie Lachs liefern essenzielle Omega-3-Fettsäuren, die unsere Gefäße schützen und wichtig für die Blutgerinnung, das Herz-Kreislauf-System und das Gehirn sind. B-Vitamine in den Algen stärken die Nerven und fördern eine optimale Gehirnleistung. Farbenprächtige Würze liefert Kurkuma, die Gelbwurz. Sie zählt zu den Nahrungsmitteln mit der stärksten antioxidativen Wirkung. Die Sojabohne enthält bioaktive Stoffe, Phytoöstrogene, die die Funktion der Blutgefäße verbessern und den Blutdruck modulieren.

Fotos: DEEPOL / plainpicture, www.ordfrontforlag.se

Erschienen in „Welt der Frauen“ November 2019

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