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Die deutsche Berberin

Wie Stefanie zu Itto wurde: Von einer, die auszog, mit einem Berber in einem marokkanischen Gebirgstal eine Familie zu gründen und eine Schule zu bauen.

Wer andere gerne einordnet, hat es mit Itto Tapal-Mouzon nicht leicht. Wer ist die Frau, die in charmantem Deutsch mit schwäbischem Einschlag aus ihrem Leben erzählt, den Hidschab trägt und so frei von ihrer Religion, dem Islam, spricht? Wie passt das alles zusammen? Gar nicht, wenn man in Schwarz und Weiß, Hier und Dort, Gut und Böse denkt. Doch das sind nicht die Kategorien von Itto Tapal-Mouzon, die vor 40 Jahren in Baden-Württemberg als Stefanie Tapal zur Welt gekommen ist. Konsequent geht sie ihren Weg, und der ist seit ihrem 25. Lebensjahr ein außergewöhnlicher.

LIEBEN LERNEN
Damals studierte Stefanie Tapal an der Fachhochschule Stuttgart Innenarchitektur und beschloss im Anschluss an eine Studienreise nach Südmarokko, ihr sechsmonatiges Pflichtpraktikum im Denkmalamt in Marrakesch zu absolvieren. „Ich habe bei sehr einfachen Menschen gewohnt und wollte spüren, was sie erleben“, erzählt Itto. So hat die damals gläubige Protestantin, die als Jugendliche sogar Pfarrerin werden wollte, auch im Ramadan mit ihren ArbeitskollegInnen und MitbewohnerInnen gefastet. „Unsere Gespräche über religiöse Themen haben mich oft zu Tränen gerührt“, erinnert sie sich. „Ich habe auf alle Fragen Antworten bekommen, ohne dass jemand versucht hätte, mich zu missionieren.“ Der Funke, der wenig später zu ihrer Konversion zum Islam führen sollte, war gezündet. „Alles an diesem Land hat mich extrem angezogen“, sagt Itto Tapal-Mouzon. Vor allem ihr Reiseführer und späterer Mann Haddou. Er lud sie in sein Dorf im Aït Bouguemez im Hohen Atlas ein. Nach anfänglichem Entsetzen über das ärmliche Leben in dem Gebirgsdorf verliebte sie sich in beide: in Haddou Mouzon und in das Tal. 2003 wurde Hochzeit gefeiert, Haddou gab Stefanie den Berbernamen Itto. Demnächst wird ihr fünftes Kind die Familie komplettieren.

EINE BESONDERE SCHULE
Itto strahlt eine große Zufriedenheit aus, wenn sie sich sanft lächelnd über den Babybauch streicht und dabei von ihrer Familie und der Schule erzählt, die sie und ihr Mann im Tal gebaut haben. Sie hat die seltene Gabe, auch in den dunkelsten Winkeln das Licht zu sehen. Wenn sie von ihren beiden jüngeren Kindern, einem achtjährigen Mädchen und einem vierjährigen Buben, die beide stark gehörbeeinträchtigt sind, spricht, hadert sie nicht: „Ich nehme es als göttliche Aufgabe an.“ Es habe einen Sinn, denn so lernten auch andere Kinder in ihrer Schule die Gebärdensprache. Und schon leuchten ihre Augen wieder, denn ihre Schule ist eine ganz besondere. In einem Land, in dem Züchtigung noch immer als Erziehungsmethode im Unterricht angewandt wird, wollten Itto und Haddou Mouzon ihre Kinder nicht in eine öffentliche Schule schicken. Nach Schweizer Vorbild bauten sie eine „École vivante“, in der die Persönlichkeitsbildung, die freie Entwicklung und die Förderung von Talenten der Kinder im Vordergrund stehen. „Kinder sind keine Maschinen, die du alle gleich behandeln kannst“, erklärt Itto. Mit der Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit, mit der das Ehepaar sich gegen alle Widerstände seinen persönlichen Traum erfüllte, realisierte es auch das Schulprojekt, denn die private Schule wird zwar vom Staat kontrolliert, staatliche Mittel gibt es dafür aber nicht. In Kooperation mit dem Grazer Reiseveranstalter „Weltweitwandern“ mussten mühevoll Spenden aufgebracht werden, um nach der Grundschule auch eine Realschule und eine berufsbildende Schule errichten zu können.

Informationen zur „École vivante“ von Itto Tapal-Mouzon: www.weltweitwandernwirkt.org.

Die Kinder des Tales freuen sich sichtlich auf die Schule.
Itto Tapal-Mouzon mit ihrem Mann Haddou und den vier Kindern. Das Ehepaar ist seit 2003 verheiratet, die beiden erwarten ihr fünftes Kind. An die Ärmlichkeit des Heimatdorfes ihres Mannes musste Itto sich erst gewöhnen, heute liebt sie ihre neue Heimat.
Diese „École vivante“ gründeten Itto und Haddou Mouzon. Sie setzen auf Persönlichkeits­bildung und Talentförderung.

Mehr dazu in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 01-02/18