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Diabetes bei Frauen: alles anders?

Von den 600.000 Diabetikern in Österreich ist beinahe die Hälfte weiblich. Frauen sind bei Zuckerkrankheit mit ganz speziellen Gesundheitsrisiken konfrontiert. Sechs Fragen zum Diabetes bei Frauen.

1 – Was ist so schlimm an der Zuckerkrankheit?

Er tut nicht weh und wird deshalb oft erst spät erkannt: der Diabetes mellitus, die dauerhafte Überzuckerung des Blutes (Hyperglykämie). Unbehandelt schädigt er den ganzen Organismus – Nieren, Leber, Herzkranzgefäße, Beinvenen, Augen. Eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung spielt das Hormon Insulin, das für die Regulierung des Blutzuckerspiegels verantwortlich ist. Beim Typ-1-Diabetes, der oft bereits in der Kindheit oder der Jugend auftritt, wird vom Körper nicht genug oder gar kein Insulin produziert. Beim Typ-2-Diabetes, von dem 90 Prozent der DiabetikerInnen betroffen sind, sprechen die Zellen immer weniger auf das Insulin an, bis man insulinresistent ist. „Männer sind von der Erkrankung etwas häufiger und früher als Frauen betroffen“, erklärt Alexandra Kautzky-Willer, Gendermedizinerin, Internistin und Präsidentin der „Österreichischen Diabetes Gesellschaft“ (ÖDG). Allerdings haben Frauen mit „Zucker“ deutlich größere Gesundheitsrisiken als Männer. Bei beiden Geschlechtern sind Übergewicht und zu viel Bauchfett bedeutende Risikofaktoren. „Bei einer Frau sollte der Bauchumfang in Nabelhöhe unter 88 Zentimetern liegen“, informiert die Medizinerin. Ein weiterer Risikofaktor ist das Rauchen, ein zunehmend weibliches Problem: Laut „Eurostat“ gibt es nirgendwo in der EU mehr Raucherinnen als in Österreich. Daneben fördern ein hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte, Stress, Schlafstörungen und Schichtarbeit die Insulinresistenz.

Tipp: Sie sind besorgt, weil auf Sie ein oder mehrere Risikofaktoren zutreffen? Eine Messung des Nüchternblutzuckers und ein Glukosebelastungstest geben Aufschluss, ob Sie an Diabetes oder einer Vorstufe, dem Prädiabetes, leiden.

 

2 – Wie kann ich einem Diabetes vorbeugen?

Ein gesunder und aktiver Lebensstil ist der wichtigste Schutzfaktor. Mädchen sollten wie Buben von klein auf in ihrem Bewegungsdrang gefördert und zu sportlichen Hobbys animiert werden. Teamsportarten wie Fußball oder Volleyball ermöglichen es den Kindern, gemeinsam zu trainieren und sich spielerisch zu messen. „Das ist eine Erfahrung, die Mädchen häufig fehlt“, bedauert Kautzky-Willer. Sport bietet außerdem ein Ventil für Stress. Dieser kann sich ungünstig auf Insulinempfindlichkeit, Blutzuckerspiegel, Blutdruck und Gefäße auswirken. Zudem fördert Stress ungesunde Verhaltensweisen wie Rauchen oder das Naschen von zu viel Süßem. Die richtige Ernährung ist ein elementarer Baustein in der Diabetesvorsorge. „Durch eine gesunde, abwechslungsreiche Mischkost und die Vermeidung von Übergewicht kann das Diabetesrisiko stark gesenkt werden“, betont Barbara Walcher, Diaetologin am LKH-Universitätsklinikum Graz. Es empfiehlt sich eine zuckerarme und ballaststoffreiche Kost; Fette sollten bewusst und sparsam verwendet werden. „Die Basisernährung sollte aus Gemüse, Salat, Obst, magerer Milch und Milchprodukten sowie Vollkorngetreideprodukten, Kartoffeln und Hülsenfrüchten bestehen“, präzisiert Walcher. Vollkornprodukte fördern die Verdauung, halten länger satt und lassen den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen als Weißmehlprodukte.

Tipp: Nutzen Sie jede Gelegenheit für Bewegung im Alltag und halten Sie Ausschau nach einer Sportart, die Ihnen wirklich Spaß macht. Genießen Sie ausgewogene, pflanzenbetonte Mahlzeiten und schaffen Sie sich regelmäßig kleine Ruheinseln.

 

3 – Welche Rolle spielt mein psychisches Wohlergehen?

Zwischen Psyche und Diabetes dürfte es ein enges Wechselspiel geben. Man weiß, dass depressive Menschen ein erhöhtes Diabetesrisiko haben und DiabetikerInnen ein erhöhtes Depressionsrisiko. Die Kombination ist problematisch: „Wer aufgrund einer Depression unter Antriebsmangel, Interesselosigkeit und erhöhter Ermüdbarkeit leidet, schafft es oft nicht, sich Bewegung zu verschaffen oder gesundheitsbewusst für sich und die Familie zu kochen“, weiß Birgit Harb, Klinische Psychologin und Fachpsychologin Diabetes. Ein Diabetes ist auch ohne Depression psychisch belastend. Neben den alltäglichen Anforderungen zusätzlich ständig den Blutzucker zu messen, Insulin zu spritzen und Broteinheiten abzuschätzen, wird für manche zur Überforderung. „Oft haben die Frauen dann sich selbst gegenüber ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich nicht gut genug um den Diabetes kümmern“, erklärt Harb. Hinzu kommen Ängste, etwa vor einer Unterzuckerung. „Diese führen manchmal zu permanenten Blutzuckerkontrollen, zum Leistungsabfall und zur Vermeidung diverser Aktivitäten.“ Eine besorgniserregende Problematik, speziell bei jugendlichen Typ-1-Diabetikerinnen, ist das sogenannte „Insulin-Purging“: Um rasch Gewicht zu verlieren, spritzen die Betroffenen kein Insulin, was bedeutet, dass Zucker im Blut nicht verarbeitet werden kann. Das führt auf Dauer zu ­diabetesspezifischen Folgeschäden. Was die ­Frauen besonders brauchen, seien Maßnahmen, die die Motivation und das Gefühl der Selbstwirksamkeit förderten, betont die Psychologin. „Erst wenn die Frau psychisch stabil ist, glaubt sie an sich selbst.“ Dann weiß sie, dass sie sich gut um sich und den ­Diabetes kümmern kann.

Tipp: Wenn Sie sich aufgrund der Erkrankung überfordert fühlen oder sich dauernd Sorgen wegen einer Über- oder Unterzuckerung machen, wenden Sie sich an eine Psychologin/einen Psychologen oder eine Psychotherapeutin/einen Psychotherapeuten, die/der sich auch mit der Zuckerkrankheit auskennt.

Weitere Fragen finden Sie in der Printausgabe.

Das Gefühl der Selbstwirksamkeit zu fördern, ist für Frauen mit ­Diabetes besonders hilfreich.
Birgit Harb, Fachpsychologin Diabetes
Schwangerschaftsdiabetes ist der größte Risikofaktor überhaupt, später an Typ-2-Diabetes zu erkranken.
Alexandra, Kautzky-Willer, Gendermedizinierin

Fotos: privat, Roland Ferrigato / © Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalistinnen

Erschienen in „Welt der Frauen“ 0708/18