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Tagesmotto #6: Den Moment genießen

Über das Glück & zwei Enten vor einer Wolkenwand

Zu spät

Ich bin unterwegs zu einem Treffen mit dem Tonspezialisten, der sich um die Postproduktion meines neuesten Films DER ALBTRAUM DER SCHAMANEN kümmert. Ich bin zu spät dran, doch die unfassbare Schönheit der Natur in dieser frühwinterlichen Morgenstimmung auf meinem Weg nach Salzburg ist so überwältigend, dass ich alle paar hundert Meter stehen bleiben muss, um die Stille und den Anblick zu genießen. Ich weiß, ich komme viel zu spät, aber längst habe ich mich in diesem seltsamen Naturschauspiel verloren.

Zwei Welten

Denn ich sehe zwei Welten, die nahtlos ineinander übergehen. Links bedeckt eine riesige schwarze Nebel- und Wolkenwand das Höllengebirge und hält die Nacht dort fest, als würde es niemals Tag werden. Rechts jedoch strahlt die Sonne durch den silbrigen Morgendunst, der von einem Bergbach aufsteigt und beleuchtet die schneebedeckten Gipfel und grünen Wälder darunter, die sich in allen Farben im See wieder spiegeln. Man möchte die Sonnenstrahlen einfangen und mitnehmen. So nah und greifbar erscheinen sie.

Der Steg

Vorsichtig klettere ich auf die glitschigen Holzblanken eines schwimmenden Stegs, der instabiler ist als ich dachte und gefährlich zu schwanken beginnt. Ich weiß selbst nicht, was ich hier zu suchen habe, doch irgendetwas treibt mich weiter. Ich balanciere vorwärts und tauche meine Hände in das eiskalte Wasser des Sees.

Mein Leben

Und dann beginne ich zu verstehen: das Naturwunder vor mir und ich auf den schwankenden Planken über dem glasklaren Wasser des Sees, bilden irgendwie die Metapher meines eigenen Lebens. Das Floß ist die Fragilität meines Daseins, dessen Grenzen ich seit Kindheit an auslote. Das Naturschauspiel vor mir aber reflektiert die zwei emotionalen Welten, die in mir toben. Der Fluch und Segen einer Künstler- und Abenteuerseele. Glück und Unglück. Jetzt in diesem Moment, mit dem Blick auf die bedingungslose Schönheit der Natur vereinen sich diese Welten für kurze Zeit und ich komme zur Ruhe und bin grenzenlos glücklich. Selbst der Anblick der drohenden Wolkenfront links vor mir kann dem nichts anhaben.

Über das Glück

Meine Glücksmomente sind etwas Irreales, die nie mit materiellen Dingen zusammenhängen. Vielleicht sind sie an Erinnerungen geknüpft, die nur mehr in meinem Unterbewusstsein weiter-leben. Sie kommen unverhofft wie die silbrigen Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne vor mir. Er wird nicht lange dauern, dann wird die schwarze Wolkenwand alles verschlucken und den Tag zur Nacht machen, bevor er wirklich begonnen hat. Die schneebedeckten Berge und das unwirkliche Grün der Täler sind dann nur mehr eine Erinnerung, die langsam verblasst. Ich möchte das Glück für ewig festhalten. Das wollen wir doch alle.

Sonnenstrahlen für den Notfall

Ein Entenpärchen schwimmt an mir vorbei, steuert furchtlos auf die schwarze Wolkenwand zu. Ich nehme mir ein Beispiel an ihnen, blicke noch einmal auf das Spiegelbild der schneebedeckten Berge in den glasklaren Fluten des Sees und fahre weiter, direkt auf die schwarze Wolken-wand meines Lebens zu. Welche Abenteuer werden dort auf mich warten? Welche Momente des Glücks und Unglücks sind dort verborgen? Aber ich habe keine Angst, denn was die Enten nicht wussten: ein paar der silbrigen Sonnenstrahlen habe ich für den Notfall mitgenommen

 

Natalie Halla

Natalie Halla

spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet als unabhängige Filmemacherin. Ihre „Notizen einer Abenteurerin“ bieten sehr persönliche Einblicke in eine unbekannte, spannende Welt abseits üblicher Reiserouten und befassen sich auch mit sozialen und humanitären Ungerechtigkeiten, denen sie begegnet ist.
www.nataliehalla.com

Foto: Alexandra Grill

Fotos: Natalie Halla

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