11

18

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop

Im äthiopischen „Hamlin Fistula Hospital“ werden Frauen behandelt, die an Geburtsfisteln leiden. Der gute Geist des Hauses ist die Ärztin Renate Röntgen. Sie kann jeden noch so zerstörten Harnleiter wieder zusammennähen.

Der nahende Beginn einer Operation kündigt sich im Operationstrakt des „Hamlin Fistula Hospital“ durch ein glockenhelles Lachen an. Morgens um 7.30 Uhr kommt Renate Röntgen in weißer Ärztetracht mit federnden Schritten durch den Klinikflur, die langen roten Haare zu einem flammenden Berg auf dem Oberkopf aufgetürmt.

Im Operationssaal 1 liegt die Patientin bereits im Tiefschlaf, sind die Instrumente bereit. Rai S., 18 Jahre, aus dem Norden des Landes, soll eine Harnableitung bekommen. Röntgen zieht sich OP-Kleidung über, setzt eine Vergrößerungsbrille auf, nimmt ein Skalpell, durchtrennt die Bauchdecke und sagt: „Dann wollen wir mal sehen, was uns erwartet.“

Die deutsche Ärztin Renate Röntgen (64) kam durch Zufall nach Äthiopien, nach Addis Abeba, an das Hamlin-Hospital, an die Position einer Urologin für schwere Geburtsverletzungen. Nachdem sie 30 Jahre lang, zuletzt als leitende Oberärztin einer Klinik in Bielefeld, gewirkt hatte, fühlte sich die Urologin bereit für ein neues Leben. Eines, in dem einer erfahrenen Ärztin wie ihr nicht alles leicht gemacht wird.

Kurz vor dem Ende ihrer Zeit als Oberärztin nahm Röntgen an einer internationalen Tagung über Kontinenz teil und hörte von etwas, das ihr in ihrem ganzen Urologinnen-Dasein nicht untergekommen war: Geburtsfisteln – Risse in Blase oder Rektum. Verletzungen, die Frauen in Entwicklungsländern erleiden, Frauen, die in abgelegenen Regionen wohnen, ohne Zugang zu Kliniken. Die zwei, drei Tage in den Wehen liegen, ohne Hilfe, irgendwo in einer Hütte. Die dieses Kind gar nicht gebären können, weil der Kopf nicht durch das Becken passt, weil die Frau zu dünn, zu unterernährt oder zu jung ist. Weil der Kopf des Kindes auf das Gewebe drückt, bis die Blutzufuhr unterbrochen ist, das Gewebe sich auflöst, die Scheide, die Harnröhre einfach verschwinden. Bis diese Frauen endlich ein Krankenhaus erreicht haben, ist das Kind oft tot, die Mütter sind Urin- oder Stuhl-inkontinent, manchmal beides. „Fisteln“, sagte auf jener Tagung eine Referentin aus Afrika, „sind die Lepra unserer Zeit.“

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Wer die Klinik unterstützen möchte, kann das via „www.fistula.de“ tun.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18