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Vor acht Jahren begann der Krieg in Syrien. Er hat die Hälfte der Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht. Wie bauen sich Frauen nach all dem Leid ein neues Leben auf? Drei Lebensgeschichten.

Hashme:

Einrichten im Provisorium

Aus dem Fenster eines sandsteinfarbenen Flachbaus blickt ein Junge – 14 Jahre alt, Pausbacken, Kurzhaarfrisur. Er schaut auf eine belebte Straße mit bunten Teppich­läden hinunter. Gelangweilte Verkäufer lehnen, Zigaretten rauchend, an Säulen und warten auf Kundschaft. Als Abed, so heißt der Junge, zehn Jahre alt war, arbeitete er auch in so einem Teppichladen, dann in einem Gemüsegeschäft. Sieben Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Für knapp 90,00 Euro im Monat. Vier Jahre lang ging das so. Am Morgen, wenn Abed sah, wie gleichaltrige Jungen und Mädchen mit ihren Schultaschen in den Bus stiegen, der sie zum Unterricht brachte, schämte er sich. Sein Vater, der nach einem Unfall arbeitsunfähig geworden war, weinte heimlich, weil er seinem Sohn nichts bieten konnte. „Uns waren die Hände gebunden“, sagt seine Mutter Hashme (48), wenn sie sich an diese dunkle Zeit zurückerinnert. Man merkt, dass es ihr unangenehm ist, zuzugeben, dass ihr einziger Sohn Kinderarbeit leisten musste.

FLÜCHTLINGE IN DEN STÄDTEN
Das Königreich Jordanien ist umringt von Krisen- und Kriegsgebieten – im Norden liegt Syrien, im Osten der Irak, im Westen sind Israel und die Palästinensergebiete. Jeder vierte Bewohner im Land hat einen Fluchthintergrund, der Großteil von ihnen stammt aus Syrien. Durch den Bevölkerungsdruck sind die Kosten für Mieten explodiert. Die Lebensmittelpreise sind hoch, Wasser ist knapp in diesem Land, das zu den trockensten Gebieten der Erde zählt. Zehntausende Minderjährige müssen Kinderarbeit verrichten, damit sich ihre Familien Strom, Wasser und Essen leisten können.

Hashme und ihr Sohn Abed sitzen in der kargen Wohnung, gelegen im ersten Stock eines Flachbaus. Hier, im Osten der Hauptstadt Amman, leben viele Flüchtlinge, weil die Mieten erschwinglicher sind als im Zentrum. Wer an Jordanien denkt, der denkt an Fotos von Flüchtlingslagern, in denen sich Container an Container reihen. Doch über 80 Prozent der SyrerInnen leben mittlerweile in den Großstädten, um der Hitze im Sommer zu entgehen. Im Sommer hat es in der Wüste, wo sich die Lager befinden, mitunter bis zu 50 °C. Hashmes Wohnung ist spärlich eingerichtet, aber das Stiegenhaus ist kühl und das Wohnzimmer gemütlich.

VON ENTSPANNUNG KEINE REDE
Die Familie stammt ursprünglich aus Homs, der einst drittgrößten Stadt Syriens. Im März 2011 flammten Proteste im ganzen Land auf. Die Menschen gingen gegen den Diktator Baschar al-Assad auf die Straße, doch anstatt ihrem Ruf nach demokratischen Reformen nachzukommen, ließ der Diktator Panzer aufrollen und Scharfschützen in die Menge schießen. Aus friedlichen Protesten wurde ein blutiger Konflikt, der mehr als eine halbe Million Tote forderte. Als Rebellenhochburg wurde Homs zum Ziel massiver Angriffe der syrischen Armee. „Die letzten Monate waren wie ein Gefängnis, Homs glich einer Geisterstadt“, beginnt ­Hashme zu erzählen. Drei Monate konnten sie ihr Haus nicht verlassen, weil die Straßen von dschihadistischen und alawitischen Milizen kontrolliert wurden. Eine Woche nachdem ihre Familie die Flucht ergriffen hatte, wurde ihr Haus von einer Bombe zerstört. In Syrien hatte Hashmes Mann als Maler gearbeitet. Er hatte sogar einen kleinen Laden, in dem er Pinsel und Farbe verkaufte. In Jordanien fand er Arbeit auf einer Baustelle. Dann, vor drei Jahren, verlor er zwei Finger seiner rechten Hand, als er Plastik mit einer hydraulischen Presse schnitt. Weil er nicht angestellt war, hatte er keine Rechte, und sein Arbeitgeber stellte die finanzielle Unterstützung ein. Da sein Vater nicht mehr arbeiten konnte und seine Mutter keine Ausbildung hatte, schleppte der zu der Zeit zehnjährige Abed Gemüsekisten und putzte Teppiche. Eigentlich, so erzählt es seine Mutter, wollte die Familie nur ein paar Monate in Jordanien bleiben. Mittlerweile sind es sechs lange Jahre. Der Syrienkrieg geht in das neunte Jahr. Diktator Assad  sitzt fester im Sattel denn je. Mithilfe seiner Verbündeten Russland und Iran erobert er eine Großstadt nach der anderen zurück. Assad ruft seine Landsleute zur Rückkehr auf, doch die Menschen fürchten sich vor den Folterkellern des Regimes, den willkürlichen Festnahmen und den Warlords, die sich ganze Viertel unter den Nagel gerissen haben. Selbst Hashme, die nie an den Protesten teilgenommen hat, sagt: „Ich habe Angst, nach Syrien zurückzukehren.“

Lesen Sie die Lebensgeschichte von Mariam „Kein Weg zurück“ und Um „Was sollen sie schon einer alten Frau antun?“ in der Printausgabe.

Mariam (45) will ihr Gesicht nicht zeigen, weil sie die Verfolgung des syrischen Regimes fürchtet.

Der jordanische Arbeitsmarkt ist für syrische Flüchtlinge nicht zugänglich. Frauen verdienen sich mit Handarbeit etwas dazu, zum Beispiel mit selbstgemachten Seifen.

Um Emad (63) ist sechsfache Mutter. Ihr Sohn war 18, als der Krieg ausbrach. Damit er nicht zum Militär musste, verkleidete sie ihn als Frau und schmuggelte ihn an den Checkpoints vorbei.

Hashme (48) und ihr Sohn Abed (14) in ihrer Wohnung in Amman. Nach einer Odyssee durch Transitzonen, Flüchtlingscamps und Wohnungen sind sie angekommen.

80 Prozent der syrischen Flüchtlinge in Jordanien leben außerhalb der Camps in privaten Wohnungen. Viele Frauen arbeiten als Näherinnen, um sich die teuren Mieten leisten zu können.

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