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Auf einen Augenblick: Ach, Schätzchen!

Wir sind MeisterInnen des inneren Selbstantreibens. Kaum wandert der Kalender Richtung Weihnachten, versuchen wir uns darin zu perfektionieren.

Weihnachten kommt ja immer so plötzlich. Der Bikini ist just im Schrank verstaut, schon fluten Lebkuchen die Regale und Leute fragen, ob man alle Geschenke hat. Ich schaue auf den Kalender und sehe den 1. Advent. Diesmal wird alles ruhiger, entspannter, bewusster. Alle Jahre wieder denke ich das, weswegen es mir schwerfällt, mir selbst zu glauben. Advent ist immer Stress. Mein gesamtes Erwachsenenleben versuche ich, dagegen anzugehen. Mache Listen, buche einen Platz im Weihnachtsoratorium, kaufe einen meditativen Adventsbegleiter und stelle es mir entspannend vor, Freunde und Nachbarinnen zum Tee einzuladen. (Dass ich vorher zwei Tage in der Küche stehen und backen werde, blende ich aus.) Der Dezember mag im besten Fall stimmungsvoll sein, entspannt ist er jedoch nie. Jedenfalls nicht in meinem Leben. Vielleicht liegt das einfach in der Weihnachtsgeschichte begründet. Natürlich ist keine Rede davon, dass Josef am 23. hektisch auf Geschenksuche ging, wir erfahren nichts von Marias Menüvorbereitungen. Nein. Es ging um Existenzielleres. Von klein auf wurde mir erzählt, dass die beiden unbedingt ein Zimmer brauchten. Und weil sie zu spät losgegangen oder zu langsam waren oder mit dem Esel was nicht in Ordnung war, waren alle Zimmer bereits vergeben. Sie mussten mit einem Stall vorliebnehmen. Die Weihnachtsgeschichte ist eine Stress­­geschichte par excellence: Unterwegs mit Sack und Pack, zwischendurch eben mal ein Kind zur Welt bringen und selbst danach keine Zeit zum Ausruhen haben. Keine ruhigen Tage, in denen die junge Familie entspannt Cocooning zelebrieren kann. Sondern Flucht nach Ägypten. DAS nenne ich Stress. Man kann ja alles Mögliche in die Weihnachtsgeschichte hineininterpretieren, sicher jedoch keine Anleitung zur Entschleunigung. Ich würde sagen, wenn sich eine Alltagslehre aus der Weihnachtsgeschichte ziehen lässt, dann eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem, wie es kommt. Schwanger? Okay. Volkszählung? Na gut. Kein Hotel? Dann eben ein Stall. Flucht? Wenn es sein muss.

Umso banaler wird mein Adventstress. Deshalb will ich der Versuchung widerstehen, Weihnachten in Gold zu packen. Ich widerstehe dem Glauben, Heiligabend müsste alles glänzen. Ich will den Staub von meiner Seele wischen, möglich, dass der Staub in den Ecken liegen bleibt. Ich widerstehe der Vorstellung, dass in anderen Wohnzimmern Tante und Tanne strahlen und das Weihnachts-Menü von leichter Hand gekocht wurde. Jesu Windeln waren nicht rein. Ich widerstehe dem Wunsch, Weihnachten müsste irgendetwas fertig sein. Im Gegenteil: Weihnachten fängt alles an.

So geht’s:

„Alle Jahre wieder / kommt das Christuskind / auf die Erde nieder / wo wir Menschen sind.“
Kommt so oder so, auch ohne dass ich irgendetwas tun muss.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/18