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Saintsegseg und die Rentiere

Notiz #6: Über eine Schamanin in der mongolischen Taiga & und als ich dem heiligen Rentier begegnete.

Ein Waisenkind in der Sowjetunion

Die Schamanin Saintsegseg wusste lange Zeit nichts von ihrer ältesten Schwester, die als Kind alleine in der Sowjetunion zurückgeblieben war. Damals, in den 50ern, als eine Handvoll Dhuka-Rentiernomadenfamilien eine nächtliche Flucht über die schneebedeckten Berge in die Mongolei wagten, um ihre Rentiere vor der Zwangskolchosierung und somit ihre Zukunft als Nomadenvolk zu retten. Ein Kind mehr im sowjetischen Waisenapparat, das langsam seine nomadischen Wurzeln und seine Sprache vergaß. Erst 60 Jahre später lernte Saintsegseg die Schwester kennen. Ein viel zu kurzes Treffen zwischen zwei Fremden.

Die mongolische Taiga

Wölfe in der Taiga

Saintsegseg erblickte tief in den Wäldern der mongolischen Taiga, nahe der Grenze zu Sibirien, die Welt. Sie war ein schwächliches, zartes Kind, das von Anfang an irgendwie anders war und doch lange Zeit nichts von seiner Bestimmung wusste. Wie all ihre Geschwister führte sie morgens die Rentiere zu den schneebedeckten Lichtungen der Taiga und brachte sie abends wieder in die schützende Nähe ihrer Tipis. Denn Nachts übernahmen die Wölfe das Kommando. Ihr Heulen ist noch immer das Einschlaflied der Dhuka, für die der Wolf der Grenzgänger zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten ist.

Natalie Halla

Quer durch die Mongolei

Ich flog im Spätherbst von Wien über Moskau nach Ulan Baator, durchquerte bei Schneesturm vierzehn Stunden lang eingekeilt in einem Überlandbus die baumlose mongolische Steppe Richtung Nordwesten, fuhr zwei Tage lang in Schritttempo in einem desolaten Geländewagen querfeldein bis an die sibirische Grenze, übernachtete unterwegs in den dreitausend Meter hoch gelegenen Jurten der Yak Hirten und legte total erfroren und erschöpft den letzten Abschnitt durch die Wälder der Taiga auf dem Rücken eines Rentiers zurück. Ich erreichte die Dhuka kurz vorm Dunkelwerden, kurz bevor die Wölfe das Kommando übernahmen.

 

Saintsegseg

Dann stand ich vor Saintsegseg und alles andere war vergessen. Eine kleine, ältere Frau mit russischem Kopftuch und gefüttertem Mongolenmantel, die mich schüchtern anlächelte und sehr sanft in ihrer Dhuka Sprache mit mir sprach, so als könnte ich sie verstehen. Ich hatte Glück, denn ihr kleiner Nomadenstamm war gerade erst vom entfernten Herbstlager ins tiefer gelegene Winterlager gezogen, sonst hätte ich sie vielleicht nie gefunden. Und ich hatte doppeltes Glück, denn ich begegnete Saintsegseg genau an dem Tag, an dem Mond, Sonne und Sterne eine für die Dhuka heilige Konstellation bildeten, die ihnen ermöglichte, mit ihren Ahnen Kontakt aufzunehmen.

Natalie Halla in der mongolischen Taiga

Schnee, der nicht mehr fällt

Bei meiner Ankunft schneite es. Dicke Flocken, die der Wind durch die Kiefern wirbelte. Ich wusste nicht, dass die Dhuka seit Wochen auf diesen Schnee gewartet hatten. Ein Schnee, der aufgrund des Klimawandels immer seltener und in viel zu geringer Menge fällt. Das Überleben der Rentiere hängt jedoch vom Schnee ab und die Dhuka ahnen, dass ihre Tage gezählt sind. Vergebens schütten sie täglich Rentiermilch in den Wind, um Mutter Erde zu besänftigen.

Das heilige Rentier

Ich blieb nur zwei Nächte bei Saintsegseg. In der zweiten Nacht rief sie tanzend und singend die Geister, verkleidet in ihrem gefransten Schamanenkostüm, in der Hand ihre Trommel. Sie bat mich mein persönliches Anliegen vorzutragen, doch ich hatte keines. Ich bin mit meinem Leben im Reinen, habe drei gesunde Kinder und ein unheimliches Lebensglück, das mich ständig begleitet. Saintsegseg sagte mir dennoch eine glückliche Zukunft voraus und ich solle aufhören, so scharf zu essen. Ich verfluchte insgeheim die mongolischen Geister und beschloss trotzdem, dem Rat zu folgen, denn wollte ich an meine glückliche Zukunft glauben, musste ich auch allem anderen Glauben schenken.

Die Schamanin Saintsegseg

Kurz vor meiner Abreise stellte mich Saintsegseg ihrem „heiligen Rentier“ vor. Ein erhabenes grauweißes Tier, das nur die Geister reiten durften. Ich fragte Saintsegseg wehmütig beim Abschied, ob ich zurückkommen würde. Sie betrachtete mich eine Zeit lang und sagte dann: in den nächsten drei Jahren. An diesen Hoffnungsschimmer klammere ich mich jetzt, während ich langsam die sibirische Taiga und die von Hügeln durchwachsene mongolische Steppe hinter mir lasse. Ein winziger Teil meiner Seele blieb bei Saintsegseg zurück. Den werde ich irgendwann heimholen.

Natalie Halla

Natalie Halla

spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet als unabhängige Filmemacherin. Ihre „Notizen einer Abenteurerin“ bieten sehr persönliche Einblicke in eine unbekannte, spannende Welt abseits üblicher Reiserouten und befassen sich auch mit sozialen und humanitären Ungerechtigkeiten, denen sie begegnet ist.
www.nataliehalla.com

Foto: Alexandra Grill

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