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Ein leeres Basislager

Notiz #5: Meine Wanderung in ein winterliches Basislager & als Reinhold Messner mir die Angst nahm

Eine unerwartete Reise

Meine Facebookseite ziert ein Foto, auf dem ich neben Reinhold Messner vor dem berüchtigten Khumbu-Gletscher am Fuß des Mount Everests stehe. Was ich dort neben Reinhold Messner zu suchen hatte, fragen mich alle. Und ich lache immer: ich weiß es selbst nicht. Alles begann mit einem Anruf, in dem meine spanische Freundin Nahia mich bat, sie nach Nepal zu begleiten. Sie müsse bei den Behörden in Kathmandu den Mount Everest permit des baskischen Extrembergsteigers Alex Txikon, dessen Managerin sie war, verlängern. Ihr Plan war, Alex Txikon im Mount Everest Basislager zu besuchen und seinen Aufbruch zur ersten Wintererstbesteigung zu filmen. Die Sensation dabei war, dass Reinhold Messner seinen Besuch angekündigt hatte, um bei diesem vielleicht historischen Moment dabei zu sein. Zweimal hatten es Alex Txikon und sein Team bisher hinauf ins Lager 3 am Südsattel des Mount Everest geschafft, doch infernale Winterstürme und Temperaturen unter 60 Grad hatten sie jedes Mal zum Rückzug gezwungen.

Der gefährlichste Flughafen der Welt

Eine Woche nach dem überraschenden Anruf saß ich bereits neben Nahia in einem winzigen Flugzeug im Landeanflug auf eine noch winzigere Landebahn, die an einem Abgrund begann und in einer Felswand endete. Mehr Platz zum Landen bot der Himalaya anscheinend nicht. Von Lukla, dem gefährlichsten Flughafen der Welt, marschierten wir in zwei Tagen bis zum 3700 m hoch gelegenen Dorf Namzeh Basar. Wir waren vollkommen untrainiert und unakklimatisiert. Für beides hatten wir keine Zeit mehr gehabt. Die beiden Nächte waren die schlimmsten meines Lebens, weil mir die Höhe und die eisige Kälte des himalayischen Winters zu schaffen machte. Doch tagsüber genoss ich das Wandern durch die tiefen Schluchten, das Überqueren der Hängebrücken und den unendlich schönen Anblick der nahen Achttausender. Sorgen machte ich mir nur, wie mein Körper ohne Akklimatisierung den Aufenthalt im 5600 m hoch gelegenen Basislager des Mount Everest verkraften würde.

Drei gelbe Punkte im Nichts

In Namzeh Basar angekommen holte uns ein Militärhubschrauber ab und versuchte bei starkem Sturm vergeblich, am Fuß des Khumbu-Gletschers aufzusetzen. Es war wie ein Flug direkt in die Hölle, in der ein menschenleeres Basislager auf uns wartete. Alex Txikons Zeltlager leuchtete winzig klein aus der unendlichen Weite dieses gewaltigen Naturschauspiels hervor. Drei gelbe Punkte inmitten des Nichts.

Reinhold Messner

Irgendwann gelang die Landung und ich kletterte benommen von der Schönheit dieses Ortes aus dem Hubschrauber und japste nach Luft, die viel zu wenig Sauerstoff für mich enthielt. Und da stand er vor mir wie eine tollkühne Halluzination: Reinhold Messner, der Mann, der diesen Berg gemeinsam mit Peter Habeler als erster Mensch der Erde ohne Sauerstoff bestiegen hatte. Ihn hier in einem menschenleeren Basislager anzutreffen war ein Geschenk des Himmels.

Ein letzter Versuch

Reinhold Messner zerstreute meine Ängste: Die Gefahr einer akuten Höhenkrankheit käme erst in der Nacht. Solange ich vor Einbruch der Dunkelheit hier wieder wegkäme wäre alles in Ordnung. Nach Luft ringend filmte und filmte ich, während der Himmel sich langsam verdunkelte. Reinhold Messner machte sich Sorgen. Er kannte die Zeichen der Natur und wusste, dass das Wetterfenster sich dramatisch verkürzen würde. Doch Alex Txikon war bereit zum Aufbruch. Er plante eine Schnellattacke. Ein letzter Versuch mit Leichtgepäck, ohne Zelt und Schlafsack.  Er hatte nicht vor zu schlafen, denn in den Nächten kam meistens der Tod. Hinauf auf den Gipfel und hinunter, so schnell es ging, heraus aus der Todeszone, noch bevor die herannahenden Schneestürme alles verschlucken würden, was da oben noch lebte. Das war sein Plan. Wir verabschiedeten uns beklemmt von ihm und ich filmte, als er los ging. Ein kleiner gelber Punkt vor den riesigen Eiswänden des Khumbu-Gletschers.

Das Ende der Geschichte? Alex Txikon überlebte seinen letzten Erstbesteigungsversuch, erreichte jedoch nie den Gipfel. Und ich durfte beim Heimflug neben Messner sitzen und ihn dabei beobachten, wie er im Stillen von seinem Berg Abschied nahm. Jener Berg, der ihn unsterblich gemacht hatte.

Natalie Halla

Natalie Halla

spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet als unabhängige Filmemacherin. Ihre „Notizen einer Abenteurerin“ bieten sehr persönliche Einblicke in eine unbekannte, spannende Welt abseits üblicher Reiserouten und befassen sich auch mit sozialen und humanitären Ungerechtigkeiten, denen sie begegnet ist.
www.nataliehalla.com

Foto: Alexandra Grill

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