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Zu gut zum Wegwerfen

Brauchen wir wirklich so viel Zeug? Immer mehr Menschen haben Lust auf einen reduzierten Lebensstil und schützen damit die Umwelt.

Der sogenannte „Welterschöpfungstag“ war heuer so früh wie noch nie: Bereits im April hatte die österreichische Bevölkerung jene Ressourcen verbraucht, die die Erde in einem Jahr erzeugen kann. Wir bräuchten also drei Planeten zum Überleben, wenn die gesamte Menschheit unseren Lebensstil teilen würde. Tut sie ja nicht, könnte man sagen. Doch seit der Klimakollaps bedrohlich näher rückt, findet ein Umdenken statt, und viele fragen sich: „Ist es ein gutes Leben, immer mehr zu arbeiten, um immer mehr konsumieren zu können?“ „Man kann sehr viel bewirken, indem man sich auf das Wesentliche konzentriert und nur das kauft, was man tatsächlich braucht“, sagt Lena Steger von der Umweltschutzorganisation ­Global 2000. Als Ressourcen-Campaignerin beschäftigt sie sich mit dem Lebensstil und dessen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt weltweit. „Jedes Produkt, das nicht produziert werden muss, ist ein Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz“, sagt sie. In Österreich gibt es bereits zahlreiche Initiativen und Einzelpersonen, die der Verschwendung Paroli bieten.

Lebensmittel

In Wien werde jeden Tag so viel Brot entsorgt, wie Graz verbraucht – als der Filme­macher Erich Wagenhofer das und viel Skandalöses mehr über die Produktion von und den Umgang mit Nahrungsmitteln in seiner Dokumentation „We Feed the World“ aufdeckte, waren die ZuseherInnen empört. Heute, 15 ­Jahre später, hat sich nicht viel geändert: Jährlich landet in Österreich eine Million Tonnen Lebensmittel im Müll, rund die Hälfte davon stammt aus Haushalten. „Allein die Lebensmittelverschwendung ist verantwortlich für acht Prozent der Treib­hausgasemissionen weltweit“, weiß Lena Steger. Ein Drittel der produzierten Nahrung landet weltweit im Müll, wofür EinzelhändlerInnen und KonsumentInnen in den reichen Ländern des Nordens die Hauptverantwortung tragen.

Diese Nachlässigkeit hat massive Auswirkungen auf die Umwelt, denn die Lebensmittelproduktion braucht ungeheure Ressourcen. „Die Hälfte des bewohnbaren Landes wird für Landwirtschaft genutzt“, erklärt Lena Steger. Pestizide und Kunstdünger verseuchen die Böden. Für die Viehhaltung und den Anbau von Futtermitteln werden enorme Flächen in Beschlag genommen. Und der größte Teil der Treibhausgasemissionen in der Lebensmittelproduktion – verantwortlich für mehr als ein Viertel des CO2-Ausstoßes insgesamt – sind der Viehhaltung und der Fischerei zuzuschreiben. Die 60 Kilo Fleisch, die in Österreich pro Kopf und Jahr verzehrt werden, sind also definitiv zu viel.

Pflanzen essen

„Nahrungsmittel stehen im Mittelpunkt der Bemühungen, den Klimawandel zu bekämpfen, gegen Wasserknappheit vorzugehen und die Umweltverschmutzung zu reduzieren“, erklärt Steger. Land müsse wieder mit Wäldern bepflanzt oder in Grasland umgewandelt werden, um die Tierwelt zu schützen, denn von den 28.000 Wildtierarten, die vor dem Aussterben stehen, sind ganze 24.000 durch die Landwirtschaft und die Aquakultur bedroht. Was KonsumentInnen tun können? Mehr pflanzliche Produkte, bio, regional und saisonal einkaufen, der Wegwerfmentalität im eigenen Haushalt entgegentreten. Ein neues Bewusstsein wächst bereits: Biokistln aus der Region finden immer mehr AbnehmerInnen, Lebensmittelkooperativen entstehen, in verpackungsfreien Läden wird nach Dekagramm verkauft, Obstbäume werden der Öffentlichkeit zum Ernten überlassen und das rechtlich umstrittene „Dumpstern“, die Entnahme von Lebensmitteln aus Abfallcontainern von Supermärkten, gibt einen Abenteuerkick nebst Gratisessen.

Zu gut zum Wegwerfen

KLEIDUNG

„Besitz belastet“, sagt ein altes Sprichwort. So gesehen führen all jene, die einen übervollen Kleiderschrank haben, ein besonders stressiges Leben. Und davon gibt es genug: Wer in Österreich lebt, besitzt im Durchschnitt 156 Kleidungsstücke, kauft jedes Jahr 60 Stück neu und entsorgt 35. „Jährlich fallen in Österreich mehr als 115.000 Tonnen Alttextilien an, von denen 70.000 im Restmüll landen“, erklärt Lena Steger. Grund für den steigenden Klamottenkonsum seien die immer weiter sinkenden Preise und die Schnelligkeit, mit der neue Kollektionen auf den Markt kommen.

Wer bei H&M, Primark und Zara auf Schnäppchenjagd geht und so kurzfristigen Einkaufsgenuss verspürt, denkt selten an jene, die die Billigware produzieren: meist Frauen in Bangladesch, China, Indien oder anderen Schwellenländern. Sie arbeiten für geringe Löhne unter schwierigsten Bedingungen und tragen auch die Last der Umweltschäden. „Die Produktion der Rohmaterialien, das Spinnen, Weben und Färben, erfordert enorme Mengen an Wasser, Chemikalien und Pestiziden, die für den Anbau von Rohstoffen wie Baumwolle gebraucht werden“, so Steger.

Schenken tut gut

Und wenn wir nur mehr halb so viel Kleidung kaufen würden? Global 2000 hat recherchiert, dass wir dann pro Jahr 1,85 Millionen Tonnen CO2-Emissionen einsparen würden. Auch bei der Kleidung gilt also: Weniger ist mehr. Besser langlebige und fair gehandelte Modelle erstehen als Unmengen an Billigkleidung (Infos gibt es zum Beispiel hier: www.global2000.at/faire-mode).

Eine gute Alternative sind auch Kleidertauschmärkte, Secondhand-Geschäfte oder Kostnixläden, wie Beatrix ­Altendorfer einen in Graz eröffnet hat. Die Mitarbeiterin einer Steuerberatungskanzlei kam sich an ihrem Arbeitsplatz manchmal „wie ein Alien“ vor: „Die Leute denken oft nur daran, wie sie ihr Geld vermehren können.“ Und so beschloss sie, ein Gegenmodell zu entwerfen, und gründete die Plattform „Nachhaltig in Graz“, bei der auch Tauschen und Schenken eine wichtige Rolle spielen. Die Initiative hat mittlerweile nicht nur den österreichischen Klimaschutzpreis, sondern auch NachahmerInnen im ganzen Land gewonnen. Neben der Umwelt profitiert der Mensch ganz persönlich, ist Altendorfer überzeugt: „Das Schenken und Beschenktwerden macht etwas mit uns – es tut einfach unglaublich gut.“

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GERÄTE

Waschmaschine kaputt? Flugs wird eine neue gekauft, denn die Werbung verspricht, dass die weitaus energiesparender ist. Aber Achtung, warnt Global 2000: „Für das Klima ist es viel sinnvoller, eine gebrauchte Waschmaschine zu kaufen! Denn Herstellung und Entsorgung einer Waschmaschine machen bis zu 80 Prozent der CO2-Bilanz des Wäschewaschens aus.“ Ähnlich ist es beim Smartphone: Die Produktion erzeugt einen fünf- bis zehnmal so hohen Energieverbrauch und CO2-Ausstoß wie der tägliche Gebrauch. Metalle, aus denen die Geräte hergestellt sind, werden oft unter äußerst umweltschädlichen Bedingungen abgebaut. „Nur weil wir das bei uns nicht so direkt spüren, hat es dennoch in anderen Regionen dieser Erde immense Auswirkungen. Der Klimawandel kennt auch keine nationale Grenze“, sagt ­Steger. Wirtschaftliches Kalkül spiele dabei oft eine böse Rolle: Bei Elektrogeräten werde die Produktlebensdauer geplant verkürzt, um den Konsum anzukurbeln. Deshalb fordert sie eine Kennzeichnung, für welche Nutzungsdauer das Gerät gebaut wurde. Denn: „Am besten ist es, auf langlebige Produkte zu setzen.“

Reparaturen fördern

Langsam steuert die Politik um: Auf EU-Ebene wird mehr und mehr darauf gedrängt, dass Produkte so produziert werden, dass sie sich auch reparieren lassen; Städte wie Graz und Länder wie Niederösterreich setzen auf Reparaturförderungen, und auch bei den KonsumentInnen wächst das Bewusstsein. Zwar wird immer noch das weitaus meiste Geld für das Reparieren von Autos ausgegeben, doch auch Handys und andere Geräte werden zunehmend secondhand gekauft. Das hat nicht nur finanzielle Gründe, auch die Freude am Wiederverwerten spielt eine Rolle. Ehrenamtliche Initiativen wie die wachsende Zahl an Repair-Cafés haben zudem einen sozialen Effekt: Gemeinsam kaputte Geräte wieder in Gang zu setzen macht Spaß und fördert den Austausch untereinander.

„Bisher sind das eher noch Randbewegungen, die aber unbedingt weiter vorangetrieben werden sollten“, so Lena Steger. Mit Vermeidung von Konsum, Reparatur und Wiederverwendung könne man vor allem die lokale Wirtschaft unterstützen, sei weniger abhängig vom internationalen Markt und habe kurze Transportwege. Steger hofft auf ein Umdenken durch die Covid-19-Krise, die gezeigt habe, „wie wichtig es ist, eine klein strukturierte Wirtschaft zu fördern und damit in Krisenzeiten auch unabhängiger zu sein“.

Welt Der Frauen September 2020Lesen Sie mehr über Initiativen in den Bereichen Lebensmittel, Kleidung und Geräte in unserer Printausgabe.
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Erschienen in „Welt der Frauen“ September 2020

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