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01-02/23

Wohlig unbewegt

Wohlig unbewegt

Lange Winternachmittage, ein Sofa, ein stilles Zimmer und ein Buch.

Ein ganz und gar wunderbarer Satz stammt aus der Feder des irischen Schriftstellers Gerard Donovan: „Der Winter ist fünfzig Bücher lang und heftet einen an die Stille wie ein aufgespießtes Insekt.“ In den Ohren mancher mag das kriegerisch und bedrohlich klingen. Immerhin geht es ums Aufspießen und ums unbewegliche Fixiertsein. In meinen Ohren tönt der Satz wie eine schöne Melodie. Ich stelle mir dann ein Sofa in einem angenehm temperierten Zimmer vor. Die Tür ist zu, draußen vor dem Fenster dämmert ein eiskalter Nachmittag der frühen Dunkelheit entgegen. Die Stille ist so vollkommen, wie man sie derart stark nur empfindet, wenn einen meist eine vielstimmige Geräuschkulisse umgibt. Im Halbdunkel des Zimmers strahlt nur ein kleiner Lichtkegel, gerade groß genug, um Buchseiten zu erleuchten. Und dann darf man eintauchen ins Wieder- und Weiterlesen eines Lieblingsbuchs, auf das man sich schon seit Tagen unbändig freut. Sagen wir ein Buch wie Henry de Monfreids „Die Geheimnisse des Roten Meeres“, ein Klassiker der französischen Abenteuerliteratur aus dem Jahr 1923. In Nullkommanichts bläst einem das den Kopf frei. Wie ein Odysseus des Roten Meeres stellt sich de Monfreid in seinem autobiografischen Roman listenreich Piratenangriffen und Fallen, Verfolgungsjagden auf hoher See und tückischen Untiefen, während er nach Perlen taucht und Haschisch oder Waffen schmuggelt.

„Seit meiner Mädchenzeit setzt sich eine ruhige und wesentliche Konstante meines Lebens aus diesen Elementen zusammen: lange Winternachmittage, ein Sofa, ein stilles Zimmer und ein Buch.“

Dass einer so ein unverdrossenes Vergnügen an der Tollkühnheit hat, so lustvoll seinen Körper den größten Anstrengungen aussetzt und angesichts von Gefahr nicht in Zaudern, sondern in kalkulierte Kaltblütigkeit verfällt, katapultiert einen selbst, die man wohlig unbewegt auf dem Sofa liegt, in Raketenschnelle weit hinaus in die exotischsten Fantasiewelten. Es kann natürlich auch ein Buch wie W. G. Sebalds „Die Ringe des Saturn“ sein, im weitesten Sinne erneut ein Werk der Reiseliteratur, diesmal die hochpoetische, grandiose Beschreibung einer Wanderung durch die englische Grafschaft Suffolk aus dem Jahr 1992. Darin durchwandert der bewunderungswürdige Sebald (1944–2001) Landschaften und Jahrhunderte. Sebald war ein Sammler von Schicksalen, einer, der sich gern Begebenheiten erzählen ließ, durch die Gegend fuhr, Briefe und Tagebücher studierte, den Staub von vergilbten Dokumenten blies, Familienfotos sichtete, Zeitungsstellen zuordnete, archivierte und sammelte, bis sich daraus ein Bild zusammensetzen und darüber schreiben ließ. Als ich seine „Ringe des Saturn“ vor über zehn Jahren das erste Mal las, zwang ich mich ab der Hälfte zu einem langsameren Tempo, damit das Buch nur ja nicht zu schnell vorbeiginge. Auch damals lag ich winters in einem stillen Zimmer auf einem Sofa. Seit meiner Mädchenzeit setzt sich eine ruhige und wesentliche Konstante meines Lebens aus diesen Elementen zusammen: lange Winternachmittage, ein Sofa, ein stilles Zimmer und ein Buch.