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Wie viel Wärme braucht der Mensch?

Wärme durchströmt alles. Sie sorgt dafür, dass die Erde besteht und dafür, dass wir sein dürfen. Wenn die Wärme verschwindet, wird alles kalt und still, dann endet das Leben. Eine Annäherung an ein menschliches Grundgefühl, das kultiviert werden muss, um nicht verloren zu gehen.

Das Schönste an langen Winterspaziergängen im Schnee ist das Nachhause kommen. Instinktiv wickeln wir uns in eine Decke, nehmen ein Schaumbad oder setzen uns mit einer Tasse Tee vor den Kamin, um die innere Kälte zu vertreiben und uns am knisternden Feuer zu wärmen. Sein Klang, sein Duft, die Farben – sie berühren. Ohne Zutun werden wir ruhig, dankbar, zufrieden, und staunen, dass in solchen Momenten sogar die zappeligsten Kinder plötzlich innehalten. Die Wirkung von Wärme als unmittelbare Sinneserfahrung beeinflusst unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Doch was ist Wärme eigentlich?

Eine physikalische Größe, antworten PhysikerInnen. Anfang des 19. Jahrhunderts hielten sie Wärme noch für eine Flüssigkeit namens Caloricum, die weder Gewicht habe noch Körper durchdringen könne. Inzwischen ist bekannt, dass Wärme eine Energieform ist, die von einem zum anderen Körper oder von einem zum anderen System übertragen werden kann, wobei sie nach der Thermodynamik stets vom Ort höherer Temperatur zum Ort tieferer Temperatur fließt und dadurch die Zustände der Systeme verändert. Seelsorgerisch tätige Menschen definieren Wärme im Prinzip ähnlich. Sie beschreiben sie als Lebenskraft, die durch Zuwendung, Vertrauen und den freien Fluss von positiven Emotionen entfacht wird und sich erhöht, wenn sie zwischenmenschlich gespendet wird – etwa durch Güte, Milde, Sanftmut und Beistand.

EINE URERFAHRUNG
„Wir erleben Wärme bereits im Mutterleib und bleiben ein Leben lang auf sie angewiesen“, sagt Stefanie Höhl, die Leiterin des Arbeitsbereichs für Entwicklungspsychologie an der Uni Wien. „Schon im Mutterleib befinden wir uns in einer warmen Umgebung. Die Temperatur des Fruchtwassers, das uns umspült, liegt bei wohligen 37,5 Grad. Dieses laue Klima im Uterus ist existenziell, damit wir wachsen und uns entwickeln können. Auch in den Monaten nach der Geburt ist Wärme lebensnotwendig, denn Säuglinge können ihre Körpertemperatur noch nicht alleine regulieren. Sie gehören warm eingepackt, sonst kühlen sie aus.“ Ein besonderes Bedürfnis nach Wärme hätten Frühchen. Da ihre Fettschicht noch nicht ausgebildet sei, werde ihre Körpertemperatur im Brutkasten aufrechterhalten. Aber mit Inkubator-Wärme sei es nicht getan, so Höhl: „Mittlerweile setzt die Neugeborenen-Medizin die Känguru-Methode ein. So wie Beuteltiere ihren unreifen Nachwuchs am Körper tragen, werden auch Frühchen Haut auf Haut auf die Brust der Eltern gelegt, sodass sich deren Körperwärme direkt auf das Kind übertragen kann.“

In Zimmern, in denen Babys schlafen, sollte es aber nicht zu warm sein. Ideal sind 18 Grad. Im Schlaf besteht nämlich die Gefahr, dass sie überhitzen. Um das Risiko des plötzlichen Kindstods zu reduzieren und den Säuglingen die Atmung zu erleichtern, rät die Entwicklungspsychologin Kissen und Kuscheltiere aus der Wiege zu nehmen. „Hat es im Raum hingegen wohltemperierte 22 Grad, kann man Kleinkinder auch mal nackt umhertollen lassen. Nacktheit in warmer Atmosphäre fördert nämlich laut dem Konzept des Prager-Eltern-Kind-Programms die Motorik der Kleinen, weil sie ihnen einen größeren Bewegungsspielraum ermöglicht. In etlichen Städten werden schon Krabbelkurse in warmen Räumlichkeiten angeboten“, sagt Höhl. In diesen Gruppen erfahre ein Kind, dass Wärme mit Nähe und Geborgenheit einhergehe. Denn die Inselrinde im Gehirn feuere sowohl bei der Wahrnehmung physikalischer Wärme als auch bei Zuwendung.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

 

 

 

„Als ich jünger war, habe ich Wärme vermisst. Seit ich jeden Tag auf Fülle in meinem Leben achte und Dinge tue, die mich freuen, breitet sie sich wie von selbst aus.“ Yvonne Ammar, Psychotherapeutin

 

 

 

 

„Warm ums Herz wird mir, wenn die Gesichter von  meinem Mann,  den Söhnen und meiner Tochter beim Abendessen  vom Kerzenlicht beleuchtet werden.“ Susanne Pointner, Paartherapeutin

 

 

 

„Wärme schenke ich durch Zeit, Aufmerksamkeit und Berührung.  All das sind  Sprachen der Liebe.“ Helmut Eder, Theologe

 

 

 

 

„Wärme generiere ich für mich in stillen Momenten, allein, mit einem guten Buch auf der Couch.“ Stefanie Höhl, Psychologin

Erschienen in „Welt der Frauen“ 12/18