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„Was ich mir vornehme, setze ich um“

Natalie Halla hat sich das Filmemachen selbst beigebracht. Mittlerweile heimst sie bei internationalen Festivals Preise ein. Derzeit ist die Linzerin und dreifache Mama mit einem neuen Film in den Programmkinos.

Der erste Film erzählt von Nico, Natalie Hallas erstem Kind, das nur kurz in ihrem Leben blieb. „Die Fehlgeburt war für mich sehr traumatisch“, erzählt die heute 43-Jährige. Damals war sie gerade ein Jahr mit ihrem spanischen Ehemann verheiratet gewesen. In diesem Lebenstief griff sie zum ersten Mal zur Kamera, die sie von ihrem russischen Gastvater zur Hochzeit bekommen hatte. Dazu muss man wissen, dass Natalie Halla erstens gerne reist und sich zweitens schon in jungen Jahren die Welt angeeignet hat. Als 16-Jährige setzte sie sich in den Kopf, ein Auslandsjahr in Moskau zu absolvieren. Und das, obwohl es 1992 noch keine Institution gab, die solche Aufenthalte organisierte. Aber sie hatte es zuvor schon geschafft, an ihrem Gymnasium eine Russisch-Klasse zu etablieren, weil sie das unbedingt wollte. So verbrachte sie das erste Jahr, das Russland als Demokratie probierte, in Moskau. Aus irgendeinem Grund war sie damals schon überzeugt, einmal Dokumentarfilmerin zu werden.

FILME UND KINDER
Mit dem Mut der Anfängerin stellte sie sich mit ihrem Zehnminutenfilm über Nico der Jury eines Filmfestivals und kam gar nicht so schlecht davon. „Es war mir eine Bestätigung, dass ich doch dafür Talente habe“, sagt sie. Außerdem löste jede Aufführung eine Tränenwelle bei ihr aus und erinnerte so an den tiefen Schmerz. Inzwischen sind dem ersten drei weitere Kinder gefolgt. Die Familie lebt nach vielen Jahren in Spanien nun am Linzer Bachlberg. „Das ist mein Basecamp, das geht mit drei Kindern nicht anders. Aber es ist auch egal, durch meine Filme komme ich auch zu meinen Reisen“, erzählt Halla im gemütlichen Familienwohnzimmer. Sie holt aus einem Regal einige DVDs, bläst etwas Staub von der Hülle – „So bin ich als Hausfrau!“ – und erzählt von den Themen, die sie beschäftigen.

THEMEN AUS DEM LEBEN
Im Film „Drogenmütter“ hat sie ihre Erfahrung beim Drogenkontrollprogramm der UNO in Lima, Peru, verarbeitet. Dorthin ging sie nach ihrem Jusstudium, getrieben von der Idee, einmal im diplomatischen Dienst zu arbeiten. Doch die Bürokratie war nicht so das Ihre. Aber der Teufelskreis von Armut und Drogenanbau und Drogenhandel, der besonders auch Frauen betrifft, animierte sie zu einer Dokumentation. Ihre Diplomarbeit über Menschenrechte und Religionsfreiheit in Israel führte sie in den Nahen Osten. „Separated“ („Getrennt“) heißt ein Film über Mauern. Menschen, die abgetrennt worden sind, erzählen: Palästinenser, Roma, Marokkaner. In „Gaelle“ begleitete ­Natalie Halla ein spanisches Feuerwehrteam ein Jahr nach dem Erdbeben in Haiti zum Ort ihres Einsatzes. Wie sich zeigt, hat der Einsatz schwere Traumata hinterlassen, weil beispielsweise ein Mädchen nicht gerettet werden konnte. Als dann ihre Kinder klein waren, widmete sich Natalie ­Halla leichteren Themen. Ein Film über den Waldkindergarten ihres mittleren Sohnes porträtiert das Leben der „Wurzelkinder“ und „Ein Spiel der Gene“ erzählt von einem jungen Komponisten, der direkt von Franz Liszt abstammt.

UMWELT UND FLÜCHTLINGE
Ihre beiden jüngsten Filme berühren wieder größere Dimensionen. „Life in Four Elements“ zeigt vier Menschen, die jeweils im Element der Luft, des Wassers, des Feuers und der Erde ihre Entsprechung und ihr intensives Erleben gefunden haben. Der derzeit aktuelle Film „­Nowhere“ knüpft wieder biografisch an. Natalie Halla ist mit drei leiblichen Geschwistern aufgewachsen und zwei vietnamesischen Ziehbrüdern. Der jüngere der beiden, Ngoc, ist für sie „ein echter Bruder“. Er lebte ganz selbstverständlich mit der Familie in Linz, bekam die gleiche Ausbildung, wurde ein gefragter TCM-Arzt, der vielen kinderlosen Paaren hilft. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Österreich kamen, gewann Ngocs Geschichte für Halla noch tiefere Bedeutung. Er war 1979 als Bootsflüchtling aufgebrochen und schließlich in Österreich angekommen. Seine Eltern hatten ihn und seinen Bruder weggeschickt, um die Kinder vor dem Verhungern zu retten. „Das ist ja seine Geschichte“, schoss es Natalie angesichts der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten durch den Kopf. Sie wollte sie erzählen, rückwärts, von Linz nach Vietnam, und so, dass Ngoc sie seinem Sohn erzählt. Um Ngoc für die Erlebnisse zu öffnen, von denen er wenig berichtet hatte, reiste sie mit ihm zuerst nach Lesbos, um dort ankommenden Bootsflüchtlingen zu helfen. „Oft habe ich dann aber einfach auf die Kamera vergessen, weil es wichtiger war, zu helfen.“

FAMILIÄRE WURZELN
„Am Filmen gefällt mir einfach alles. Ich schreibe gerne Texte, ich mag Musik, ich liebe Bilder und Farben.“ Natalie Halla stellt aber auch die Finanzierungen für ihre Filme selbst auf, macht den Schnitt und das Marketing. Sie sei, sagt sie, keine Dokumentarfilmerin im engeren Sinn. Ihr gehe es auch um künstlerische, ästhetische Aspekte. Das mag auch ihrer familiären Prägung geschuldet sein. Ihre Großmutter, Anna Mutter, war eine renommierte Malerin, ihr Großvater Kunstprofessor. Die Ausdauer, Projekte umzusetzen, könnte ebenfalls familiär angelegt sein. Ihre Mutter, Mathilde Halla, war eine besonders engagierte Aktivistin der „Mütter gegen Atomgefahren“. Mit ihren Filmen verbindet Natalie Halla ebenfalls Ziele, die Menschen und Menschenrechte in den Mittelpunkt stellen: „Meine Filme sollen Menschen anregen, sich selbst etwas zu überlegen, Initiativen zu gründen, um die Welt besser zu machen oder im eigenen Leben etwas zu verändern.“

WISSEN RETTEN
Ihr nächstes Projekt heißt „Last Portraits“, also „Letzte Porträts“. Er wird Schamanen, Medizinmänner und eine Heilerin vorstellen, alle von indigenen Volksgruppen aus Sibirien, Ecuador, Namibia und den Phi­lippinen. „Ich bin überzeugt, dass wir von der Weisheit und dem Wissen der Urvölker, von ihrer Nähe zur Natur, sehr viel lernen können.“ Es werde wohl ein Zeitzeugnis sein, denn in ein, zwei Generationen werde es diese Menschen, deren Lebensräume zunehmend zerstört werden, nicht mehr geben. „Ich bin neugierig, in welche Welt ich dort eintauchen kann“, sagt ­Halla. Nun geht es wieder darum, Geld aufzustellen, um überhaupt die notwendigen Reisen machen zu können. Aber 2021 werde der Film fertig sein, ist Natalie Halla überzeugt. Ach ja, Natalie heißt sie, weil ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft so oft Gilbert Bécauds gleichnamiges Lied gehört hat. Oder weil sie in einem früheren Leben eine russische Revolutionärin gewesen sei, wie sie selbst vermutet. Irgendwie ist alles verbunden.

Die Filme der Natalie Halla

In „Separated“ erzählen Palästinenser, Roma, Marokkaner über ihr durch Mauern abgetrenntes Dasein. „Life in Four Elements“ zeigt vier Menschen, die in den Elementen Luft, Wasser, Feuer und Erde ihre Entsprechung gefunden haben. „Nowhere“ hat die Lebensgeschichte von ­Hallas vietnamesischem Ziehbruder Ngoc zum Thema. „Nowhere“ ist am 18. und 19. Juni in „Das Kino“ in Salzburg zu sehen. Downloads der Filme (kaufen oder leihen) unter www.nataliehalla.com

Natalie Halla spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet seit 2010 als unabhängige Filmemacherin mit dem Schwerpunkt auf sozialen und humanitären Themen. Sie lebt mit ihrer Familie in Linz.

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