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Ausgabe
01-02/23

Unterm schwarzen Himmelszelt

Unterm schwarzen Himmelszelt

Schön sind das Sterngucken in pechschwarzer Nacht und tiefe Blicke in eine ferne Vergangenheit.

Als ich aus dem Auto ausstieg, erfasste ein leichter, kühler Wind meine Haare und schickte mir ein kurzes Schaudern den Rücken hinunter. Im Auto war es warm gewesen, fast stickig. Der Wind weckte mich wieder auf. Es war eine klare, aber mondlose Nacht. Lang nach Mitternacht. Der Weg vom Parkplatz zum Haus dauert keine halbe Minute und normalerweise eile ich ihn, wenn ich spät heimkomme, mit eingezogenem Kopf entlang. Während ich gehe, taste ich schon nach dem Schlüsselbund in meiner Handtasche, in deren Bauch es nachts so schwarz ist wie in einem Bergstollen. Aber diesmal weckte etwas meine Aufmerksamkeit. Ich setzte zu einem ersten Schritt an. Unter meinen Sohlen machte der Kies sein vertrautes Knirschgeräusch. Ich blieb stehen. Rundum schwarze Nacht und große Stille. Auch das Haus lag stockdunkel da. Nur in weiter Ferne ein, zwei vereinzelte Lichter. Ich schaute nach links. Die Klettereiche unserer Tochter stand als grauschwarze Silhouette mit ihren fast horizontal ausgebreiteten Astarmen am Rand der großen Wiese. Das Moos auf Stamm und Ästen, das bei Tag ein fast giftiges Grün besitzt, schimmerte in dieser Nacht zart, als wäre der Baum mit ein wenig Silberpulver bestreut worden. Mit den Augen zeichnete ich die ausladende Form der alten Eiche von unten nach oben nach, bis hinauf in ihre breite Krone und dann darüber hinaus. Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute in den Himmel. Da war nicht irgendein Himmel, sondern einer von diesen glasklaren Sternenhimmeln, wie man sie in der Stadt niemals zu sehen bekommt. Wie sie sich nur zeigen, wenn es rundum wirklich dunkel ist. Der große Wagen stand schräg über mir. Ich drehte mich einmal im Kreis, folgte dem gesprenkelten Band der Milchstraße, verband im Geist die Sterne von Kassiopeia zum Himmels-W, hielt Ausschau nach der dicht gedrängten, geschwänzten Karoform des Delfins, meines liebsten Sternbilds, drehte mich ein weiteres Mal langsam um mich selbst und versank, von einem leichten Drehschwindel ergriffen, tiefer in diesem Anblick.

„Für einige Minuten bekam das Wort „Himmelszelt“ einen wahreren Sinn. Ich hatte das schon einige Zeit nicht mehr gemacht: So lange in den Nachthimmel zu schauen, eher zu starren, bis hinter den großen Sternen die kleineren sichtbar werden und dahinter die noch kleineren, noch weiter entfernten.“

Für einige Minuten bekam das Wort „Himmelszelt“ einen wahreren Sinn. Ich hatte das schon einige Zeit nicht mehr gemacht: So lange in den Nachthimmel zu schauen, eher zu starren, bis hinter den großen Sternen die kleineren sichtbar werden und dahinter die noch kleineren, noch weiter entfernten. So lange, bis es scheint, als würde sich der ganze Nachthimmel zu etwas Flimmerndem in Schwarz-Gold verflüssigen. Oder als wäre er ein juwelenbestickter schwarzer Brokatstoff. Je länger ich starrte, desto mehr kam es mir vor, als näherte sich mir der Himmel mit seinem Blinken und Blitzen und Glitzern und Funkeln an – oder ich mich ihm. Als tauchte ich in ihn ein und würde irgendwie Teil der Nacht und der Sterne, deren Licht schon Tausende, Abertausende oder Millionen von Jahren in Raum und Zeit unterwegs war, bevor es auf meine Pupillen treffen konnte und mir Grüße aus der tiefsten Vergangenheit überbrachte, sogar von Sternen, die vielleicht längst nicht mehr existierten. „Wir sind Sternenstaub, Minne“, sagte ich heiter zu unserer Katze, die schneeweiß aus der pechschwarzen Nacht aufgetaucht war und leise maunzte.