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So wahr wie ich bin

Auf Mädchen warten unzählige Möglichkeiten. Und Herausforderungen, die ihre Mütter sich nicht haben träumen lassen. Wie Eltern die Selbstwahrnehmung von Töchtern stärken.

Quer über den Innenhof eines dreistöckigen Mietshauses in Wien-Neubau geht es in die Erdgeschoßwohnung, das gemütliche Heim von Gertraud Steurer und ihren beiden Töchtern. Die 48-Jährige ist Integrationslehrerin für Volksschulkinder, die Trennung vom Vater ihrer Töchter liegt 15 Jahre zurück. „Ich habe mich damals im Haus mit einigen alleinerziehenden Frauen angefreundet, sodass die Mädchen immer jemanden zum Reden und Spielen hatten“, erzählt die gebürtige Vorarlbergerin.
In der Wohnküche duftet es nach Spaghetti Carbonara, von der heute 18-jährigen Laura Steurer liebevoll zubereitet. Neben ihr auf der Couch genießt ihre 25-jährige Schwester Lea gerade eine Portion Nudeln. Die vierte „Frau“ im Bunde streift um ihre Beine: die Hauskatze Kamikaze. Während Laura leidenschaftlich gern kocht, ist Leas Kraftquelle der Kampfsport. Seit ihrem zwölften Lebensjahr geht sie zum Boxen, Kickboxen und Taekwondo. „Es macht mir bis heute großen Spaß“, schwärmt die Lehramtsstudentin und betont, dass die Eltern ihre Interessen immer gefördert hätten.

DIE INTERESSEN FÖRDERN
„Was will ich? Was tut mir gut? Wie möchte ich mich kreativ ausdrücken?“ Wenn Heranwachsende sich ausprobieren können, finden sie viel über sich selbst heraus. „Der Grundstein für eine positive Selbstwahrnehmung wird innerhalb der ersten Lebensjahre in der Familie gelegt“, erklärt Christine Bischof, die in Wien als Familienberaterin arbeitet und sich vorwiegend an den Prinzipien des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul orientiert.
„Wie nehme ich mich wahr? Darf ich Fehler machen und scheitern? Fängt mich jemand auf?“ Dieser elterliche Rückhalt war bei Laura und Lea von klein auf gegeben. Ebenso die Möglichkeit, offen über alles zu sprechen. Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Sozial gut aufgehoben

Pubertierende grenzen sich von ihrer Familie ab, um ihre erwachsene Identität zu finden. Das erweiterte soziale Umfeld schärft die Selbstwahrnehmung.

Die Entwicklung in der Pubertät stellt Mädchen vor eine große Aufgabe: Sie müssen zu einer erwachsenen Identität finden und sich im Familien- und Freundeskreis neu positionieren. Die Möglichkeiten, sich in sozialen Gefügen zu erleben, sind unbegrenzt. Ob Mädchen tanzen, Fußball oder Tennis spielen oder sich ehrenamtlich engagieren: „Jeder Austausch mit anderen birgt die Chance, sich selbst zu reflektieren, weil man ja ein Feedback bekommt“, betont die Familienberaterin Christine Bischof. Durch die Reaktionen der anderen lässt sich die Selbstwahrnehmung verändern oder stärken – ein realistisches Selbstbild festigt sich. Als besonders stärkend erachtet die Expertin das Vorhandensein von „Räumen, in denen man sich ausprobieren darf, ohne bewertet zu werden“.

Das schulische Umfeld kann ebenfalls viel dazu beitragen, die Selbstwahrnehmung von Mädchen zu schärfen. Integrationslehrerin Gertraud Steurer verweist auf das Beispiel ihrer Schule, der „Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau“ in Wien. „Wir haben eine hohe Gesprächs- und Konfliktkultur. Für jegliche Art von Problemen gibt es ein Gesprächsumfeld“, berichtet sie. Als besonders stärkend erleben die Kinder, dass sie selbst Konflikte lösen können: Interessierte SchülerInnen lassen sich zu StreitschlichterInnen ausbilden und unterstützen andere Kinder im Streitfall. Durch tägliche Gesprächsrunden üben die Kinder sich in der Selbstwahrnehmung: „Was beschäftigt mich? Worüber möchte ich mich austauschen?“ „Selbst Kinder, die eher verschlossen sind, gehen nach einiger Zeit aus sich heraus“, beobachtet Steurer.
Was heranwachsende Mädchen in ihrer gesunden Entwicklung hingegen bremst, seien bestimmt Rollenklischees: „Sie wirken besonders nachhaltig und sind wie selbsterfüllende Prophezeiungen“, informiert Karin Gutiérrez-Lobos. „Dem Klischee zufolge sind Mädchen angeblich ruhig, angepasst und sprachlich begabt, Buben hingegen wild und an Naturwissenschaften und Technik interessiert.“ Hinzu komme, dass biologische Prozesse mit sozialen und kulturellen in ständiger Wechselwirkung stünden, ergänzt die Psychiaterin: „Hirnstrukturen unterliegen den Auswirkungen kultureller Einflüsse und sind veränderbar. Sagt man einem Mädchen beispielsweise, sie könne nicht gut rechnen, so wird sie bei Matheschularbeiten schlechter abschneiden.“ Eine gerade publizierte Studie aus den USA, für die der Psychologe David Miller von der Northwestern University in Evanston (Illinois) Zeichnungen ab den 1960er-Jahren ausgewertet hat, zeigt, dass für den Großteil der Kinder und Jugendlichen Forschung immer noch in erster Linie ein Männerberuf ist. Umgekehrt beeinträchtigen soziale Klischees die körperliche Selbstwahrnehmung. Untersuchungen zufolge verspricht man sich heute noch von einem schönen Körper bessere Partnerchancen, ein erfolgreicheres Berufsleben und höheres soziales Prestige.

Um die Spirale zu durchbrechen, sollten Eltern ihren Kindern Stereotype bewusst machen und diese gemeinsam hinterfragen. Mädchen sollten von klein auf gezielt in ihrem Forschergeist gefördert werden. Sie sollen experimentieren dürfen und dabei herausfinden, was ihnen Spaß macht.

„Jeder Austausch mit anderen fördert die Selbstwahrnehmung“, betont Familienberaterin Christine Bischof.

Mehr zum Thema von Psychiaterin Karin Gutiérrez-Lobos und Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig lesen Sie in der Printausgabe.

Foto: privat

Erschienen in „Welt der Frauen“ 06/18