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01-02/23

Hier zählt Menschlichkeit

Hier zählt Menschlichkeit

Vor 14 Jahren beschlossen Erwin Hehenberger (53) und seine Frau Petra (58), Suppen für armutsbetroffene Menschen zu kochen. Heute betreiben sie die Oberösterreichische Tafel, eine Sozialorganisation, die zu einer wichtigen Anlaufstelle für Bedürftige geworden ist.

Zehn Uhr vormittags in Wels. Vor einem kleinen Gebäude im Stadtteil Neustadt herrscht geschäftiges Treiben. Eine Gruppe Männer unterhält sich vor der Eingangstüre. Auf einem Fenster daneben klebt ein orangener Schriftzug: „Die OÖ Tafel“ steht da. Wer durch die Eingangstür des Gebäudes geht, findet sich in einem Speisesaal mit Großküche wieder, die Theke der Küche ist bedeckt. Da stehen Teller mit Aufschnitt, Semmeln, es gibt kalte Getränke, Tee und Kaffee. Stimmen schwirren durch den Raum, die letzten Gäste verzehren ihr Frühstück und plaudern miteinander. Die meisten von ihnen kommen jeden Tag hierher. Hier bekommen sie nicht nur Frühstück, sondern auch Mittagessen und eine Jause am Nachmittag. Das Mittagessen kostet ihnen einen Euro, die restlichen Speisen sind gratis. „Die Leute können so oft Nachschlag holen, wie sie wollen. Nur zusammenessen müssen sie“, sagt Erwin Hehenberger, der durch die Räume führt. Seine Frau Petra und er haben die Sozialorganisation „Die OÖ Tafel“, die unter dem Dachverband der österreichischen Tafeln läuft, vor 14 Jahren gründet. Mit einem Ausweis, der nachweist, dass man unter der Einkommensgrenze verdient, bekommt man hier warme Mahlzeiten.

Im nächsten Raum werden Lebensmittel sortiert, die heute eingetroffen sind. Die Preise der Produkte werden eruiert. Später werden sie im Sozialmarkt nebenan zu günstigen Preisen erhältlich sein. Die Produkte bekommen die Hehenbergers von PrivatspenderInnen, Supermarktketten, Drogerien und anderen LebensmittelherstellerInnen. Es sind Produkte, die noch gut erhalten, aber nicht mehr verkäuflich sind.

„Die Leute können so oft Nachschlag holen, wie sie wollen. Nur zusammenessen müssen sie.“

Akt der Nächstenliebe

Es war ein Freitagnachmittag, als Erwin Hehenberger – ein gelernter Koch – zu seiner Frau sagte: „Wir könnten eine Suppenküche gründen.“ Damals gab es noch keine Sozialküche in Wels. Immer schon sozial engagiert, wollten die Eheleute und überzeugten ChristInnen ihre Werte leben und bedürftigen Menschen Essen, Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Klein angefangen, hat sich aus diesem Akt der Nächstenliebe über die Jahre ein Großprojekt entwickelt, das heute auch außerhalb von Wels bekannt ist und viel Arbeit macht. Sechs Vollzeitkräfte sowie rund 50 Ehrenamtliche beschäftigt Hehenberger hier am Welser Standort Flotzingerplatz. Im Jänner eröffnet er eine weitere Filiale in Rohrbach. Neben der Küche gibt es noch den Sozialmarkt, der einen Outlet-Store beinhaltet. Hier sind Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung, Spielzeug, Putzmittel, Heizmaterialien oder Dekoartikel erhältlich. Einkaufen darf hier jeder. „Die Menschen haben dadurch weniger Hemmung, in einen Sozialmarkt zu gehen. Sie kaufen zwar Secondhandwaren ein, haben aber das Gefühl, in einem normalen Supermarkt einzukaufen“, sagt Hehenberger. Wer die Einkommensgrenze unterschreitet, bekommt eine Begünstigungskarte ausgestellt. Mit dieser erhalten KundInnen 70 Prozent Nachlass auf die bereits vergünstigten Produkte. „Hier haben wir gerade Lego bekommen, pünktlich vor Weihnachten“, sagt der Obmann und zeigt auf ein paar Spielzeugverpackungen. Dreimal wöchentlich fährt er mit einem Transporter alle Konzerne in Wels ab, einmal in der Woche macht er eine größere Tour durch Oberösterreich. Im vergangenen Jahr konnte er 360 Tonnen Lebensmittel vor der Mülltonne retten.

Jeder ist willkommen

In der Tafel ist jeder Mensch willkommen. Hier zählt einzig und alleine die Menschlichkeit. Meistens läuft es friedlich ab, sagt Hehenberger, obwohl an diesem Ort viele unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Geschichten zusammentreffen. Hier tummeln sich Eltern mit ihren Kindern, Alleinerziehende, MindestpensionistInnen, Ex-Inhaftierte, Langzeitarbeitslose, verwitwete Menschen sowie Menschen mit Drogen- und Alkoholproblem. Es geht um weit mehr als um die Beschaffung von Nahrung. Es geht um den sozialen Kontakt, den Austausch, die Gespräche, die hier möglich sind. Viele, die kommen, sind einsam oder leben auf der Straße. Bei der Tafel werden nicht nur Körper erwärmt, sondern auch Herzen. „Der soziale Abstieg passiert schneller als man denkt“, sagt Hehenberger. Aber er weiß auch, dass man als soziale Organisation vorsichtig sein muss. „Wir prüfen jeden Fall ganz genau, natürlich gibt es auch welche, die soziale Unterstützung ausnützen wollen. Da schauen wir genau hin, bei uns bekommt etwa nur jemand finanzielle Unterstützung, der es auch wirklich braucht und für sich nutzt“, sagt er. „Entschuldigung, ich muss in die Sozialberatungsstelle“, unterbricht ihn eine Frau. „Bitte am Montag wiederkommen, die ist heute nicht besetzt“, antwortet Hehenberger. „Ich brauche dringend Hilfe. Mein Mann ist kürzlich gestorben, ich weiß nicht, wie ich meine Rechnungen begleichen soll“, sagt die Frau und blättert die Zahlscheine in der Mappe durch, die sie in der Hand hält. Die Sozialberatungsstelle, die Menschen, die in finanzieller oder sozialer Not sind, unterstützt, ist an drei Tagen in der Woche geöffnet. Wie sich Hehenberger von der Verzweiflung der Menschen distanzieren kann und neutral bleibt? „Sich in das Leid der Menschen hineinziehen zu lassen, das bringt niemandem etwas“, sagt er. Es löse die Probleme der Menschen nicht. Er möchte lieber in Zukunft einen Weg finden, soziale Probleme strukturell und nachhaltig zu lösen, er will Einkommensarmut dort bekämpfen, wo sie entsteht, will Menschen Perspektiven geben und Suchtkranke zurück in einen geregelten Alltag helfen. In seinem Team beschäftigt er auch geflüchtete Menschen, die auf ihren Asylbescheid warten und dieses Warten sinnvoll gestalten möchten. Es packen aber auch immer wieder Menschen mit an, die Sozialstunden statt einer Haftstrafe ableisten müssen. So will er Straffällige auf ihrem Weg in die Resozialisierung unterstützen.

Tafel am Limit

Die Auswirkungen der Inflation bekommt auch die Tafel zu spüren. Immer mehr Menschen kaufen im Sozialmarkt ein, das Geld reiche bei vielen nicht mehr aus, um über die Runden zu kommen. Er merkt einen großen Zuwachs der KundInnen, vor allem PensionistInnen, die Mindestpension erhalten, kommen vermehrt in den Sozialmarkt. Die Lebensmittel, die er bekommt, reichen nicht mehr aus, um alle zu versorgen. Von seinen Touren kehrt er oft mit weniger Lebensmittel zurück als früher. „Wir bekommen nicht mehr so viel gespendet, weil die Nahrungsmittelkonzerne meist selbst Aktionen haben, um überschüssige Lebensmittel unter die Menschen zu bringen. Da bleibt nicht mehr viel für uns übrig“, sagt Hehenberger. Zwar wurde weitere Unterstützung vom Land zugesagt, allerdings reiche die Förderung nicht aus, um damit alle Sozialorganisationen ausreichend unterstützen zu können. Zum ersten Mal ist der Obmann kurz davor, Produkte selbst zukaufen zu müssen. „Wie es dann allerdings mit uns finanziell weitergeht, weiß ich nicht“, sagt er. Auch die erhöhten Sprit- und Energiepreise bekommt er zu spüren. Der Transporter, mit dem er die Produkte abholt, muss betankt werden. Um Heizkosten im Sozialmarkt zu sparen, hat er im Lager einen Deckenventilator angebracht, der warme Luft aus dem Raum nach innen verteilt.

„Jedes Jahr wird am frühen Nachmittag des 24. Dezembers in der Tafel Weihnachten gefeiert. Das Festessen, das dafür gekocht wird, wird von einer bekannten Drogeriekette finanziert.“

Das Christkind kommt auch in die Sozialküche

Weil Weihnachten vor der Türe steht, laufen die Vorbereitungen für das alljährliche Festessen. Denn jedes Jahr wird am frühen Nachmittag des 24. Dezembers in der Tafel Weihnachten gefeiert. Das Festessen, das dafür gekocht wird, wird von einer bekannten Drogeriekette finanziert. Zusätzlich erhält jeder Gast ein Geschenk, meistens verpackte Hygieneartikel oder Grundnahrungsmittel. „Das hilft den Menschen ein paar Tage über die Runden zu kommen.“ So feiern die Hehenbergers zusammen mit Bedürftigen das Fest der Liebe, 14 Jahre nachdem sie beschlossen hatten, den Kranken, Armen, und Notleidenden zu helfen, weil Gott bekanntlich jeden Menschen liebt, im Guten wie im Schlechten, bedingungslos und ohne Vorurteil.

Sie möchten „Die OÖ Tafel“ unterstützen?

Die Organisation sucht dringend nach ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und auch SpenderInnen. Wer kein Geld spenden möchte, kann mit Sachspenden unterstützen. Benötigt werden Produkte, die länger haltbar sind: Hygieneartikel, Babynahrung und Pflegeprodukte, aber auch saubere Secondhandkleidung, Spielzeug, Dekoartikel, et cetera. Wer für die Tafel Christkind spielen möchte, kann Weihnachtsgeschenke für das Fest abgeben.

Melden Sie sich einfach telefonisch unter +43 7242 31 08 18 oder schriftlich per E-Mail an office@dieooetafel.at

Öffnungszeiten:

„Die OÖ Tafel“ ist Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Die Sozialberatungsstellte ist Montag, Dienstag und Donnerstag von 9 bis 13 Uhr geöffnet.