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Wie junge Philosophinnen sich engagieren

Philosophinnen? Ausgerechnet die „Mutter aller Wissen­schaften“ war und ist eine ziemliche Männerbastion. Aber das ändert sich gerade. Drei aufstrebende Vertreterinnen des Fachs erzählen, was sie antreibt.

Was ist mit Verantwortung?

Janina Loh sieht nicht aus wie ein Bücherwurm, ist aber einer. Unter anderem. Sie befasst sich mit Robotern und einer Ethik, die in die Zukunft führt.

Ihre ersten Berufswünsche als Mädchen waren, „und zwar in der Reihenfolge, erstens Malerin, zweitens Sängerin, drittens Dichterin“, sagt Janina Loh. Aufzählungen mag sie bis heute gern, sie ordnen die Welt und das Denken. Und die Bücher. Schon früh ging Loh mit ihren Eltern leidenschaftlich gern auf antiquarische Buchmärkte und hatte bald eine beachtliche Bibliothek zusammengesammelt, deren Bestände sie in einer Excel-Tabelle erfasste.

Janina Loh sieht nicht aus wie ein Bücherwurm und auch nicht wie eine konventionelle Philosophin. Kurz geschoren sind ihre Haare, ausladend die Ohrringe, sehr freundlich ist ihr Umgang, und auf dem Unterarm trägt sie in schnörkelloser Schrift die Namen der Personen eintätowiert, die ihr am wichtigsten sind: Diese sind ihre „Sorgegemeinschaft“, wie sie das nennt. „Ich bin unglaublich loyal“, sagt Loh von sich.

Wie und warum entwickelte sie das Interesse, die Leidenschaft für Philosophie? Janina Loh (geborene Sombetzki) wuchs in einer kleinen Stadt im deutschen Ruhrgebiet auf, ihre Eltern arbeiteten als SonderpädagogInnen, wovon Janina und ihre jüngere Schwester einiges mitbekamen und was später auch ihr Denken beeinflussen sollte. Zu Hause war weniger Politik ein großes Thema, sondern Glaubensfragen, da der Papa sich entgegen seinem katholischen ­Herkunftsmilieu zum Atheisten erklärte. „Was sag ich, wenn man mich fragt, was ich glaube?“, wollte Janina vom Vater wissen und bekam zur Antwort eine Gegenfrage: „Musst du etwas glauben?“

Was es zu lernen und zu erfahren gibt, saugt Janina Loh auf. Der Berufswunsch bei der Matura war „Professorin“, weil sie dachte, „dass WissenschaftlerInnen alles wissen“, erzählt Loh und schildert, wie sie vor dem ehrwürdigen Gebäude der Humboldt-Universität in Berlin stand und wusste: „Da will ich rein.“ Sie hatte bereits einiges gelesen, Friedrich Nietzsche unter anderem, und fand jetzt auf der Literaturliste für ein Uni-Seminar den Namen nur einer einzigen Philosophin: Hannah Arendt. Diese wurde ihr Idol. „Ich war hooked“, erzählt Loh, was so viel heißt wie: Sie hatte angebissen wie der Fisch an der Angel, las alles, was sie von dieser Denkerin finden konnte, und schrieb ihre Masterarbeit zu „Verantwortung bei Hannah Arendt“. Warum ausgerechnet Verantwortung? „Das war eine Eingebung“, sagt Loh und zitiert ihren Lieblingssatz von ­Arendt: „Verantwortung heißt […] ­wissen, dass man ein Beispiel setzt, dass andere ‚folgen‘ werden.“

Die wissenschaftliche Laufbahn führte Janina Loh über verschiedene Stationen schließlich 2016 an die Universität Wien, wo auf ihrem Schreibtisch nun etliche Spielzeugroboter herumstehen. „Anfangs habe ich mich überhaupt nicht für Roboter interessiert“, erzählt Loh, dann aber merkte sie: Da fehlt doch was. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir uns zu Technik verhalten und welche Ethik wir dazu brauchen. Haben Roboter Verantwortung? Wie programmieren wir ein autonom fahrendes Auto? Soll es in Gefahrensituationen lieber ein Menschenleben opfern, damit drei andere Personen überleben? Wie entscheiden wir so etwas? Das sind die Fragen, mit denen sich Loh beschäftigt. Es sind Fragen, die in die Zukunft führen und alte Denkmuster hinter sich lassen. „Ich bin kritische Posthumanistin“, sagt Janina Loh, was so viel bedeutet wie: Für sie ist nicht – wie im alten „Humanismus“ – der vernunftbegabte Mensch, der oft genug als „Mann“ gedacht wurde, das Maß aller Dinge. Wir müssen „inklusiver“ denken, davon ist Loh überzeugt und setzt sich ein für eine Ethik, die alle Wesen einschließt, auch Roboter.

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, müssten wir Verantwortung „weiter“ fassen als bisher, findet Loh. Verantwortung könne meist gar nicht von einem Einzelnen getragen werden, sie sei etwas „Relationales“, das im Austausch entstehe, wie ein Geflecht. „Alles, was ich gemacht habe, hatte immer auch mit anderen zu tun“, sagt Loh zu ihrem Werdegang. Sie fühlt sich verantwortlich. „Was will ich im Elfenbeinturm?“, fragt sie. „Es ist meine verdammte Pflicht, das, was ich forsche, auch weiterzugeben.“

Janina Loh

Janina Loh

Geboren ist sie 1984 in Witten, im deutschen Ruhr­gebiet. Derzeit arbeitet ­Janina Loh an der Universität Wien im Bereich Technik­philosophie und hat gerade ein Buch über „Roboter­ethik“ ­veröffentlicht (Suhrkamp Verlag).

Ihre Lieblings­philosophinnen sind Hannah Arendt und Donna Haraway. Das Wichtigste auf Erden, sagt Loh, seien „die Wesen, die wir am meisten lieben“, und glücklich machten sie ihre „Sorgegemeinschaft“, die ­Philosophie, das Singen und der Kampfsport Taekwondo. Sie ist gerade dabei, sich den roten Gurt zu erarbeiten.

„Aufrichtigkeit und Loyalität“ sei die Grundlage eines guten Lebens. Die Aufgabe der Philosophie sieht sie darin, „alle Themen zur Sprache zu bringen, auch und gerade dort, wo es weh tut“. Philo­sophie zwingt uns, „die eigenen Meinungen immer wieder zu hinter­fragen“.

Welt der Frauen März 2020Weitere Porträts der Philosophinnen Sophie Loidolt & Barbara Bleisch in unserer Printausgabe.
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Erschienen in „Welt der Frauen“ März 2020

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