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01-02/23

Für Freundschaft ist man nie zu alt

Für Freundschaft ist man nie zu alt

Wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Pension beginnt, brechen für viele Menschen soziale Kontakte weg. Neue Bekanntschaften zu schließen fällt dann oft schwer. Sechs Seniorinnen erzählen, was sie vermissen und wie sie Freunde finden.

„„Der Austausch hält mich jung““
Herta Fischer geht zusammen mit ihrem Mann regelmäßig in den PensionistInnenklub der Stadt Wien.

Wenn Herta Fischer im Klub ist, vergisst sie ihre schmerzende Hüfte. Dann plaudert und lacht sie mit den anderen SeniorInnen, spielt Karten und Bingo, oder sie tanzt, wenn es ihre Knochen zulassen, Rock ’n’ Roll „wie eine verrückte Henne“, sagt sie; und wenn sie beim Karaoke-Singen „Ein Stern“ von DJ Ötzi & Nik P. anstimmt und die anderen jubeln, fühlt sie sich wie „ein junges Madl“. Fast täglich besucht Fischer zusammen mit ihrem Mann zwei der insgesamt 130 PensionistInnenklubs, die von der Stadt Wien finanziert werden. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, jeden Tag wird ein anderes Programm geboten, wie etwa Yoga, Pilates, Plauderrunden, Spaziergänge, Cricket, Gedächtnisspiele, Tanznachmittage oder Computerkurse.

 

MENSCHEN BRAUCHEN LIEBE

Herta Fischer kann ohne Menschen nicht sein. Sie ist offen, gesprächig, geht auf andere zu und findet schnell neue Bekannte. Bevor sie ihre zwei Kinder bekam, hatte sie als Friseurin gearbeitet. „In der Pension ist es schwierig, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten“, sagt sie. Im Klub hat sie viele Freundschaften geschlossen. Zwar hat Fischer auch außerhalb des Klubs Kontakte, viele ihrer alten Freundinnen sind allerdings bereits verstorben. Oft erzählen ihr ältere Menschen, wie einsam sie seien. „Im Klub ist niemand alleine“, erwidert sie. Geredet werde über Gottund die Welt, nur über Politik möchte sich Fischer nicht unterhalten. „Dann gibt es immer Streit. Ich hasse Konflikte“, sagt sie. Der Austausch mit anderen Menschen halte sie jung, gesund und vor allem fit im Kopf. Als der Klub aufgrund der Coronapandemie monatelang geschlossen war, war Fischer ständig krank. „Ich hoffe, es gibt den Klub, solange ich lebe.“

Zum PensionistInnenklub der Stadt Wien: Es gibt insgesamt 130 Klubs, die in Lokalen in allen Wiener Gemeindebezirken untergebracht sind. Die Klubs werden von Team- und AbteilungsleiterInnen betreut.

„Plötzlich war es still“
Marianne Merk* leitete eine Abteilung mit 20 MitarbeiterInnen. Der Austausch mit ihren KollegInnen bedeutete ihr viel. Wie viel, wurde ihr erst im Ruhestand bewusst.

Pension. Das klingt für viele Menschen nach Freiheit, einem Leben ohne Wecker und Zeitdruck. Für Marianne Merk bedeutete es in erster Linie Statusverlust und Loslassen vom sozialen Leben, das bei ihr hauptsächlich über die Arbeit stattfand. Merk hatte die Buchhaltung eines großen Unternehmens geleitet, sie war dort eingebettet gewesen in eine Gemeinschaft, die zusammenhielt, auch in schweren Zeiten. Für ihre KollegInnen hatte sie immer ein offenes Ohr, sie war dankbar für den Austausch, die verschiedenen Sichtweisen und Lebenswelten, in die sie Einblick bekam. Bei Pensionsantritt war es dann von einem Tag auf den anderen plötzlich still. „Zuerst fühlte es sich an wie Urlaub“, erzählt Merk, während sie im Fotoalbum blättert, das ihr die ehemaligen KollegInnen zur Pensionierung geschenkt haben. Je mehr freie Tage allerdings verstrichen, umso größer wurde das Loch, das ihr Job hinterlassen hatte. Merk betrachtet ein Foto, schaut auf eine jüngere Version ihrer selbst im Kostüm, selbstbewusst, lächelnd, umringt von einer Menschentraube. „Die Themen, die mich für so viele Jahre bestimmt haben, und der Wert, den ich für andere Menschen hatte, waren plötzlich bedeutungslos“, sagt sie. Merk hatte viel Zeit im Büro verbracht und privat weder Zeit noch Energie gehabt, Freundschaften aufzubauen. Zudem hatte sie eine Tochter, die sie unter der Woche, wenn sie arbeitete, bei ihrer Mutter ließ und an den Wochenenden zu sich holte.

 

„MIR FEHLT DIE VIELFALT“

Am Anfang ihrer Pension spürte Marianne Merk ihre Einsamkeit noch nicht, ihre betagte Mutter war sehr dominant und beanspruchte viel Zeit. Erst als diese starb und Merk auf sich selbst zurückgeworfen war, wurde ihr schmerzlich bewusst, dass ihr ein soziales Netz außerhalb der Familie fehlte. Bis heute vermisst sie den Austausch, die Vielfalt, die anregenden Diskussionen mit anderen Menschen und die geistige Herausforderung, die sie später immer wieder in Sprachkursen, Yogastunden und der Malerei suchte. Auch würde sie gerne öfter verreisen, ihr Mann pflegt allerdings ein zeitintensives Hobby und ist ungern unterwegs. „Für mich ist es schwer, jemanden zu finden, der auf derselben Wellenlänge ist wie ich, mir wirklich zuhört und andere Meinungen gelten lässt“, bedauert Merk. In einen Verein gehen wolle sie nicht, sie sei kein offener, zugänglicher Mensch. Eine gute Freundin fand sie allerdings in ihrer Cousine, mit der sie etwas unternehmen und gut reden konnte und auf deren Meinung sie viel Wert legte. Vor vier Jahren starb diese Cousine an Krebs. „Der Verlust hat mir sehr zugesetzt“, sagt Merk. Bei einem Klassentreffen entstand eine Freundschaft zu einem Ehepaar. „Die Beziehung ist nicht intensiv, aber mein Mann und ich unternehmen ab und zu etwas mit dem Paar.“ Merk ist nicht unzufrieden, wenn sie auf ihr Leben blickt. Sie habe einen Ausgleich in der Gartenarbeit gefunden, lerne gerade Klavier, habe sich für einen Tanzkurs angemeldet. Zudem hat sie ihre Tochter und vier Enkelkinder, mit denen sie sich austauschen und ab und zu verreisen kann. Das, was sie nicht mit ihrer Familie besprechen möchte, macht sie mit sich selbst aus – und vielleicht, sagt sie, „ergibt sich ja irgendwann doch noch eine gute Freundschaft“.

* Name von der Redaktion geändert.

„Die Einsamkeit hinterlässt Spuren“
Irmgard Golob und Aloisia Frühstück treffen sich einmal in der Woche mit der Gruppe des Seniorenvereins „Aktiver Leben“ in Graz.

Irmgard Golob leitet eine von zwölf Gruppen des Seniorenvereins „Aktiver Leben“, die über verschiedene Bezirke in Graz verteilt sind. Die Gruppe trifft sich einmal in der Woche. Als Golobs Mann vor vier Jahren starb, war sie froh, dass sie Menschen hatte, die sie in jener Zeit auffingen. Auch von anderen SeniorInnen in der Gruppe weiß sie, wie gut es tut, nach einem Schicksalsschlag mit jemand reden zu können. „Wir vergessen einmal in der Woche kurz unsere Einsamkeit“, sagt sie. „Dass die Gruppe sich aufgrund der Corona-Pandemie nicht sehen konnte, hat den Menschen zugesetzt.“ Das Alleinsein habe auch bei ihr Spuren hinterlassen. Weil sie selten mit Menschen spricht, merkt sie, wie schwach ihre Stimme mittlerweile geworden ist. „Deshalb rede ich oft mit mir selbst“, sagt Golob und lacht. Ihre vier Kinder seien berufstätig und hätten deshalb wenig Zeit, sie zu besuchen.

„WENIGER KOMPROMISSE EINGEHEN“

Auch Aloisia Frühstück (75) besucht Irmgard Golobs Gruppe. Bevor sie zum Verein kam, war sie 40 Jahre lang in der Pfarre engagiert. Dann erkrankte sie an Morbus Parkinson, war in ihrer Mobilität eingeschränkt und konnte nicht mehr so gut Texte in den Gottesdiensten vorlesen wie zuvor. Auf die Zeit in der Pfarre blickt sie gerne zurück auf die Menschen und die guten Gespräche. Als ihre Freundin, die sie seit ihrem zwölften Lebensjahr begleitete, starb, war sie sehr traurig. Im Verein „Aktiver Leben“ fand sie zwar neue Freundschaften, allerdings seien die nicht mit jenen aus jungen Jahren zu vergleichen. „Der Zugang zu meiner Jugendfreundin war unkomplizierter. Im Alter gehe ich nicht mehr so viele Kompromisse ein. Die Zeit, die ich noch habe, wird knapper, warum sollte ich sie mit Menschen verbringen, die mir nicht guttun?“, sagt Frühstück. Eine gute Freundschaft bedeute für sie, laut denken zu dürfen, anregende Gespräche zu führen und Toleranz für die Sicht des oder der anderen zu entwickeln. In der Gruppe erlebt sie diese Freundschaftsatmosphäre zumindest einmal in der Woche.

 „Aktiver Leben“ ist ein ehrenamtlicher Verein in Graz, der versucht, SeniorInnen ein aktives, lebensfrohes und gemeinschaftliches Leben zu ermöglichen, durch Ausflüge, Tagesfahrten, Vorträge und das wöchentliche Treffen.

„Ohne Helga hätte ich nicht so viel erlebt“
Seit 25 Jahren sind Helga Schmidt und Erna Frank Freundinnen. Gefunden haben sich die Frauen über ein Inserat.

„Suche Partnerin zum Reisen und Tanzen.“ Mit diesem Aufruf suchte Helga Schmidt vor 25 Jahren in der Zeitung des Oberösterreichischen Seniorenbundes nach einer Begleitung für Unternehmungen. Gefunden hat sie Erna Frank. Schmidt kann sich noch erinnern, wie sie vor ihrem ersten Treffen in der verabredeten Konditorei saß und auf Frank wartete. Mit den anderen Frauen, die sich zuvor gemeldet hatten, wollte es nicht harmonieren. Doch als Erna Frank zur Tür hereinkam und ihre Blicke sich trafen, wussten beide sofort, dass sie zueinanderpassen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagen sie, schauen sich an und lachen. Helga Schmidt war damals gerade von ihrem Lebensgefährten verlassen worden, und Erna Franks Mann war gerade verstorben. Beide waren alleine, tanzten leidenschaftlich gerne und hatten dasselbe Problem: Seit sie ihre Männer nicht mehr hatten, war es schwierig, mit befreundeten Ehepaaren wegzugehen, unter anderem deshalb, weil diese Freundinnen Angst hatten, Schmidt und Frank könnten ihnen die Männer wegschnappen. „Es gab immer Eifersüchteleien. Alleine wollte ich aber nicht weggehen, ich war froh, als ich Helga hatte“, sagt Frank.

 

„SIE HAT MICH IMMER MOTIVIERT“

Ihre erste Reise ging kurze Zeit später nach Gran Canaria. „Kannst du dich noch erinnern, als du aus dem Meer nicht mehr rausgekommen bist, weil die Wellen dich umgerissen haben? Du warst so sauer, dass du das Hotelzimmer nicht mehr verlassen wolltest“, sagt Schmidt, fasst Frank dabei am Arm und lacht. Erna Frank verließ dennoch ihr Zimmer, weil ihre Freundin es meistens schaffte, sie zu überreden. „Helga ist schneidig, sie traut sich viel, hat immer alles organisiert, mich mitgerissen und motiviert. Durch sie habe ich viel probiert, was ich sonst nicht gemacht hätte“, sagt Frank. So wäre sie ohne die Freundin etwa nie auf einem Kamel in der Türkei geritten, hätte das Skilanglaufen nicht erlernt und könnte auch nicht herzhaft lachen, wenn sie an das Faschingsfest in Hartberg denkt, das sie zu zweit besuchten und für das sie sich unterwegs in einem Fast-Food-Restaurant Kronen aus Karton besorgten, weil sie kein Kostüm hatten. „Die Freundschaft mit Erna bedeutet mir viel, die gebe ich nicht auf. Auf sie war immer Verlass“, sagt Schmidt. Auch als die Freundinnen neue Partner kennenlernten, verloren sie sich nicht. „Wir verreisten einfach zu viert“, sagt Frank. Als ihre Lebensgefährten vor ein paar Jahren starben, waren die Frauen füreinander da. „Helga ist die einzige Freundin, die mir geblieben ist“, sagt Frank. Ihre letzte Reise liegt nun schon einige Zeit zurück. „Wir könnten doch demnächst wieder wellnessen fahren“, schlägt Schmidt vor. „Da bin ich dabei“, sagt Frank.