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Fühl dich gut, Körper!

Den kritischen Blick auf ihr Äußeres haben viele Frauen verinnerlicht. Für ein gutes Körpergefühl ist eine wohlwollende Haltung jedoch weitaus förderlicher als eine wertende. Wie Frauen (wieder) Freundschaft mit ihrem Körper schließen.

Wäre mein Bauch nur flacher! Hätte ich doch straffere Arme! Eine Kleidergröße kleiner, und mein Leben wäre perfekt! „Es scheint fast die Norm zu sein, dass Frauen nicht unbedingt zufrieden mit ihrem Körper sind“, erklärt Barbara­ Nacke. Die Diplompsychologin von der TU Dresden betreut seit zwei Jahren das kostenlose Onlineprogramm ­„everyBody“, das Frauen dabei unterstützt, ihr Körpergefühl zu verbessern. „Viele haben den Eindruck, mit ihnen stimme etwas nicht, weil ihr Körper nicht den Bildern in den Medien entspricht.“

VERZERRTE SICHT
Gerade in der Werbung liegt der Fokus auf Problemstellen: „Erst wenn du perfekt bist, kannst du glücklich und erfolgreich sein“, lautet die Botschaft. „Selten wird das realistischere Bild transportiert, dass es eine große Bandbreite von verschiedenen Körperformen gibt“, bedauert Nacke. Tatsächlich hätten nur rund vier Prozent aller Frauen Körperformen, die den in den Medien dargestellten ähnelten. Das bedeutet: Die Selbstkritik orientiert sich häufig an unrealistischen Vorgaben; an retuschierten Fotos, die Menschen zeigen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Durch die neuen Medien – auch Plattformen der Selbstdarstellung – würden Kritik und Selbstkritik forciert und gipfelten im „­Bodyshaming“: Menschen werden aufgrund ihres Aussehens beschämt – egal, ob sie über- oder untergewichtig, muskulös oder untrainiert sind. Dass die Kritik zuweilen unter dem Deckmantel der Sorge geäußert wird, macht sie nicht weniger verletzend. „Es hat sich in Studien gezeigt, dass solche Kommentare nie dazu beitragen, dass sich eine Person anders verhält, sich gesünder ernährt oder das Sportverhalten ändert“, erklärt die Psychologin. Diese verschlechterten vielmehr nur das Körpergefühl.

BEJAHENDES SELBSTBILD
Was Frauen ebenfalls nicht außer Acht lassen sollten: Das Wunschgewicht entspricht nicht immer dem persönlichen Wohlfühlgewicht. Dieses realistische Gewicht hängt von der Veranlagung, vom Bewegungs- und Essverhalten ab. Ein Gewicht anzustreben, das deutlich unter dem liegt, das der eigenen Veranlagung entspricht, könne die körperliche und psychische Gesundheit gefährden, warnt Nacke. „Symptome wie Mangelernäh­rung, Essanfälle, Konzentrationsschwierigkeiten, Stimmungsschwankungen können auch dann auftreten, wenn das Gewicht im oder über dem ‚offiziellen‘ Normalbereich liegt.“ Initiativen wie die Körper-Positivitäts-Bewegung – sie steht für die Wertschätzung aller menschlichen Körpertypen – wollen das bejahende Selbstbild fördern. Sie bleiben aber oberflächlich, solange Frauen sich weiterhin vor allem über ihr Äußeres definieren.
Als körperliche Wesen wollen wir unseren Körper von innen heraus erleben. Jeder Lebensbereich – von Bewegung über Ernährung bis hin zur Spiritualität – kann dazu beitragen.

Lesen Sie den vollständigen Text in der Printausgabe.

„Das Ziel sollte sein, sich selbst Gutes zu tun“

Diplompsychologin Barbara Nacke von der TU Dresden erklärt, warum die richtige Motivation entscheidend dafür ist, das Körpergefühl zu verbessern.

Viele Frauen haben die Erfahrung gemacht, dass sich das Körpergefühl nach Diäten und dem Gewichtsverlust nicht verbessert. Woran könnte das liegen?
Barbara Nacke: Das Ziel, abzunehmen oder eine bestimmte Kleidergröße zu erreichen, ist ein relativ schlechter Motivationsfaktor, um sich wohler im Körper zu fühlen. Nicht um ein Gewichtsziel sollte es gehen, sondern darum, sich selbst Gutes zu tun.

Sie betonen, dass Kritik und ­Kommentare unserem Körper­gefühl schaden.
Genau. Darum empfehlen wir, auf sämtliche Bemerkungen, die Figur, das Gewicht oder das Essverhalten betreffend, zu verzichten. Das schließt unbedachte Äußerungen mit ein wie etwa: „Oje, jetzt hab ich wieder zu viel gegessen. Das wird sich später auf der Waage zeigen.“ Solche Kommentare rücken unser Erscheinungsbild in den Vordergrund. Wir fokussieren lieber andere Eigenschaften, die uns als Menschen wertvoll machen.

Selbstkritik wird durch Selbst­annahme ersetzt.
Ja. Für viele ist es eine ganz neue Perspektive, nicht von vornherein am Körper herumzukritisieren und neue Stellen finden zu müssen, die es zu optimieren gilt. Die Frauen lernen, sich mit ihrem Körper, wie er gerade ist, anzufreunden. Dies bedeutet zuerst, seine physischen Grundbedürfnisse nach Nahrungsaufnahme und Bewegung abzudecken.

Wie lässt sich die Freundschaft ­weiter vertiefen?
Wir empfehlen den Frauen etwa, einen Brief an einen wenig geliebten Körperteil zu schreiben, zum Beispiel an den Bauch. Im nächsten Schritt überlegen sie sich, was ihnen der Bauch antworten könnte. Dabei entwickeln viele eine ganz andere Perspektive: Sie sehen nicht nur, wie der Bauch aussieht, sondern erkennen, was er alles für sie leistet.

Informationen und Anmeldung zum kostenlosen Onlineprogramm „everyBody“: www.icare-online.eu/de/everybody.html

Barbara Nacke ermutigt dazu, in Sachen Körperwahrnehmung eine positive Haltung einzunehmen.

Illustrationen: Thinkstock / Foto: Arne Sonnenburg

Erschienen in „Welt der Frauen“ 01-02/19

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