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Julias Familienrat: Wie erleben Väter die Geburt?

Welche Aufgaben haben Papas im Kreißsaal? Was wünschen sie sich? Ist es okay, nicht zur Geburt mitzugehen?

In Onlineforen posten meist ­Mütter ihre Geburtserlebnisse, Väter ­hin­­gegen kaum. Wie erleben ­Männer die Geburt?
Julia Mendes
: Ich höre oft, dass sie sich bei der Geburt hilflos, ohnmächtig, der Situation ausgeliefert oder als Statisten fühlen.
Stephan Salinger: Als Statist habe ich mich nicht gefühlt. Wir haben in der Schwangerschaft viel über unsere Vorstellungen gesprochen und darüber, wie ich meine Frau unterstützen kann. Ich habe gewusst, was ich machen kann und was sich meine Frau wünscht, dass ich mache. Trotzdem kann man nur beschränkt ­helfen.
Mendes: Du bist ein Positivbeispiel – ich wünschte, dass das bei vielen Paaren so wäre!

Reden Paare zu wenig über ihre Vorstellungen von der Geburt?
Mendes: Ich habe den Eindruck, dass die Geburt in den Köpfen vieler immer noch Frauensache ist. Am sinnvollsten wäre es, schon in der Schwangerschaft herauszufinden, was der andere jeweils braucht, was seine Vorstellungen sind – und dass man gemeinsam einen Plan entwickelt.

Welche Aufgabe haben Väter im Kreißsaal?
Salinger: Meine Hauptaufgabe war meine Frau zum Weitermachen zu motivieren, sie zu streicheln, ihre Hand zu halten. Einfach da zu sein; das ist, glaub ich, schon viel wert. Eine weitere Aufgabe war, Entscheidungen, die im Geburtsprozess aufkommen können, mit dem Krankenhauspersonal zu besprechen.
Mendes: Es geht um das liebe­volle, selbstlose Begleiten der Frau, die das gemeinsame Kind zur Welt bringt. Dazu kommen noch praktische Aufgaben: dass man die werdende Mutter fragt, was sie gerade braucht, ob sie etwas zu trinken möchte oder einen kalten Waschlappen. Eine weitere Aufgabe ist das Abschirmen und dass man die Interessen der Frau ­vertritt.

Ist es okay, wenn der Vater nicht zur Geburt mitgehen möchte? Und wie spricht man es an?
Mendes
: Es ist okay, wenn der Mann nicht mitgehen möchte. Wichtig ist, dass es für das Paar passt. Schwierig wird es, wenn die Frau möchte, dass der Mann mitkommt, und er will nicht. Manche Frauen sagen aber auch: „Eine Geburt ist ein weiblicher Prozess, und ich will nicht, dass mein Mann dabei ist.“ Eine Geburt ist ein individueller Prozess, dieser gehört gut besprochen. Wenn der Partner nicht dabei sein will, sollte er es rechtzeitig sagen, sodass das Paar nach Alternativen suchen kann. Sollte der Partner Ängste haben, können Gespräche mit Außen­stehenden oder einer Psychologin helfen.

Stephan, war für dich immer klar, dass du bei der Geburt dabei bist?
Salinger: Für mich war das immer klar – aus dem Wunsch heraus, eine Geburt erleben zu dürfen. Da passiert etwas Einzigartiges, und ich wäre traurig gewesen, wenn ich nicht hätte dabei sein können. Ich finde es okay, wenn ein Mann nicht dabei sein möchte, gesellschaftlich wird es heute aber erwartet.
Mendes: Männer sollten den Mut haben, ihre Gefühle zu äußern. Einmal hat eine Frau ihren Mann drei Jahre nach der Geburt zur Nachbesprechung angemeldet, weil er so traumatisiert war.

Auch Männer können Geburtstraumata haben. Was kann man tun?
Mendes: Im Nachhinein kann man noch einmal die Geburt mit inneren Bildern durchmachen und das gemeinsam bearbeiten. Männer haben aber oft eine große Hemmschwelle, Hilfe zu suchen.

Wird in der Geburtsvorbereitung ausreichend auf die Väter eingegangen?
Salinger
: Bei unserem Geburtsvorbereitungskurs im SALK (Landeskrankenhaus Salzburg) gab es einen Termin nur für werdende Väter, der nur von drei in Anspruch genommen wurde. Das ist schade. Männer haben ihre eigenen Themen rund um die Geburt, zum Beispiel: Was heißt es für eine Beziehung, wenn ein Kind da ist?
Mendes: Es wäre wertvoll, eine Stunde oder einen Nachmittag für Männer anzubieten, wo sie alle Fragen stellen können. Das Bewusstsein dafür steckt noch in den Kinderschuhen. In einem Kurs oder neben der Partnerin nehmen sich Männer oft zurück. Mir fällt auf, dass alle Vorbereitungen auf die Geburt abzielen. Ich fände es wichtig, weiter zu gehen: Wie kann es sein als Mama oder Papa?

Was würdet ihr euch noch wünschen?
Salinger
: Es sollte in der Geburtsvorbereitung mehr Platz für emotionale Themen sein, das Paar betreffend oder die Frage, wie der Mann die Frau bei der Geburt unterstützen kann. Ich habe meine Frau konkret gefragt: „Was willst du, dass ich tue, und was willst du nicht?“
Mendes: Der klare Auftrag kann sehr guttun. Zuerst sollten sich Väter ihrer Haltung bewusst sein: „Bin ich bei der Geburt dabei oder nicht?“ Es ist auch Aufgabe der Frau, den Partner mit ins Boot zu holen. Wichtig wäre auch, dass Paare vor und nach der Geburt darüber reden. Bei Nachbesprechungen sagen Väter oft, sie hätten sich ohnmächtig gefühlt, und gleichzeitig sagen ihre Frauen: „Es war so wertvoll, dass du an meiner Seite warst.“ Dieses Wissen tut den Männern gut. Es wäre schön, wenn rückgemeldet würde: „Du hast mich so gut begleitet.“


Julia Langeneder,
­
Familienredakteurin und Mutter von zwei Kindern,
lädt jeden Monat zum ­Familienrat ein.

Julias Gäste

Stephan Salinger,
IT-Experte, ein Kind.

Julia Mendes,
klinische und Gesundheitspsychologin, Mutter von zwei Kindern.
juliamendes.at

Fotos: Alexandra Grill, Elke Holzmann, privat

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/2019

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