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Endlich im richtigen Körper

Sie brachten Töchter und Söhne zur Welt und sozialisierten sie so, wie es gesellschaftlich definierte Geschlechterrollen vorschreiben – bis sich ihre Kinder als Transgender outeten. 
Drei Mütter über Verwandlungen, Identität, Trauer, Verlustängste und das Kind, das einem neu geschenkt wird.

Ich liebe und anerkenne Denny, wie sie/er ist

Sandra Trippler (48) mit ihrer Noch-Tochter Denny Murrer (25), die bald Dennis heißen wird.

Ich habe vier Töchter. Bei jeder Schwangerschaft wünschte ich mir einen Sohn, auch deshalb, weil ich selbst immer ein Bub sein wollte. Vor einigen Monaten sagte mir dann meine Drittgeborene, Denise, die wir alle Denny nennen, dass sie als Mann weiterleben möchte. Geahnt habe ich das schon lange. Aus heutiger Sicht fing Dennys Transformation zu einem Jungen bereits als Kind an. Schon im Kindergarten lehnte sie Kleider und Röcke vehement ab. Puppen oder Glitzer? Nein, das war nicht ihres. Stattdessen spielte sie mit ihrem Baukasten draußen im Gatsch.

„WIE EIN BUA“
Sie war hart im Nehmen, wie ein „verhunzter Bua“ eben. Die Kinder in der Schule hielten Denny tatsächlich für den Bruder meiner anderen Töchter. In der Pubertät trug sie zum Schwimmen keine femininen Bikinis, sondern Boxershorts mit Sport-BH. Doch stutzig wurde ich erst, als Denny auch mit 16 Jahren noch keine Anstalten machte, sich zu schminken, auszugehen oder mit Burschen zu flirten, sondern sich lieber zu Arbeitern auf Baustellen gesellte. Mit 17 hatte sie aber dann doch ihren ersten Freund. Diese Beziehung hielt zwei Jahre, dann lernte sie ein Mädel kennen. Ich spürte sofort, dass Denny verliebt war. Im Beisein dieses Mädchens verhielt sie sich noch mehr wie ein Mann. „Mir kommt vor, du stehst auf Frauen“, sagte ich eines Tages zu meiner Tochter und gab ihr zu verstehen, dass das völlig in Ordnung sei. Meine Unvoreingenommenheit und das Wissen, dass ich sie so oder so liebe und anerkenne, halfen ihr, ihre Wahrheit zu leben.

Trotzdem schien mir, dass Denny noch etwas beschäftigte. Vor fünf Jahren begann sie am Bau zu arbeiten und ihren Busen mit Brustbindern und Kompressionsshirts einzuengen. Jetzt war offensichtlich, dass sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlte. Als ich Denny von einer Bekannten erzählte, die Transgender ist, und anbot, ein Treffen zu arrangieren, wollte sie davon nichts hören. Ich spürte: Mein Kind braucht Zeit, Schließlich bat Denny mich aber doch um ein Gespräch mit der Transgender-Frau. Dieser Austausch war sehr erleichternd für meine Tochter. Sie beschloss, ein Mann zu werden, auch wenn der Weg dahin schmerzvoll und kompliziert sein würde.

ES BRAUCHT VIEL MUT
Inzwischen hat Denny Beratungsgespräche an der Transgenderambulanz in Graz und die verpflichtende Psychotherapie absolviert. Ein Gutachten belegt, dass tatsächlich eine Geschlechtsdysphorie und ein Transgender-Empfinden vorliegen. Vor Kurzem bekam Denny ihre zweite Hormonspritze. Ihre Stimme klingt seither tiefer, der Bartwuchs setzt ein, ihr Wesen verändert sich noch weiter. Fällt ein zweites Gutachten auch positiv aus, kann die Freigabe für die geschlechtsangleichenden OPs erfolgen.

Um eine männliche Brust zu bekommen, wird sich Denny einer Mastektomie unterziehen. Dabei werden die weiblichen Brustdrüsen und das Brustgewebe entfernt. Für den Aufbau eines künstlichen Penis braucht es sieben oder mehr Eingriffe. Diese Strapazen sind ihr bewusst, trotzdem nimmt sie sie in Kauf. Sie möchte endlich auf die Herrentoilette gehen können, ohne schief angeschaut zu werden. Und sie möchte endlich ihren Namen amtlich auf „Dennis“ umändern. Ich bewundere Denny für ihren Mut und ihre Zielstrebigkeit. Unsere Familie, ihre FreundInnen und ArbeitskollegInnen unterstützen sie, wo es nur geht. Wir wünschen uns alle, dass sie sich wohlfühlt in ihrer Haut.

Weitere Porträts und Interview finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18