Antonia Schulz ist Influencerin und Bloggerin – sie kann also arbeiten, wann und wo sie will. So richtig unabhängig und vogelfrei macht sie ihr Traumberuf jedoch nicht.
Antonia Schulz kann ihren Arbeitsort frei wählen. Ob zu Hause, im Freibad, am Strand oder Berg – ihren Job kann sie von überall aus erledigen. Von ihrem Beruf träumen Millionen Jugendliche und junge Erwachsene: Schulz ist Influencerin (Werbebotschafterin) und Bloggerin. Sie produziert Fotos, Videos und Textbeiträge, die Einblicke in ihr Leben geben, und veröffentlicht diese auf ihrem Blog, einem digitalen Tagebuch, sowie auf ihrem Instagram- Account. Was sie zu sagen und zu zeigen hat, gefällt. Auf Instagram verfolgen über 100.000 Menschen ihre Inhalte.
Was werden die anderen denken?
Angefangen hat alles mit einem Geburtstagsgeschenk. Antonia Schulz träumte schon länger von einem eigenen Blog. Sie studierte Kommunikationswissenschaften in Wien, alle ihre KommilitonInnen bloggten, um ihr Wissen in die Praxis umzusetzen. Zum 19. Geburtstag war es dann so weit: „Meine Mutter schenkte mir einen fertig eingerichteten Blog. Ich musste ihn nur mehr mit Texten und Fotos befüllen, ihn sozusagen beginnen.“
Davor hielten sie Sorgen und Ängste von der Umsetzung ab. Sie fürchtete sich davor, was andere Menschen über sie und ihre Gedanken sagen würden, denn Antonia Schulz kommt aus einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Schreiben war für die Oberösterreicherin schon immer ein Tor zur Freiheit. Denn schon als Kind, sie war damals neun Jahre alt, erhielt sie die Diagnose Rheumatoide Arthritis. Ihre Gelenke sind chronisch entzündet. Das schränkt sie in ihrem Alltag ein. Besonders als Jugendliche litt sie darunter.
Während andere feiern gingen, lag sie mit Schmerzen im Bett. Sie schrieb sich ihren Kummer, für den sie keine gesprochenen Worte fand, von der Seele, und ab jenem 19. Geburtstag veröffentlichte sie die Texte auch im Netz. Den Leuten gefiel, was sie schrieb. „Ich war schon immer am kreativsten, wenn es mir am schlechtesten ging“, sagt sie. Weil sie sich traute, fremde Menschen an ihrem Inneren teilhaben zu lassen, nannte sie ihren Blog „Mutausbrüche“.
„Viele Menschen denken, InfluencerInnen verdienen ihr Geld mit Nichtstun. Das stimmt so nicht. Mein Beruf ist ein Fulltime-Job mit wenig Freizeit.“
Identifikation ist wichtig
Nachdem sie viel Zuspruch für ihre Beiträge bekam, probierte sie neue Themen aus, schrieb über Freundschaft, Hautprobleme, Essen und Reisen. „Mir ist es wichtig, dass sich Menschen mit meinen Inhalten identifizieren können“, sagt sie. Als sie zusätzlich einen Instagram- Account startete, landeten immer mehr Menschen auf ihrem Blog, sie bekam erste Kooperationsanfragen von Unternehmen. Seither bewirbt Antonia Schulz in ihren Beiträgen Produkte, die zu ihr und ihrer Philosophie passen, und verdient mit ihrer Arbeit so viel Geld, dass sie davon leben kann. Das gelingt nicht allen. Den Begriff „Influencerin“ mag sie allerdings nicht, sie findet, dass er mit negativen Vorstellungen behaftet ist. Sie selbst sieht sich als „Content-Creator“, sie erstellt zielgruppenorientierte Inhalte.
Auch wenn es nach außen hin den Anschein erweckt – so frei, wie viele Menschen glauben, macht ihr Job sie nicht. Schulz kennt die Schattenseite der Arbeit in den sozialen Netzwerken und weiß, dass sie alles andere als ein gut bezahltes Hobby ist. „Die meisten glauben, dass InfluencerInnen ihre Freizeit genießen, schöne Bilder machen und damit ihr Geld verdienen. Dabei ist es ein Vollzeitjob, der mit viel Druck, Stress und wenig bis gar keinen arbeitsfreien Tagen verbunden ist.“
„Ich liebe meinen Beruf. Er hat aber auch Schattenseiten. Ich stehe ständig unter Druck und bin gedanklich immer bei der Arbeit.“
Abhängig von der Meinung anderer
Eine Influencerin muss ständig neue Inhalte produzieren, auch auf Kommentare und Nachrichten von AbonnentInnen sollte sie sofort antworten, weil Social Media die eigene Aktivität überprüft. Zwei Stunden am Tag benötigt Schulz, um Kommentare unter ihren Bildern und Textnachrichten in ihrem Postfach zu beantworten. Dafür nimmt sie sich besonders viel Zeit, ihre Community ist ihr wichtig, immerhin ist sie es, die ihren Erfolg bestimmt. Das macht sie aber auch abhängig von der Meinung anderer. „Ich beeinflusse die, die mir auf Instagram folgen, und sie mich. Natürlich vergleicht man sich auch mit anderen InfluencerInnen, das setzt mich oft unter Druck.“ Bis zu drei Stunden täglich produziert sie neue Fotos und Videos, zwei Stunden frisst das Verfassen von Texten. Feierabend gibt es bei ihr nicht. „Ich schaffe es nicht, mein Smartphone um 17 Uhr wegzulegen.“ Meist arbeitet Schulz im Bett liegend bis Mitternacht.
Auch auf privaten Reisen dreht sie ständig Videos, um ihre AbonnentInnen in den Urlaub mitzunehmen. „Abschalten fällt mir schwer. Selbst während Pausen bin ich gedanklich bei der Arbeit.“ Denn Unproduktivität bekommen NutzerInnen sofort zu spüren. Wer ein paar Tage nicht aktiv ist, verliert sofort AbonnentInnen. Auch bezahlten Krankenstand gibt es für Schulz keinen. Die junge Frau ist selbstständig, sie ist ihre eigene Chefin, kennt daher auch alle damit verbundenen Unsicherheiten. „Ich bin auch nicht finanziell unabhängig, wie viele glauben. Denn ich verdiene gerade so viel, dass ich davon leben kann. Mein Job macht mich eigentlich nur in Bezug auf den Ort frei.“ Trotzdem liebt sie ihn und zieht ihn anderen Berufen vor. Weil sie eben arbeiten kann, von wo aus sie möchte, hat sie sich vor Kurzem eine zusätzliche Freiheit geschaffen. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie einen kleinen Autobus zum Camper umgebaut, der es ermöglicht, flexibel zu reisen. Vielleicht kann Antonia Schulz sich dann, wenn auch nur kurz, auch gedanklich frei machen.
