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Wir sind sterblich

Am Ende steht der Tod. Für jeden von uns. Hat das Konsequenzen? Für das Leben?

Wer nicht stirbt, hat‘s nicht schön

Zum Tod und zum Sterben hat jede und jeder einen individuellen Zugang. Warum eine unaufgeregte Haltung Sinn machen kann, erklärt der deutsche Theologe, Philosoph und Buchautor Christoph Quarch im folgenden Text.

Der Tod, notierte einst ein junger Schweizer Theologe namens Johann Christoph Tobler, sei gar nichts anderes ein „Kunstgriff“ der Natur, um „möglichst viel Leben zu haben“. So leichtfüßig das Wort daherkommt, so tiefsinnig ist es. Denn hier erscheint der Tod nicht als der Feind des Lebens, sondern vielmehr als sein Freund oder wenigstens sein Diener, ohne den das Leben sich nicht so entfalten könnte, wie es möchte. Denn nur wenn Altes geht, kann Neues werden – nur wenn Neues wird, kann sich am großen Baum des Lebens eine neue Blüte öffnen, die eine bislang ungeahnte Möglichkeit des Lebens offenbart.

STIRB UND WERDE
Das Wort von Tobler wäre in Vergessenheit geraten, wenn nicht ein anderer Zeitgenosse es publik gemacht hätte: Goethe. Er konnte sich zwar später nicht mehr recht daran erinnern, ob es von ihm oder von einem anderen war, doch in der Sache passt es gut: „Und solang du das nicht hast, dieses: ,Stirb und werde!‘, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“ Wobei die Zeilen Goethes noch ein Stück weit kühner sind als das Zitat von Tobler, sagen sie doch unverhohlen, unser Menschenleben sei erst echt und ganz und tief, wenn wir Ernst mit jener einfachen und schönen Wahrheit machten: dass der Tod ein Teil des Lebens ist, ohne den das Leben nicht vollkommen wäre. Warum ist das so? Zum einen, weil das Alte weichen muss, um Platz zu schaffen für das Neue; weil die Erde sehr bald überfüllt mit Lebewesen wäre, wenn sie nicht der Tod ereilen würde. Doch noch wichtiger und tröstlicher ist für uns Sterbliche, dass der Tod unserem Leben erst Sinn und Tiefe gibt. Denn nur weil das Leben endlich ist, eignet ihm in jeden Augenblick ein unendlicher Wert. Wäre das Leben grenzenlos, wäre ein jeder Augenblick unendlich austauschbar – und weil das Leben eines Menschen eine Perlenkette von Augenblicken ist, verlöre es im Ganzen seinen Wert, wenn jeder Augenblick belanglos wäre.

LEBEN OHNE PLAN
Unser Leben verlöre aber auch seine Richtung. Denn überall im Reich des Lebens gilt ein Grundprinzip, das mit dem Augenblick in Kraft trat, als ein erster Einzeller damit begann, zu fühlen: Was immer lebt, bewegt sich seither immer dorthin, wo das Leben winkt; und es meidet alles, was ihm tödlich werden könnte. Unser Gefühl zeigt zuverlässig alles, was dem Leben dient, als Freude; und das, was die Lebendigkeit behindert oder trübt, als Schmerz. Das eine scheint uns gut und kostbar, das andere schlecht und zu vermeiden. So kann man sagen, dass das Spektrum allen Fühlens und auch allen Denkens sich nur deshalb öffnet, weil der Tod als Möglichkeit im Raume steht. Vor diesem Hintergrund wird auch erkennbar, warum ein Leben ohne Ende sinnlos wäre: zum einen, weil der Augenblick erst durch die Aussicht auf den Tod mit Wert geadelt wird – zum anderen, weil das Wissen um das Ende es erlaubt, das eigene Leben als ein Spiel zu sehen, das seinen Sinn darin erfüllt, in der ihm gewährten Lebensspanne zu erblühen. Das mag für viele Menschen sonderbar, vielleicht auch provozierend klingen. Doch lehrt es letztlich die Natur – von der wir hörten, dass der Tod ihr größter Kunstgriff sei. Was ist denn die Natur? Sie ist ein unermüdliches Erschaffen, ein ständig neues Schöpfen aus dem Meer der Möglichkeiten. Es scheint, als wolle die Natur alle Spielzüge und Varianten erproben, die in ihrem Schoß schlummern. Sie will tatsächlich möglichst viel Leben haben und gebiert daher fortwährend neue, einmalige, unverwechselbare Wesen, deren Sinn darin besteht, je eine schöne, stimmige und ins Ganze dieser Welt wohl eingebundene Variation auf sich selbst zu sein. Der Mensch muss keinen Plan erfüllen, weil das Leben keinen Plan hat – außer den einen: eine schönee und sinnvolle Symphonie zu sein.

DIE SPIELZEIT NUTZEN
„Zu sein, zu leben, das ist genug“, notierte Friedrich Hölderlin in seinem Roman „Hyperion“ und brachte damit eine Haltung zur Sprache, die von einem reifen und gesunden Bewusstsein der Endlichkeit getragen ist. Ja, es ist genug, zu leben und zuletzt zu sterben, wenn man denn irgendwann begriffen hat, dass nichts im Leben endlos wachsen kann: weder die Wirtschaft, noch der Reichtum, weder der Wohlstand noch der Leib. Es geht im Leben nicht darum, das eigene Ego immer neu zu füttern. Es geht darum, dass wir die Spielzeit nutzen, um in ihr ein schönes, sinnerfülltes Leben zu verbringen, das in jedem Augenblick darum bemüht ist, ein großes Ja zu sich und zur Welt auszudrücken. Dass dieses Spiel ein Ende haben muss, ist tragisch – aber gerade diese Tragik ist der Grund für seine Schönheit. Deutlich gesehen hat das der Biologe Andreas Weber, der in seinem Buch „Lebendigkeit“ bemerkt: „Die Spielregeln des Lebens besagen, dass wir versuchen sollen, so lebendig wie möglich zu sein – und gerade darin zutiefst anerkennen sollten, dass wir vollkommen sterblich sind. Ja, dass wir, um weiter lebendig zu werden, immer wieder sterben müssen. Wir sollten niemals versuchen, diese herausfordernde Tatsache auszuschalten. […] Das wäre es also. Die Tragödie annehmen.“

Ich versuche, die Liebe zu leben

Sterbeforscher Bernard Jakoby (60) beschäftigt sich intensiv mit dem Sterbeprozess, schreibt Bücher und hält auch in Österreich Vorträge zum Thema.

Vor 30 Jahren starben meine Eltern an Krebs. Ich begleitete sie vier Jahre lang bei ihrem Sterbeprozess. Als meine Mutter starb, war ich gerade mit dem Auto unterwegs, hielt an einer Ampel und spürte, wie ihre Seele durch mein Herz ging. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich wissen: Was passiert beim Sterben und was kommt nach dem Tod? Seither erzählten mir zahlreiche Menschen von ihrer Verbindung zu lieben Verstorbenen, von deren spürbarer Präsenz und ihren Botschaften aus der geistigen Welt. So wie Nahtod-Studien belegen, dass sich im Sterbeprozess die Seele vom Körper löst, kann auch ich nach 30 Jahren Forschung sagen, dass die Seele in eine andere, in eine feinstoffliche Form des Seins übergeht. Im Sterbeprozess treten verdrängte Gefühle und nicht gelöste Beziehungskonflikte an die Oberfläche des Bewusstseins. Ich würde jedem empfehlen, sich bereits im Leben damit auseinanderzusetzen, etwa durch Vergebung. Seit ich mich mit dem Tod beschäftige, habe ich eine positive Lebenseinstellung bekommen. Für mich ist Gott Liebe, und diese Liebe versuche ich zu leben. Ich bin kein Heiliger, es gelingt mir nicht immer, aber ich versuche es und frage mich in schwierigen Situationen: „Was würde die Liebe tun?“ Viele Menschen hadern mit dem Tod, weil sie glauben, alles was ihnen lieb und teuer ist, zurücklassen zu müssen. Doch diese Angst vor dem Sterben lässt sich besiegen. Wie? Indem ich sie fühle, annehme und akzeptiere. Dann gelingt es, durch sie hindurchzuschreiten.

Foto: Elisabeth Wiltschnigg

Da ist diese Ahnung, dass es weitergeht

Renate Kain (55) ist Leiterin der Pathologie am Wiener AKH. Das Wissen um ihre Sterblichkeit veranlasst sie, sich für ihre Lieben mehr Zeit zu nehmen.

Als Kind fühlte ich mich unsterblich und spürte schon damals den Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich fing an, Würmer zu züchten, zu forschen und kam so irgendwann auch zur Medizin und zur Pathologie – sie ist Ursachenforschung schlechthin. Als ich täglich obduzierte, sah ich nur Tote, alle mit einer gewissen gleichförmigen Physiognomie. An freien Wochenenden wunderte ich mich, wie viele Lebende auf den Straßen unterwegs waren. Ich lernte, dass meine Berufsrealität nur ein gefilterter Ausriss der Wirklichkeit ist. In der Konfrontation mit viel Tod begriff ich auch, dass Leben nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk, und dass hinter der Angst vor dem Sterben die Angst vor Versäumnissen steckt. Deshalb folge ich meinen Impulsen. Ob ich glaube, dass das Ableben unseres Körpers das Ende unseres Seins ist? Nein, denn das Menschliche bleibt, auch in einem unbelebten Körper. Außerdem ist da diese Ahnung, dass es weitergehen könnte. Das äußert sich bei mir im tiefen Respekt gegenüber jedem Toten und durch eine Erinnerung, die mir bis heute unerklärlich ist: Ich war sechs Jahre alt und wurde wegen eines Nabelbruchs operiert. 20 Jahre lang glaubte ich, dass ich mich während der OP aufgesetzt und in das helle Licht geblickt hätte. Erst als ich 26 war, erzählte mir meine Mutter zufällig, dass ich damals reanimiert worden sei. Meine Aufrichtung im OP hatte nie stattgefunden. Wie auch immer, meine Erinnerung an diese Erhebung prägt mich bis heute und lässt mich wissen: Der Tod ist nicht das Ende.

Foto: Maren Jeleff

Ich lebe im Moment

Isabella Karst-Galbavy (29) ist österreichische Meisterin im Tieftauchen. Sie lebt im Bewusstsein, dass jeder Tauchgang der letzte sein könnte.

Vor vier Jahren fing ich mit dem Apnoe-Tauchen an. Dabei hänge ich an einem Seil, nehme einen Atemzug und tauche mit Flossen, aber ohne Sauerstoffversorgung, in die Tiefe: oft 40 Meter, eineinhalb Minuten bin ich unter Wasser. Ab etwa 35 Metern ist die Lunge aufgrund des Drucks nur ein bisschen größer als eine Faust. Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst, jeder Tauchgang könnte der letzte sein – so wie bei einem Freund von mir. Immer wieder gibt es tödliche Unfälle wegen Selbstüberschätzung. Trotzdem denke ich nicht ans Aufhören, denn wenn ich sterben würde, so wäre es während einer Erfahrung, die ich liebe. Viel zu sehr macht mir das Leben Lust. Wird es in der Tiefe also stockfinster und still, wandert meine Wahrnehmung nach innen. Gedanken sind Gift, egal ob positive oder negative. Du musst ganz im Moment sein, sonst passieren Fehler. Einmal brach mir in 35 Metern Tiefe meine Tauchmaske. Ich öffnete reflexartig meinen Mund. Das sollte nicht passieren! Zum Glück beruhigte ich mich wieder. Mentale Stärke trainiere ich durch Atem- und Entspannungstechniken. Als ich das erste Mal jene Tiefe erreichte, an der die Erdanziehungskraft größer war als der Auftrieb des Wassers, und ich langsam nach unten gezogen wurde, dachte ich: „Oh Gott, hoffentlich passt jemand auf mich auf!“ Alles ging gut. Seit ich tauche, setze ich mich mit meinen Ängsten auseinander und kläre vor jedem Tauchgang Probleme und Streitereien. Außerdem genieße ich jeden Moment. Später gibt es ihn vielleicht nicht mehr.

Foto: Jutta Fischel

Weitere Porträts in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/17

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