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Pilotin des eigenen Lebens

Was braucht es, um mit Mut und Vertrauen den persönlichen Weg zu gehen? Die Theologin, Seelsorgerin und Ordensfrau Melanie Wolfers rät, der Sehnsucht nach Liebe und Leben zu folgen und der Angst mit Gottvertrauen ein Schnippchen zu schlagen.

Bin ich noch Pilotin meines eigenen Lebens? Ist es gut, sich das gelegentlich zu fragen?
Melanie Wolfers: Auf jeden Fall. Auf Dauer hinterlässt es einen schalen Eindruck, wenn ich ein Leben führe, das nicht zu mir passt. Das sich irgendwie ergeben hat und mir nur einen Platz als Beifahrerin lässt. Letztlich will jeder ein eigenes Leben führen und nicht ein fremdbestimmtes.

Manche sagen, wenn sich etwas so ergeben hat, dann sei das göttliche Vorsehung, und daher habe man auch am vorbestimmten Ort zu bleiben.
Da muss man genau schauen. Der Wille Gottes ereignet sich nicht wie eine Fremdbestimmung. Als Christen glauben wir, dass Gott in jeden Menschen seinen göttlichen Geist gelegt hat. Dieser macht sich in einer tief liegenden Sehnsucht bemerkbar nach dem, was ich von Herzen will und mir wirklich wichtig ist. Teresa von Ávila sagte: „Wer nicht weiß, was er will, weiß nicht, was Gott von ihm will.“ Dieser tiefe innere Drang, etwas zu leben, hat mit dem eigenen Lebensgeheimnis zu tun. Biblisch gesprochen mit dem Namen, bei dem Gott mich ruft. Deswegen sind Autonomie und Glaube zutiefst miteinander verbunden. Der Glaube hat Menschen immer schon befähigt, zu sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

Es gibt oder gab ein Frauenbild, das die Frauen dazu anhält, in Umständen zu bleiben, für die sie sich einmal entschieden haben, zum Beispiel eine Ehe.
Autonomie und die Suche, wie ich mein Leben gestalten will, stehen immer wieder in Spannung zu dem Rahmen, in dem ich lebe. Im Abwägen mit den Verbindlichkeiten, die ich eingegangen bin. Die Grenzen meiner Freiheit sind dort, wo ich auf die Freiheit anderer treffe. Es geht nicht darum, einer rücksichtslosen Selbstbezogenheit das Wort zu reden. Im Blick auf die Unauflöslichkeit der Ehe und ähnliche Werte gilt es, sehr individuell zu schauen. Das Leben wirft uns manchmal Klötze vor die Füße, und wir landen, wo keiner landen wollte, wo man auch ein Stück ausgeliefert ist. Wichtig ist, dass ein Mensch ehrlich sich selbst gegenüber, mit den Menschen, die seine Entscheidungen angehen, und mit Gott seinen Weg geht. Es ist nicht verwerflich, zu fragen: „Wo lebe ich mehr Leben und mehr Liebe?“

Ist das die zentrale Frage: „Wo lebe ich mehr Leben und Liebe?“
Ja.

Welche Liebe meinen Sie da?
Ich meine: Wo lebe ich mehr aus der Liebe und wo lebe ich mehr Liebe? Ich begleite viele junge Menschen bei den Fragen, wohin es mit ihnen gehen soll. Bildlich gesprochen: „Wo ist die Fluglinie, bei der ich einsteigen und Pilotin werden will?“ Hier geht es immer auch um die Frage, aus welchem Vertrauen ich lebe und was ich an andere weitergeben kann. Das hat, christlich gesprochen, viel mit Berufung zu tun. Wo kann ich besser zu mir und zu anderen Ja sagen und sie ins Leben hinein fördern?

Lesen Sie das gesamte Interview in der Printausgabe.

Melanie Wolfers ist Philosophin und Theologin und eine der bekanntesten christlichen Autorinnen im deutsch­sprachigen Raum. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Sie ist gefragte Referentin und Autorin. Ihr neuestes Buch zum Thema: „Trau dich, es ist dein Leben. Von der Kunst, mutig zu sein“ ist heuer erschienen (Verlag „bene!“, 17,00 Euro). www.melaniewolfers.de

Melanie Wolfers: Zehn Anstiftungen zum Mut

1 Nur wer regelmäßig innehält, findet Halt in sich selbst und kann ein couragiertes Leben führen. Innehalten etwa, indem ich den zurückliegenden Tag nachklingen lasse

2 Sich wie Steve Jobs täglich fragen: „Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich das tun wollen, was ich heute tue?“

3 Die Fähigkeit pflegen, tief zu empfinden, dass ich dieses oder jenes wirklich gut gemacht habe.

4 Eine Kultur des Genug pflegen. Denn die eigenen Grenzen sind nicht nur dafür da, dass ich sie überschreite, sondern sie können auch eine Umfriedung sein: Raum, innerhalb dessen ich in Frieden leben kann.

5 Auf die Signale des Körpers und der Gefühle hören. Sie sind ein einmaliger Seismograph.

6 Selbstmitgefühl kultivieren, wenn mir etwas nicht so gelingt, wie ich es gerne hätte – und so dem Perfektionismus die Stirn bieten.

7 Im konkreten Alltag mehr das eigene Leben leben, und sich davon freier machen, was andere über einen denken.

8 Muße, Spiel und Beziehungen pflegen. Das heißt auch, den Mut haben, nicht so viel zu arbeiten.

9 Für mehr und größeres leben als für das eigene Ich. Ganz konkret: Jeden Tag etwas für andere tun.

10 Mich im Vertrauen üben – im Vertrauen ins Leben und in dessen guten Grund: in Gott.

Wir trafen Melanie Wolfers zum Fotoshooting im Cockpit und am Flugplatz – vielen Dank an Karl Schmid vom ASKÖ Flugsportverein Linz!

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/18