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Das Kind in uns will leben

„Warum kann ich als Erwachsene nicht so verspielt und spontan sein wie früher als Kind“ – denken Sie das auch oft? Die Singer-Songwriterinnen Ina Regen und „Die Mayerin“ behandeln diese Frage in ihren Liedern. Grund genug, sie zum Gespräch einzuladen und mit ihnen über den Weg zu mehr Leichtigkeit und Lebendigkeit zu sprechen.

In euren Liedern befasst ihr euch unabhängig voneinander mit dem Kind, das ihr einmal wart und das in euch weiterlärmt. Die Psychologie nennt diesen ältesten Teil in uns das „innere Kind“. Es umfasst Kindheitserfahrungen sowie das gesamte Spektrum intensiver Gefühle: Freude, Glück, Intuition, Neugierde, aber auch Schmerz, Traurigkeit, Angst, Wut, Ohnmacht und Verlassenheit. Was hat euch zu dieser Selbstzuwendung bewogen?
Die Mayerin:
Bei mir setzte dieser Prozess nach der Matura ein. Die Frage „Wer bin ich?“ hat mich zu einem Psychologiestudium animiert. In dieser Zeit stolperte ich über Paulo Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“. Darin stand, dass ein Krieger des Lichts in jedem Menschen wohne und darauf warte, befreit zu werden, damit er seine wahre Natur entfalten könne. Er glaube an Wunder, auch wenn ihm manchmal unterstellt werde, dass er naiv sei, schreibt Coelho. Diese Zeilen haben mich so berührt, dass ich mich auf die Reise zu meinem Lichtkrieger machte. Ich absolvierte auch zwei, drei Zusatzausbildungen, um Antworten zu finden, stellte dann aber fest, dass man den Blick nach innen wenden muss, um voranzukommen. Erst durch Selbsterfahrungsseminare – sie waren ein Sprung ins kalte Wasser, aufregend und erfrischend zugleich – verstand ich, dass ich zwar in der Haut einer Erwachsenen stecke, doch alles, was mein Sein, Fühlen und Erleben betrifft, seit meiner Kindheit in mir weiterexistiert. Auch die seelischen Wunden aus der Vergangenheit. Auch die falschen, dysfunktionalen Glaubensmuster, die ich als Kind unreflektiert übernommen hatte.
Ina Regen: Irgendwann im Lauf des Erwachsenenlebens gelangen wir alle an den Punkt, an dem wir merken: „Ich bin uneins mit mir, stehe mir selbst im Weg, mache nicht das, was ich wirklich will.“ Mir ging es mit Mitte 20 so, obwohl ich schon mit 19 dachte, ich sei erwachsen, weil ich von zu Hause ausgezogen war. Dabei war ich noch so ein Kindergartenkind, hin- und hergerissen zwischen „Mir gehört die Welt“ und „Mamaaa, kannst du das für mich machen?“. (zupft an ihrem Rockzipfel) Erst ab 25 schwante mir, dass ich noch lange nicht ich selbst war. Dieser Weg ist wie das Schälen einer Zwiebel. Man muss eine Schicht nach der anderen abtragen, um sich ein Stück näherzukommen. Es bleibt immer nur eine Annäherung, weil sich ja alles laufend verändert. Rund um meinen Dreißiger stagnierte mein Leben, vor allem beruflich. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte, fühlte mich blockiert. Ich war so verkopft, davss ich ernsthaft dachte, meine Probleme mit reiner Vernunft lösen zu können.

Was hat dir solche Schwierigkeiten bereitet?
Ina Regen:
Mir war aufgefallen, dass ich mich im Beisein anderer, weniger vertrauter Menschen oft hinterfragte, fast zensierte, ausbremste. Also fragte ich mich: „Wer bist du, wenn du alleine bist, wenn dir niemand beim Leben zuschaut? Und warum schaffst du es nicht, diese Wahrheit auch in Gesellschaft zu leben? Wieso akzeptierst du manche Seiten an dir leichter als andere?“

Welche Facetten waren das und mit welchen Gefühlen waren sie verbunden?
Ina Regen: Ich hatte lange ein Problem mit meiner Nachdenklichkeit und damit, Traurigkeit zuzulassen. Schon als Kind hatte ich die Angewohnheit, alle anderen vor mich zu stellen und darauf zu schauen, dass es ihnen gut ging. Mein Motto lautete: „Hauptsache, alles läuft harmonisch!“ Wenn jemand einen schlechten Tag hatte, kippte ich in meinen Sonnenscheinmodus und versuchte gute Laune zu verbreiten – auch dann, wenn mir gar nicht danach zumute war. Wie oft ging ich über meine Grenzen? Wie oft unterdrückte ich meine Betrübtheit und gab vor, dass eh alles in Ordnung sei? Und nicht selten passierte es, dass ich meine Bedürfnisse vor lauter falscher Rücksichtnahme völlig aus den Augen verlor. In der Zeit, als mir das alles bewusst wurde, ergab sich die Möglichkeit, bei einem Schauspiel-Workshop mitzumachen. Etwas drängte mich förmlich dorthin: „Schau dir das an!“ Im Zuge dieses Coachings lernte ich meine Ressourcen kennen – und meinen Körper als Wahrnehmungsinstrument. Eines Tages fiel dann auch der Begriff „inneres Kind“. So entdeckte ich die Kleine in mir. Es war faszinierend, wie in dieser geschützten, offenen Atmosphäre Bilder aus meinem tiefsten Inneren aufstiegen und ich plötzlich dieses Mädel vor mir hatte. Das war ich! Ich erkannte mich sofort in ihm wieder und spürte: Wir gehören zusammen.

In welchem emotionalen Zustand hast du dein „inneres Kind“ vorgefunden? Und brauchte es lange, bis es Vertrauen fasste?
Ina Regen:
Nein, die kleine Regina, diese mutige Frohnatur, hat mich in der Sekunde berührt. Sie war fünf Jahre alt und in ausgelassener Stimmung. Mit verschränkten Armen und herausforderndem Blick hockte sie vor mir und lockte mich aus der Reserve: „Stell dich nicht so an! Mach einfach, was du willst!“

Du beschreibst sehr schön, was bei der Begegnung mit dem inneren Kind passiert: Es kommt zu einer bewussten Spaltung zwischen dem Erwachsenen-Ich und dem Kind-Ich, damit diese in einen Dialog treten können. Wie hast du dich der Kleinen genähert?
Ina Regen: Es war wie ein Nachhausekommen. Sie freute sich auf mich, ich freute mich auf sie! Als ich mich bildlich zu ihr setzte und sie in meine Arme schloss, habe ich nur geweint. Zum ersten Mal fühlte ich, dass Tränen die beste Medizin sind. Seit dieser gewinnbringenden Begegnung trage ich die Kleine in meinem Herzen. Sie ist immer bei mir. Und wenn ich mal wieder das Gefühl habe, mich im großen Chaos zu verlieren, taucht sie auf und führt mir vor Augen, was ich gerade am dringendsten brauche. Wende ich mich ihr liebevoll zu, kommt alles ins Fließen. Je öfter ich in Kontakt mit ihr bin, umso bewusster erkenne ich die Situationen, in denen meine alten Muster gerne von mir hätten, dass ich meine Impulse überhöre und mich lieber anpassen sollte. Dann versuche ich sehr bewusst zu entscheiden, ob ich mich meinem Umfeld gerade so zeigen kann, wie ich wirklich bin. Mittlerweile mute ich mich anderen und mir selbst meist so zu, wie ich bin. Dieses Zumuten habe ich lieben gelernt. Denn zumuten heißt, dass es Mut und Zutrauen braucht, um wahrhaftig zu sein.

Und wie lief die erste Begegnung mit deinem inneren Kind, Ulrike?
Die Mayerin:
Ganz anders. Ich fand die kleine Uli weinend, traurig und isoliert in einer dunklen Ecke vor. Sie war vier Jahr alt, fühlte sich vernachlässigt und war wütend auf mich, weil ich so lange auf sie vergessen hatte. Die Signale, die sie mir gesendet hatte, hatte ich immerzu missachtet. Immer waren mir alle anderen wichtiger gewesen als dieser Schatz in mir. Nach unserer ersten Begegnung versuchte ich, ihre Bedürfnisse zu stillen, mir Zeit und Raum für sie zu nehmen. Aber als ich mit 28 und 29 Mutter wurde und mich um zwei Kinder kümmern musste, blieb die kleine Uli erneut auf der Strecke. Deshalb meldet sie sich jetzt noch deutlicher.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Porträts von „Die Mayerin“ & „Ina Regen“ finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 0708/18