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Amanda Palmer – Geständnisse eines Freigeistes

Haben auch Sie eine persönliche Heldin aus Jugendtagen? Diese eine Person, die Sie sich zum Vorbild genommen haben? Bei mir ist es die Musikerin Amanda Palmer. Ich traf sie zum Interview – wir redeten übers Bitten, über #MeToo, über ihre Ehe und den zukünftig nettesten Mann der Welt: ihren kleinen Sohn.

Für alle LeserInnen, die dich nicht kennen: Kannst du beschreiben, welche Art von Kunst du machst?
Amanda Palmer: Ich bin hauptsächlich Musikerin. Aber je älter ich werde, desto mehr sehe ich mich eigentlich als Gestalterin. Manchmal gestalte ich Musik, manchmal Schriftstücke. Und manchmal bringe ich einen Haufen Menschen an einem Ort zusammen und schaffe einen gemeinsamen Raum. Ich denke, mein spezielles Talent liegt darin, dass ich anderen wirklich gerne meine Gefühle mitteile. Und zwar in einer Weise, die verbindend sein kann. Früher dachte ich immer, es sei egoistisch, als Künstlerin über meine eigenen Gefühle zu reden. Aber ich habe gelernt, wenn man es richtig macht, kann diese Art des Teilens ein großes Geschenk für andere sein.

Du hast ein Buch übers Teilen geschrieben. Es heißt „The Art of Asking“ – also „Die Kunst des Bittens“. Warum ist es besser, andere um Hilfe zu bitten, als zu versuchen, etwas alleine zu schaffen?
Grundsätzlich gibt es fast gar nichts, was wir Menschen alleine tun können. Vom Malen eines Gemäldes bis hin zum Zubereiten einer Mahlzeit. Jemand musste zuvor die Farben fabrizieren, mit denen du malst, und das Essen anbauen, das du kochst. Es ist also ein lächerlicher Mythos, zu glauben, dass wir je etwas alleine schaffen können. Menschen sind von Grund auf und für immer miteinander verbunden. Ja, wir leben in einer Kultur, die uns zu überzeugen versucht, dass es irgendwie besser wäre, unabhängig zu sein. Aber wir sollten wissen, dass wir ohne einander total verloren wären. In meinem Buch habe ich viel über meine Erlebnisse als Straßenkünstlerin berichtet. Durch diese Erfahrungen habe ich begriffen, wie sehr wir uns alle voneinander entfernt haben. Wie wenig wir uns eigentlich wahrnehmen und wie wenig wir uns gegenseitig helfen.

Wie können wir diese Entfernung überwinden?
Ich glaube, das Schwierigste daran ist, dass man sich verletzlich macht, wenn man sich für andere öffnet. Und verletzlich zu sein ist vielen Menschen unangenehm. Also müssen wir erst einmal verstehen, dass Verletzlichkeit nicht negativ ist. Sie ist – auf eine tief gehende Weise – sogar eine Stärke. Offenheit macht es möglich, sich durch die Welt zu bewegen und all die Ressourcen zu nutzen, die wir haben, anstatt stur an einem Fleck zu verharren und alleine zu bleiben.

Ich kann mir vorstellen, dass dich viele Leute um Hilfe bitten. Wie gut bist du dann in der Kunst des Neinsagens?
(Lacht) Das könnte eine gute Fortsetzung meines Buches sein! Die Kunst des Bittens ist nämlich stark verflochten mit der Kunst des Annehmens und der Kunst des Ablehnens. Und vor allem in dem Klima von #MeToo und Harvey Weinstein gerinnt zurzeit alles zur Frage, wie Menschen andere um etwas bitten. In diesem Fall geht es darum, wie Menschen um Intimität und um Sex bitten. Ich denke, um danach fragen zu können, was man selber braucht, muss man auch die Situation der anderen verstehen.

Also sollten Männer einfach lernen, wie sie nach etwas fragen?
Ja, ich denke schon. Das Ding ist: Niemand ersehnt sich das Ende der Romantik. Keine Frau verlangt von einem Mann, mit dem sie nach einem Abendessen mit Kerzenschein im Bett liegt, dass er fragt: „Ist es in Ordnung, wenn ich dich jetzt küsse? … Ist es in Ordnung, wenn ich dein Ohr berühre? … Ist es in Ordnung, wenn …“ Ich jedenfalls will das nicht. Aber es braucht gegenseitigen Respekt und ein Gesprächsklima, in dem jeder Partner und jede Partnerin jederzeit „Nein“ sagen kann.

Um nun zu deiner Beziehung zu kommen, was unterscheidet deinen Ehemann, den Schriftsteller Neil Gaiman, von anderen Männern?
Er ist in vielerlei Hinsicht anders. Er ist überaus kreativ. Er hatte ein schweres Leben. Und er ist von Grund auf ein fantastischer Feminist! Wir ziehen unser Kind gemeinsam groß und teilen uns all die Arbeit. Und er wusste, dass er mit mir eine starke und rechthaberische Frau heiraten würde. Wenn er also ein durchschnittlicher Mann gewesen wäre, hätte das mit mir niemals funktioniert. Ich bin oft ziemlich beeindruckt von seinen feministischen Ansichten und Handlungen. Er handelt wirklich nach seinen Prinzipien.

Also war dein Mann schon Feminist, bevor er dich kennengelernt hat?
Auf jeden Fall. Er identifiziert sich nicht ausschließlich und nicht um jeden Preis als Feminist. Aber seine Arbeit war schon in den 80er- und 90er-Jahren sehr fortschrittlich und inklusiv. Er sprach sich zum Beispiel offen für die politischen Bewegungen der Schwulen, Lesben und Transgender-Personen aus.

Wie schaffst du es eigentlich, verheiratet zu sein und dich trotzdem nicht eingesperrt zu fühlen?
Ich hatte definitiv Angst vorm Heiraten. Ich habe befürchtet, dass ich dadurch an eine Beziehung gefesselt werde. Aber ich erfahre in meiner Partnerschaft unglaubliche Freiheiten. Bis das Baby kam, hatten wir eine offene Beziehung. Das heißt, wir haben beide auch mit anderen Personen geschlafen. Und wir sind sehr ehrlich darüber, was wir mit wem gemacht haben. Wir sind sehr liebevoll und mitfühlend zueinander und unterstützen einander innig. Und auch wenn ich es liebe, ein Freigeist zu sein und 24 Stunden am Tag zu tun, was ich will, ist es eben eine andere Art der Freude, für ein Kind zu sorgen und einen verlässlichen Partner zu haben.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Amanda Palmer (42) ist US-amerikanische Musikerin, Liedermacherin und Buchautorin. International bekannt wurde sie mit der Band „The Dresden Dolls“, die sie 2000 mit dem Schlagzeuger Brian Viglione gründete. Ihre Musikrichtung nennt sich Punk-Cabaret. Mittlerweile ist Amanda Palmer hauptsächlich als Solokünstlerin unterwegs. Sie arbeitet im Moment an einem neuen Album, einem Podcast-Projekt und einem Musical. Seit 2011 ist sie mit dem britischen Science-Fiction-Autor Neil Gaiman verheiratet. 2015 kam ihr gemeinsamer Sohn Anthony zur Welt.

„Ich mache mir Gedanken darüber, welche Botschaft genau ich übermitteln will an die Frauen und Mädchen, die auf mich schauen“, sagt Amanda Palmer. 2012 erzielte Palmer einen nie dagewesenen Crowdfunding-Erfolg: Sie sammelte 1,2 Million Dollar für die Produktion ihres Albums „Theatre Is Evil“. Darüber und über die Bedeutung des Bittens in ihrem Leben veröffentlichte sie 2014 ihr Buch „The Art of Asking“ („Die Kunst des Bittens“).

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18

Foto: musicbiz101wp