Aktuelle
Ausgabe
11/22

Mein Leib und meine Seele

Organspende: das geschenkte zweite Leben

Hirn an Bauch: „Was erzählst du mir?“

 

Luisas Fenster zum Meer

Luisa Citti lebt als einzige Frau auf Gorgona, der letzten Gefängnisinsel Europas. Die Häftlinge auf der Insel sieht sie als ihre Kinder. Ihre Weitsicht verdankt sie dem Feldstecher, mit dem sie vom Küchenfenster aus das Meer und die Welt beobachtet.

Die acht steilen Treppenstufen, die zum Haus von Luisa hinunterführen, sind meist von den zahlreichen Katzen belagert, die ihr Leben begleiten. Im Schloss der olivgrünen Holztür steckt tagsüber immer der Schlüssel – ein Zeichen jenes Urvertrauens, das in Zeiten großstädtisch geprägter Zivilisation beinahe ausgestorben ist und nur mehr vereinzelt in kleinen Dörfern, wo jeder jeden kennt, überleben konnte. Der außen steckende Schlüssel signalisiert, dass sie zu Hause ist und dich sicher gleich mit einem Lächeln, einem Kaffee oder mit einem Gläschen hausgemachten Myrtenlikörs begrüßen wird – falls davon noch etwas übrig ist.

Die aromatischen Myrtenbeeren pflückt sie immer auf dem Weg zum Friedhof im höher gelegenen Teil der Insel. Luisa begrüßt alle und hinterlässt bei allen eine bleibende Erinnerung an den Ort ihres Lebens – an diese schöne und zugleich verdammte Insel.

Die toskanische Insel Gorgona hat viele Gesichter: Sie ist Nationalpark, letzte Gefängnisinsel Europas und landwirtschaftlicher Großbetrieb.

Die toskanische Insel Gorgona hat viele Gesichter: Sie ist Nationalpark, letzte Gefängnisinsel Europas und landwirtschaftlicher Großbetrieb.

Gorgona ist die kleinste und nördlichste der toskanischen Inseln und ein Mikrokosmos voller Kontraste: Sie liegt inmitten einer Meeresfläche, die als Heiligtum der Wale bezeichnet wird, sie ist Nationalpark, letzte Gefängnisinsel Italiens und Europas, landwirtschaftlicher Großbetrieb und Ort für hoffnungsvolle Experimente und altes Leiden gleichermaßen. 

Luisas Haus bildet mit etwa zwölf anderen das alte Fischerdorf, das im 18. Jahrhundert entstand, noch bevor dort 1869 die Strafkolonie mit angeschlossener Landwirtschaft angesiedelt wurde. Der Großherzog der Toskana hatte die Verbannung der Häftlinge angeordnet in der Absicht, die Läuterung und moralische Erneuerung der Verbannten durch landwirtschaftliche Arbeit zu fördern. 

Gorgona: ein düsterer Name

Die Geschichte von Gorgona ist seit jeher mit Plagen und Leiden verbunden; darauf deutet schon der Name der Insel hin, denn „gorgo“ bezeichnet im Italienischen den Graben, den Abgrund, die Tiefe, in die man stürzen kann oder die einen hinabzieht. Nicht von ungefähr war in der griechischen Mythologie der Anblick der drei Gorgonen – Stheno, Euryale und Medusa – grauenerregend, und wer es wagte, ihnen in die Augen zu blicken, wurde augenblicklich versteinert. Zudem verkörperten die Gorgonen die Perversion in ihren drei Ausprägungen: in der Sexualität, in der Moral und im Intellektuellen.

Dem düsteren Ursprung des Namens entsprechend stellt die Insel Gorgona alle – Inhaftierte wie freie BürgerInnen, Menschen wie Tiere – auf harte Proben. Auch Luisa blieb davon nicht verschont, obwohl man es der betagten und zierlichen Person heute kaum ansieht. Zwei Schlüsselbegriffe erklären ihr Leben: Schicksal und Mut. Aber der Reihe nach. 

Luisa Citti, die einzige Frau auf der italienischen Gefägnisinsel Gorgona. Sie schätzt die Natur, sie liebt ihre Katzen und sie kann auch mit Einsamkeit gut umgehen.

Luisa Citti, die einzige Frau auf der italienischen Gefägnisinsel Gorgona. Sie schätzt die Natur, sie liebt ihre Katzen und sie kann auch mit Einsamkeit gut umgehen.

Bonbon unterm Kissen

Am Küchentisch mit Blick auf den Strand des kleinen Hafens hat sie mir oft ihre Geschichte erzählt: Als sie am 12. Februar 1927 zur Welt kam, schrie und weinte sie nicht wie die meisten Neugeborenen. Ihre Eltern nahmen dies als Zeichen mangelnder Vitalität und riefen in ihrer Sorge den Inselpriester, um für das vorzeitige Dahinscheiden der Tochter gerüstet zu sein. Weil sie als Säugling zudem wenig Appetit zeigte, blieb bei ihrer Mutter die Milch aus, woraufhin der Vater von der etwa 20 Meilen entfernten Insel Capraia eine Ziege zur Ernährung der Tochter kommen ließ.

Später hatte sie als Kind von neun Jahren ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten: Luisa erzählt mit schwacher und zugleich fester Stimme vom Verlust ihres über alles geliebten Vaters, der sie jeden Morgen mit einem Bonbon unter ihrem Kopfkissen überraschte. Ihr Vater war als Leuchtturmwärter mit dem Meer vertraut. Eines abends, kurz vor Ostern, fuhr er zusammen mit einem Cousin zum Fischen aus, um mit dem Fang den Verwandten ein Ostergeschenk zu bereiten. Eine große Welle, wahrscheinlich von einem in zu nahem Abstand vorbeifahrenden Schiff, brachte das kleine Ruderboot zum Kentern.

Am Ostersonntagmorgen fand sie zuerst das vertraute Bonbon unter ihrem Kopfpolster und später den toten Vater auf dem marmornen Küchentisch – dieser Tisch ist heute noch erhalten.

Das karge Leben auf einer kleinen Insel in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, zwischen Fischfang und in der Landwirtschaft arbeitenden Häftlingen, ist heute kaum vorstellbar. Insgesamt lebten damals noch viel mehr Menschen auf Gorgona. Die Einwohnerschaft bestand aus den ansässigen Familien – auch Zivilisten genannt – und den Mitarbeitern der Gefängnisverwaltung. Luisa erzählt, dass das Zusammenleben einigermaßen konfliktfrei funktionierte und der Inselbevölkerung ein Auskommen sicherte, ohne ständige Entbehrungen, wie sie damals auf anderen kleinen Inseln typisch waren. 

Rückkehr auf die Insel Gorgona

Schon im zarten Alter von 15 Jahren heiratete Luisa einen kaum älteren Soldaten aus Florenz. Angesichts ihrer Jugend warteten sie noch einige Jahre, bis sie ihre Kinder Paola und Renzo in die Welt setzten. Danach übersiedelten sie für viele Jahre nach Florenz. Die Hauptstadt der Toskana sieht sie auch heute noch als ihr bevorzugtes Zuhause, und dort erlebte sie unter anderem auch das verheerende Arno-Hochwasser vom 4. November 1996. Nach dem frühen Tod ihres Gatten entschloss sich Luisa, mit ihren damals schon erwachsenen Kindern nach Gorgona zurückzukehren – und seit damals hat sie die Insel nur mehr für kurze Ausflüge verlassen.

Das Fischerdorf liegt wie ein weißer Fleck wenige Meter hinter der schmalen Hafeneinfahrt. Luisas Haus war eines der ersten hier, und die Zeit und die salzigen Winde Scirocco und Grecale haben besonders an den Fensterrahmen deutliche Spuren hinterlassen. Die Fenster sind nach Osten gerichtet, in Richtung des Festlandes und der etwa 18 Kilometer entfernten Stadt Livorno.

Luisas Zimmer liegen im zweiten Stock des würfelförmigen, weiß getünchten Hauses; eine kleine Treppe führt an den kleinen Strand. Diese Treppe war Schauplatz einer weiteren dramatischen Episode in ihrem Leben: Im September 1994 hatten tagelang anhaltende Regengüsse die Erde auf der sonst eher niederschlagsarmen Insel aufgeweicht.

Angesichts der steilen Abhänge ohne Befestigungsmauern und des Fehlens jedweder Kanalisation ergab sich eine bedrohliche Lage. Als der Regen, statt nachzulassen, immer stärker wurde, beobachtete Luisa das Inferno von ihrem Küchenfenster auf der Meerseite des Hauses mit ihrem Feldstecher, als sie plötzlich von einem lauten Krachen hinter ihr überrascht wurde. Eine Schlammlawine hatte sich den Abhang heruntergewälzt und die Haustüre zertrümmert. Luisa wurde von den Schlammmassen in ihrer Küche erfasst und aus dem Fenster gerissen; über die darunterliegende kleine Treppe strömte die Lawine weiter ins Meer. 

Wunder der Rettung

Wie durch ein Wunder bemerkten NachbarInnen einen menschlichen Arm, der aus den schmutzig braunen Fluten ragte, und sie kamen Luisa zu Hilfe; wenige Augenblicke später hätte es keine Rettung mehr gegeben. Das schlammige Wasser war bereits in ihre Lunge eingesickert, und die Stürze hatten ihr einige Rippen gebrochen, sodass Luisa erst nach monatelanger Spitalsbehandlung wieder nach Gorgona zurückkehren konnte.

Heute noch gehört es zum Ritual beim Besuch von guten FreundInnen, sich mit dem Feldstecher in der Hand aus besagtem Küchenfenster zu lehnen und dabei das Wunder der Rettung aus den Fluten an jenem Septembertag anzusprechen. Kaum zu glauben, dass eine zarte und betagte Frau diesen Fünfmetersturz ohne bleibende Schäden überstanden hat; es scheint, als ob die rettende Hand damals übermenschliche Qualitäten gehabt hätte.

Die Naturgewalten sind auf dieser Insel allgegenwärtig, und man tut gut daran, sich darauf einzustellen, auch wenn man nur einen kurzen Abstecher dorthin plant. Jede Planung ist abhängig von den Launen des Tyrrhenischen Meeres, von der Windrichtung und vom Luftdruck. Die unbekannten Faktoren beeinflussen die vertrauten Gegebenheiten, und als Homöopath komme ich nicht umhin, darin ein Gleichnis zum Gleichgewicht des Lebens und der Lebewesen im Allgemeinen zu sehen.

Die unsichtbare Lebensenergie durchdringt und koordiniert die Bestandteile unseres Organismus und versucht sie ins Gleichgewicht zu bringen, woraus jener oszillierende Zustand entsteht, den wir Gesundheit nennen: Es sind vielfältige Beziehungen, die miteinander in Einklang kommen, um das Netzwerk des Lebens zu flechten. Wenn man mit Gorgona und seinen BewohnerInnen in Kontakt kommt, werden diese Zusammenhänge klar. Auf den bescheidenen 2,2 Quadratkilometern dieses Felsbrockens bekommt man tiefe Einsicht in die Makrodynamik des Ganzen. Luisa ist Teil dieses Ganzen, und sie kann uns helfen, die Wichtigkeit des Spirituellen in diesem delikaten Gleichgewicht zu verstehen.

Die Häftlinge auf Gorgona betreuen auch die Tiere der Landwirtschaft.

Die Häftlinge auf Gorgona betreuen auch die Tiere der Landwirtschaft.

Fröhliche Einsamkeit

Genau das lebt uns Luisa in einfacher und direkter Weise vor: Da ist die Natur mit ihren Kräften, da sind die Pflanzen, Haus- und Wildtiere, die kleine Kirche mit dem Piniengeruch ihrer Holzbänke und der einfache Friedhof an der Nordküste. Luisa scheint in ein permanentes Gebet versunken, das ihr erlaubt, in dieser Einsamkeit fröhlich zu bleiben.

Vielleicht war es genau diese Erfahrung, die mich vor einigen Jahren dazu trieb, meine Firmung ausgerechnet auf Gorgona nachzuholen. Damals war in Livorno Bischof Alberto Ablondi in Amt und Würden, ein Mann von außerordentlicher Humanität und Kultur; mit ihm habe ich viele Überfahrten nach Gorgona zur Betreuung der Inhaftierten erlebt. Zur Messe war regelmäßig die gesamte Gemeinde von Gorgona erschienen, mit Luisa in der ersten Reihe als Vorsängerin, die den Ton vorgab, wie die erste Nachtigall im Morgengrauen. Nach dem strengen Verhaltenskodex auf der Gefängnisinsel durften die Inhaftierten erst nach der einzigen Inselbewohnerin die Kirche betreten. Als ich dann eines schönen Tages wie gewohnt mit Rucksack und in Wanderstiefeln auf der Insel ankam, teilte mir der Kaplan Pater David mit, dass an jenem Dienstag die letzten Firmungszeremonien im Beisein von Bischof Ablondi stattfänden, da der Bischof in den Folgejahren aus Gesundheitsgründen die Insel nicht mehr besuchen könne. Ich entschloss mich kurzerhand, die letzte Chance zu nutzen, und trat unangemeldet am selben Tag zur Firmung an. Luisa war dabei meine Firmpatin und die Häftlinge bildeten meine Familie.

Luisa lebt glücklich, im Bewusstsein ihres Daseins und der zerbrechlichen Schönheit des Lebens. Diese Frau lehrte mich, wie man mit Einfachheit das Leben meistern kann. Es gehört zu den Geschenken Gorgonas, sie kennengelernt zu haben, als Beweis, dass es viele kleine Schätze gibt; dort wo man sie am wenigsten vermutet und wo die wenigsten danach suchen.

Dr. Marco Verdone

ist Tierarzt, Homöopath und Buchautor. Er war 25 Jahre lang auf der Gefängnisinsel Gorgona tätig. www.ondamica.it

 

 

 

Erschienen in „Welt der Frau“ Juli/August 2015 

Was ist aus unseren Träumen geworden?

In jungen Jahren haben wir viele Pläne für unser Leben. Manche davon gehen wir direkt an, andere verschieben wir auf später. Und auf später und später. Plötzlich scheint das einst endlos wirkende Leben begrenzt, und wir bemerken, dass wir auf unsere Träume vergessen haben.

Erik ist 17 und kommt soeben aus Bremen zurück, vom Informationstag einer deutschen Fluglinie. Von klein an war er von öffentlichen Verkehrsmitteln fasziniert, deren Krönung Flugzeuge sind. Auf die Frage, wie seine nächsten fünf Jahre aussehen, gibt er eine blitzschnelle und klare Antwort: „Ich maturiere, mache Zivildienst im Ausland und werde Pilot.“

Kinder und Jugendliche brauchen Lebensträume, um ihre Zukunft zu gestalten. Träume treiben sie an, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und auf ein Ziel zuzusteuern. Im Ideal­fall läuft es so, wie Erik es plant. Das „wirkliche Leben“ allerdings gestaltet sich oft anders. Man verzichtet auf sein Wunschstudium aus Vernunftgründen; man lernt einen Partner oder eine Partnerin kennen, der oder die nicht die gleichen Wünsche hat; das geplante Jahr in Italien verkürzt man auf einen Monat – bestimmte Träume verschieben wir immer wieder auf später, so lange, bis wir gar nicht mehr wissen, dass wir sie geträumt haben. „Das muss noch lange kein Problem sein“, sagt Psychiater Harald Merl, „wir haben schließlich mehrere Träume für mehrere Lebensbereiche. Nicht jeder ist gleich wichtig. Solange jemand ehrlich und aufrichtig von sich sagen kann, dass er zufrieden ist, wird er wohl manche seiner Träume leben. Problematisch wird es erst, wenn der Lebenssinn verloren geht.“

Ob der Lebenssinn verloren gegangen ist, zeigt sich nicht so schnell, wie man vermuten könnte. Meist stecken wir nämlich so richtig fest mitten im Leben: Wir sind beruflich engagiert, haben vielleicht Kinder, jonglieren den Alltag, schaukeln unser Sozialleben und kommen immer schneller außer Atem. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Bis wir dazu gezwungen werden, eines Tages. Dann nämlich, wenn sich die Seele meldet, mit Schlafpro­blemen, Antriebslosigkeit, innerer Leere oder verschiedenen körperlichen Wehwehchen. Oft bringen Krisen einen auch dazu, das Leben zu hinterfragen und bei Bedarf gegenzusteuern. Bei Markus Mitterer*, alleinstehend, 50 Jahre, war ein Burn-out der Anlass, sich einen Jugendtraum zu erfüllen. Er nahm Reitstunden, kaufte sich ein Jahr später sein eigenes Pferd und gibt heute sogar vereinzelt Reitunterricht. Er arbeitet zwar immer noch in seinem aufreibenden Job, zum Ausgleich schöpft er aber viel Energie aus dem Umgang mit seinem Pferd und den stundenlangen Ausritten. 

Entwicklungshelfer

Unerfüllte Wünsche, ungelebte Sehnsüchte oder Konflikte zeigen sich vielen Menschen auch in ihren Tag- und Nachtträumen. Für Schlafforscherin Ortrud Grön sind Träume Entwicklungshelfer. Sie ermöglichen, zu erkennen, wo etwas nicht im Einklang ist. Träume speisen sich aus Emotionen und haben mit Sorgen, unerledigten oder unbewältigten Dingen zu tun, die in der Seele weiterarbeiten. Nachtträume rühren an die offenen Wunden des Tages. Dadurch konfrontieren sie uns auf kreative Art immer wieder mit unseren Konflikten.

Der amerikanische Pionier in der Schlafforschung, William Dement, bezeichnet Träume als die „Hüter der Gesundheit“. Träume öffnen Perspektiven, verarbeiten Stress und bieten Problemlösungen an. Um sich Träume nutzbar zu machen, bedarf es einer Deutung. Träume bedienen sich einer verschlüsselten Sprache und verwirren uns oft mit ihrer Symbolik. Der beste Traumdeuter ist aber nicht die Onlinedatenbank oder das Traumnachschlagewerk, sondern die oder der Träumende selbst. Nur sie oder er kann die codierten Bilder der Nacht interpretieren, hat einen Bezug zu den Schlüsselszenen und weiß, welche Gefühle damit im Traum verbunden waren. Nicht nur Nachtträume, auch Tagträume sind eine wertvolle Hilfe auf dem Weg zu uns selbst. Wenn wir regelmäßig beobachten, was wir vor uns hin träumen, werden wir viel über die tieferen Wünsche herausfinden.

Besinnungslose Betriebsamkeit

Deutschlands „Nationalpsychologe“ Stephan Grünewald hat sein neues Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“ den Träumen gewidmet, den Lebensträumen ebenso wie den Nachtträumen. Seine Kernaussagen lauten: Wir leben in einer besinnungslosen Betriebsamkeit, Erschöpfung ist der Preis, den eine traumlose Gesellschaft zahlt. Wir brauchen Ideen, wofür wir leben wollen. Und: Träume sind die Voraussetzung für Veränderung und Innovation. Für Markus Mitterer ist diese Idee sein Pferd. Man muss nicht gleich sein ganzes Leben umkrempeln, um sich besser zu fühlen. Oft haben kleine Schritte eine große Wirkung. Aber dass es Träume für ein gelungenes Leben braucht, darin sind sich ExpertInnen einig.

Kraftquellen, Impulsgeber

Dass junge Menschen Träume brauchen, scheint allen einsichtig, und wir motivieren Jugendliche dementsprechend. Bei uns selbst hingegen übersehen wir die wichtigen Funktionen des Träumens und irren allzu oft sinn- und planlos durchs Leben. Dabei bieten Träume auch Erwachsenen Orientierung, sie wecken Kräfte, geben Motivationsschübe und stellen Entwicklungsbilder dar. „Träume sind Visionen von uns selbst“, sagt Merl, „sie zeigen, wer wir sein können, und lassen uns mit diesem Bild auch Krisen gut überstehen.“ Wann es Zeit wird oder sogar notwendig ist, sich auf die eigenen Träume zu besinnen, kann nur jede und jeder für sich selbst bestimmen. Wenn das Leben zu stocken scheint, können kleinere oder größere Träume es wieder ins Fließen bringen. Für größere mag Mut notwendig sein. Zuweilen auch Durchsetzungsvermögen. Die eigenen Träume zu leben, kann Angst machen, auf Widerstände stoßen und bringt Unsicherheit.

Träume sind Entwicklungshelfer. Unerfüllte Wünsche und ungelebte Sehnsüchte zeigen sich vielen Menschen in Tag- und Nachtträumen.

Vergessene Wünsche

So sicher wie ein vertrautes Hamsterrad ist eine Veränderung jedenfalls nicht, mitunter fürchten wir schmerzliche Erfahrungen. Aber wenn wir unsere Träume nicht leben, so Grünewald, schränken wir uns selbst ein. Und am Ende sei das beschränkte Leben die schmerzlichste Erfahrung. In ihrem Buch „Wenn Körper und Seele streiken. Die Psychosomatik des Alltagslebens“ schreibt die deutsche Soziologin Annelie Keil: „Die Freiheit zu leben besteht im Leben, im Tun und nicht im Unterlassen. Wie das Glitzern des Wassers kann man auch das Glitzern des eigenen Lebens nicht kaufen.“ Was aber, wenn wir gar nicht wissen, wie wir unser Leben zum Glitzern bringen können? Viele Menschen haben im Laufe der Jahre vergessen, wer sie sind, und kennen ihre wahren Wünsche nicht mehr. Oft stülpen sie sich fremde Träume über, zum Beispiel jene der Eltern oder des Partners, und glauben dabei, ihre eigenen zu leben. Eine Gefahr bergen heute auch die Medien, wie Psychiater Merl meint: „Sie vermitteln einen merkwürdigen Antrieb, der sehr plakativ wirkt. Es werden Lebensmöglichkeiten dargestellt, die fast zwingend wirken.“

Die Ursehnsucht

Nicht alle Träume von früher kann man wiederauferstehen lassen, von manchen müssen wir uns endgültig verabschieden. Entweder passen sie nicht ins jetzige Leben – möglicherweise wollte man einst auf einem Bauernhof in Frankreich leben – oder sie lassen sich schlichtweg nicht mehr erfüllen. Zum Beispiel, wenn körperliche Einschränkungen gewisse Tätigkeiten nicht mehr erlauben. Wenn ein Lebenstraum zerbricht, tut das weh. Pater Anselm Grün betont, dass es wichtig sei, solche Träume zu betrauern. Nicht verleugnen, nicht daran festhalten, sondern durch den Schmerz hindurchgehen – das lässt uns weiterkommen. Auch wenn wir nicht leben konnten, was wir erträumten, haben wir dennoch wichtige Erfahrungen gemacht. Und vielleicht gelingt es mit genau diesen Erfahrungen, die Essenz der Lebensträume zu finden. Also zu jenem Kern vorzudringen, der als „Ursehnsucht“ den Traum erst hervorbrachte. Diese Sehnsucht mit der aktuellen Lebensaufgabe zu verbinden, sieht für jeden anders aus. Für Roland Marusek*, 48, war das stundenlange und leidenschaftliche Indianerspielen in der Kindheit Ausdruck seines Freiheits- und Abenteuerwunsches. Für ihn ist dieses Bedürfnis heute erfüllt, wenn er so oft wie möglich alleine wandert und unbekannte Gegenden erkundet. Seine ältere Schwester Irene hat ebenfalls gerne Indianer gespielt. Für sie steckte in dieser Beschäftigung allerdings etwas anderes, nämlich der Wunsch nach einem wilden, ungekünstelten Leben in der Natur und mit Tieren. Sie hat beschlossen, die Weinviertler Kräuterakademie zu absolvieren und dann alle ihre FreundInnen mit Heilkräutern zu versorgen.

Es ist nie zu spät, an Lebensträume anzuschließen, auch wenn sie sich nicht mehr eins zu eins umsetzen lassen. Denn Lebensträume zu realisieren, bedeutet nicht automatisch, etwas aufzugeben oder alles zu verändern. Ja, Lebensträume müssen nicht einmal vollständig erfüllt sein, und schon gar nicht müssen sich alle verwirklichen. Laut GlücksforscherInnen geht es darum, sie anzustreben. Wichtig aber ist, überhaupt Träume zu haben und zu wissen, wonach sich unser Herz sehnt. Dann beginnt auch unser Leben wieder zu glitzern. 

* Namen von der Redaktion geändert.

Auf der Suche nach den eigenen Träumen. Hilfreiche Übungen.

Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung:
Dazu gibt es eine einfache Übung, die große Wirkung hat, wenn man sie regelmäßig durchführt: sich entspannt hinsetzen, die Augen schließen und beobachten. Welche Gefühle und Gedanken kommen, welche Personen tauchen auf, welche Situationen erscheinen?

Eine Vision entwickeln:
Stellen Sie sich vor, in zehn Jahren strahlt ein Fernsehsender einen Beitrag über Ihr bisheriges Lebenswerk aus: was Sie erreicht haben, worauf Sie stolz sind, welche Menschen an Ihrer Seiten waren, welche Ziele Sie erreicht haben und welche Stärken und Talente Ihnen dabei geholfen haben.

Dem inneren Bild folgen:
Um vergessene innere Bilder zu finden, hilft es, sich an Situationen der Kindheit zu erinnern: Womit hat man stundenlang gespielt und wobei auf alles andere vergessen, was hat man gesammelt etc.? Fragen Sie sich, welche Gefühle und Sehnsüchte mit solchen Spielen und Leidenschaften verbunden waren und was Sie heute damit noch verbinden.

Sich selbst näherkommen:

  • Wenn Sie noch fünf weitere Leben hätten, was würden Sie in diesen tun?
  • Schreiben Sie 20 Aktivitäten auf, in die Sie gerne Zeit investieren. Wann haben Sie diese jeweils zuletzt gemacht?
  • Listen Sie fünf Menschen auf, die Sie bewundern. Fragen Sie sich, warum Sie diese Menschen bewundern und welche Werte, Eigenschaften und Fähigkeiten sie jeweils besitzen, um dieses Leben zu führen.
  • Wenn Sie jetzt 20 wären, welche fünf Abenteuer würden Sie sofort unternehmen?

Erschienen in „Welt der Frau“ Mai-Ausgabe 2015

 

Kinderkrippe: Wie der Einstieg gelingt

Geprägt fürs Leben: Warum wir im Alter unseren Eltern immer mehr ähneln

Egal ob sie eine glückliche Kindheit hatten oder eine miserable: Die meisten Menschen wollen nicht so werden wie ihre Eltern. Sie wollen es besser machen. Doch die frühe Prägung lässt sich nicht einfach abschütteln.

Es kann eine kleine Handbewegung sein, die Art, die Wäsche zusammen­zulegen oder ein besonderer Satz, den man eigentlich nie sagen wollte und der einen spüren lässt: Ich mache es genauso wie meine Mutter oder mein Vater. Viele Menschen verlassen ihr Elternhaus nach der Schule mit dem mal sicheren, mal eher vagen Gefühl, dort nicht genügend Anerkennung und Wertschätzung bekommen zu haben. Genau deshalb will man es anders machen – nicht so werden wie die Eltern, nicht am Partner bzw. der Partnerin und den eigenen Kindern herumkritisieren, sticheln oder sie durch kaltes Schweigen in die Enge treiben. Verdrängt wird über lange Zeit, was nicht sein darf – die Kindheit wird wie eine Kiste fest verschlossen im Keller verstaut: Jetzt kann das richtige Leben beginnen! Häufig sind es dann die eigenen Kinder, die das sperrige Möbelstück voll mit Erinnerungen im Keller wieder öffnen und einen darauf stoßen, was eigentlich noch zu klären wäre, egal ob nur für sich selbst oder mit den leibhaftigen Personen: die Beziehungsgeschichte mit den eigenen Eltern.

Mutter mit Kind

Angeborenes Temperament

Die Säuglingsforschung hat klare Antworten darauf, wie Kinder auf die Welt kommen. Jerome Kagan, Harvard-Professor und Pionier der Entwicklungspsychologie, setzte in einem Experiment Babys im Alter von vier Monaten einer für sie unbekannten Situation aus. Knapp ein Fünftel seiner kleinen ProbandInnen reagierte spontan gehemmt, zurückhaltend und eher vorsichtig auf neue Personen. 40 Prozent erfreuten sich ohne Rückhalt am Neuen und lächelten spontan, während weitere 40 Prozent gemischte Reaktionen aufwiesen. Für Kagan steht fest: Kinder kommen mit einem gewissen Temperament auf die Welt und reagieren von Natur aus unterschiedlich auf Stress durch Trennung von ihrer primären Bezugsperson. Um das Ganze mit einem Vergleich zu sagen: Menschen werden eben nicht als Rohlinge geboren, sondern besitzen von ihrem ersten Atemzug an ein Wesen, das sich aus ihrer genetischen Veranlagung ergibt. Dieses kann dem Wesen der Eltern beziehungsweise dem eines Elternteiles sehr ähnlich sein, muss es jedoch nicht. Oft werden auch Generationen übersprungen. Wer kennt sie nicht, die Familienkonstellation, in der Enkel und Großvater sich viel ähnlicher sind als Vater und Sohn.
Die Psychotherapeutin Hermine Pokorny, 67, weiß viel zu erzählen über die angeborene Verschiedenartigkeit bereits der Kleinsten. Als Mutter von sechs Kindern hatte sie das Gefühl, „sechs komplett unterschiedlichen Typen“ in ihren zwei Söhnen und vier Töchtern zu begegnen. Von Anfang an wollte sie ihre Kinder ihrem Wesen und ihren Anlagen gemäß erziehen und fördern, hatte sie selbst doch eine gegenteilige Erfahrung gemacht. Gegen ihren Willen erlernte sie den Friseurberuf, machte die Meisterprüfung und arbeitete, bis die Kinder zur Welt kamen, im Friseursalon ihres Vaters. Aus dessen Sicht war es unverständlich, wie die einzige Tochter es ausschlagen konnte, das mühsam in den Nachkriegsjahren aufgebaute Geschäft zu übernehmen. Pokorny hat sich mittlerweile doch noch ihren Berufstraum erfüllt, mit 53 Jahren begann sie die Ausbildung zur Psychotherapeutin nach C. G. Jung.

Psychotherapeutin Hermine Pokorny

Psychotherapeutin Hermine Pokorny

Kinder passen sich an

Die Prägung durch die Eltern beginnt sehr früh. Bereits als Säuglinge passen sich Kinder an die ihnen Halt gebende erste Bezugsperson an. Im Idealfall erkennt die Mutter, was das Kind braucht, und nimmt es in seiner Einzigartigkeit wahr. Die Anpassung an seine Umwelt überfordert den Säugling so nicht, sondern lässt ihm den Freiraum, sich seinem Wesen und seinen Bedürfnissen gemäß zu entwickeln.
Doch „häufig passen Eltern und Kinder auch einfach nicht zusammen“, bringt Pokorny die Erfahrung ihrer langjährigen Praxis in der Familienberatungsstelle der Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter (HPE) auf den Punkt. Man stelle sich zum Beispiel vor, ein sehr sportliches Kind wird in eine eher musisch orientierte Familie hineingeboren. Das durch die Wohnung brausende kleine Kind kann rasch zur Zielscheibe von Kritik oder abwertenden Bemerkungen werden. Anstatt den Sohn oder die Tochter im Fußballklub anzumelden, stehen Klavierunterricht und Konzertbesuche auf dem Programm. Wäre dasselbe Kind in eine Sportlerfamilie hineingeboren worden, könnte es von Anfang an ganz selbstverständlich an den gemeinsamen Wanderungen und Skitouren teilnehmen. Die Eltern würden sein Geschick bemerken und seine Fortschritte mit Freude hervorheben: „Prima, das kannst du schon!“, lobt der Vater den ersten kleinen Schanzensprung der Tochter. Oder: „Gut machst du das!“, sagt die Mutter zum ersten Versuch ihres Sohnes, ohne Sturz im Pflug ein „Bogerl“ zu bewältigen.

Das Kind erlebt sich als wertvoll und angespornt, die eigenen Fähigkeiten auszubauen. Therapeutinnen wie Pokorny sprechen in diesem Fall davon, dass sich das Kind in seiner Selbstwirksamkeit erleben kann. Diese kann nur dann aufgebaut werden, wenn sein Verhalten positive Konsequenzen hat. Der logische Schluss daraus: Ein Kind, das entweder ständig vor die falschen oder vor zu schwierige Aufgaben gestellt wird, kann kein Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln.

Abwertung macht krank

Pokorny weiß, was mit dem sportlichen Kind bei Geringschätzung seines Bewegungsdranges im schlimmsten Fall passieren kann: „Wird nicht gesehen, dass sich ein Kind einfach körperlich abarbeiten muss, wird schnell ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) diagnostiziert.“ Anstatt auf Selbstwirksamkeit wird das Kind auf Misserfolg programmiert oder sogar früh in seinem Wesen pathologisiert. Doch auch unähnliche Eltern und Kinder müssen sich nicht Schaden zufügen – im Gegenteil, so Pokorny: „Das Schönste ist es doch, wenn wir sagen können: ,Wir schätzen uns in unserer Verschiedenartigkeit und lieben einander als die Menschen, die wir sind.‘“
Dass die Prägungen eines abwertenden Umfeldes im späteren Leben sogar krank machen können, weiß Silvia Dirnberger-Puchner, 48, systemische Therapeutin aus Enns, aus eigener Erfahrung. Im Alter von knapp 24 Jahren erkrankte die ehemalige Krankenschwester am Sharp-Syndrom, einer äußerst seltenen Autoimmunerkrankung, die zu rheumatischen Schüben führen kann. Ihr Sohn war noch nicht einmal vier Jahre alt, als für die damals Alleinerziehende ein Rollstuhl nötig wurde. Heute schreibt Dirnberger-Puchner die Erkrankung ihrer damaligen „Kontrollüberzeugung“ zu, sich nicht selbst helfen zu können. „Wenn die Schulmedizin nichts mehr tun kann für mich, bin ich verloren“, bringt sie ihr früheres „Schwarz-Weiß-Denken“ auf den Punkt. Die Krankheit führte letztlich zu einem Umdenken: „In der Therapie wurde mir klar, wie schlecht ich immer mit mir selbst umgegangen bin, wie wenig ich eigentlich wirklich wusste, wer ich bin“, sagt Silvia Dirnberger-Puchner, die heute vollständig geheilt ist.

Silvia Dirnberger-Puchner, systemische Therapeutin

Silvia Dirnberger-Puchner, systemische Therapeutin

Werde, die du bist!

„Werde, der du bist“, postulierte bereits C. G. Jung als die Hauptaufgabe des Menschen. Gemeint ist der schrittweise Prozess, immer mehr mit dem eigenen Wesen in Deckung zu kommen und schädliche Anpassungen, wie jene des „Ausgeliefertseins an die Umstände“ zu überwinden. Was Jung als „Individuation“ bezeichnet, nennt Dirnberger-Puchner in ihrem Buch das „Erwachsenwerden“ und stellt auch gleich die provokante Frage: „Und wie erwachsen sind Sie eigentlich?“ Erwachsenwerden und sich der eigenen Prägungen bewusst sein sei nämlich kein automatischer Vorgang, schreibt die Autorin – im Gegenteil, häufig brauche es massive gesundheitliche oder andere Probleme, um diese zu triggern.
Dirnberger-Puchner hat die Krise am eigenen Leib erfahren und auch wie hart es ist, sich nicht mehr hinter Vertrautem zu verstecken. Hineingeboren in eine Koglerauer Arbeiterfamilie, wurde ihr von klein auf suggeriert, dass jegliche höhere Ausbildung nur sinnlose Zeitverschwendung sei. „Dabei war ich mein Leben lang so neugierig“, sagt die Therapeutin. Wenn sie zu Hause davon erzählte, dass sie studieren wolle, sagte man ihr, sie solle nicht größenwahnsinnig werden. „Ich lerne so schwer“, davon war sie lange selbst überzeugt und begann vorerst als Putzhilfe in einem Linzer Spital zu arbeiten. In ihrer zweiten Laufbahn als Therapeutin hat sie genau dem Aspekt der kindlichen Prägungen ein Buch gewidmet. In „Werden wir wie unsere Eltern?“ beschreibt sie die unglücklichen Zusammenstöße zwischen Eltern und Kindern, die sich in Form von Mustern immer wieder abspielen und nachhaltige Prägungen hervorrufen können – und das in jedem Lebensbereich, egal ob es um den „Ausdruck von Gefühlen, den Umgang mit Ordnung und Chaos, Leistung oder Geld“ gehe. Kinder würden die oft unbewussten Glaubenssätze ganz automatisch übernehmen. Wer noch nichts anderes kennt, hält die Ansichten der eigenen Eltern klarerweise für unfehlbar.

Beginn der neuen Geschichte

„Umdenken“, „Sich bewusst für Veränderung entscheiden“ und „Immer wieder üben“ lauten deshalb auch die Maximen von Silvia Dirnberger-Puchner. Dagegen ist Hermine Pokorny etwas vorsichtiger in ihren Aussagen und fügt hinzu: „Die Reflexion destruktiver Beziehungs- und Verhaltensmuster stellt sicher den ersten wichtigen Schritt dar, danach geht es aber darum: Kann ich vertrautes Gelände verlassen, wenn das Neue noch nicht sichtbar ist? Veränderung ist immer angstbesetzt und erfordert einiges an Mut. Eine wohlwollende, verlässliche therapeutische Begleitung kann den Prozess wesentlich unterstützen“, ist sie überzeugt. In der Therapie werde nicht einfach die frühe Kindheit wiederholt und repariert. Es gehe vielmehr darum, eine neue Beziehungserfahrung zu machen mit einem Menschen, der alle Gefühlsäußerungen ernst nimmt und sie nicht bewertet. Nur wenn es gelingt, die eigene Emotionsgeschichte fortzuschreiben und diese Art der Beziehungserfahrung zu machen, wird es auch möglich sein, in Zukunft mit sich und seinen Eltern versöhnlich umzugehen. Eine neue, gönnende Lebenshaltung, die vor allem auf Freude aufbaut, kann sich einstellen.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 11/14 – von Dagmar Weidinger

 

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