Die Gewalt an Frauen steigt seit Jahren an. Karin Gölly leitet das Gewaltschutzzentrum im Burgenland – und weiß, was betroffene Frauen brauchen.
Es sind Zahlen, die erschüttern sollten: Jede dritte Frau in Österreich hat in ihrem Leben schon einmal Gewalt erlebt. Und doch hinterlassen sie bei vielen von uns eher ein Achselzucken. Gewalt gehört für viele weiblich gelesene Menschen so sehr zum Alltag, dass sie kaum mehr erschüttert. Dabei ist Gewalt gegen Frauen weit mehr als ein individuelles Problem – sie ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage, die sich durch alle Schichten und Orte zieht. Umso wichtiger ist es, das Thema zu benennen, Prävention zu betreiben – und Betroffenen die Unterstützung zu bieten, die sie wirklich brauchen.
Karin Gölly setzt sich als Leiterin des Gewaltschutzzentrums Burgenland genau dafür ein – und bietet mit ihrer Institution Frauen und allen anderen von Gewalt betroffenen Menschen einen Zufluchtsort und individuelle Hilfe für ihre Notlage an. Warum das so wichtig ist, wie eine Beratung aussieht und was wir alle gegen Gewalt an Frauen tun können, hat sie uns im Gespräch verraten.
Sie leiten eine zentrale Anlaufstelle für Menschen, die Gewalt erfahren. Wie groß ist der Anteil der Frauen unter den Betroffenen?
Karin Gölly: In allen Gewaltschutzzentren Österreichs liegt der Anteil weiblicher Opfer konstant bei rund 80 Prozent – mal ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger. Wichtig ist aber: Wir sind ausschließlich für Gewalt im sozialen Umfeld zuständig, also im familiären und partnerschaftlichen Kontext, nicht für Gewalt im öffentlichen Raum.
Warum sind vor allem Frauen in so hohem Maße betroffen?
Häusliche Gewalt hat sehr viel mit Machtgefällen zu tun – finanziell, emotional, gesellschaftlich. Frauen verdienen tendenziell weniger, sind häufiger wirtschaftlich abhängig und wir leben nach wie vor in patriarchalen Strukturen und tradierten Rollenbildern. All das begünstigt Gewalt, insbesondere in Beziehungen und Ex-Beziehungen.
Verschlechtert sich die Situation für Frauen? Viele Statistiken deuten darauf hin.
Die Zahlen in den Gewaltschutzzentren steigen tatsächlich – kontinuierlich, aber nur leicht. Das heißt für mich aber nicht automatisch, dass es mehr Gewalt gibt. Es bedeutet, dass Hilfe besser ankommt.
Inwiefern?
Seit 1997 haben wir ein sehr gut ausgebautes Gewaltschutzsystem. Das Bewusstsein ist gestiegen: Menschen rufen eher die Polizei, trauen sich eher Hilfe zu suchen, Fachkräfte sind gut geschult, und auch die Polizei reagiert kompetent. Kurz gesagt: Mehr Fälle im System bedeuten auch, dass das System funktioniert.
Betroffene fragen sich oft: „Ist das schon Gewalt?“. Was ist ihre Antwort darauf?
Das ist sehr individuell. Unsere Schwelle liegt, berufsbedingt, wahrscheinlich niedriger als in der Gesamtgesellschaft. Aber die Betroffenen selbst spüren sehr genau, wenn etwas übergriffig ist. Viele fragen uns unsicher: „Ich weiß gar nicht, ob ich hier richtig bin – ist das schon Gewalt?“ Unsere Antwort ist dann immer: Wenn Sie etwas als übergriffig erleben, dann ist es Gewalt. Natürlich unterscheiden wir aber zwischen einer einmaligen Beschimpfung und einem Mordversuch.
Welche Gewaltformen begegnen Ihnen besonders häufig?
Sehr oft psychische Gewalt und körperliche Gewalt. Viele Betroffene erleben mehrere Gewaltformen gleichzeitig. Auch sexualisierte Gewalt kommt häufig vor, wird aber deutlich seltener angezeigt. Zunehmend berichten Menschen zudem von Cybergewalt. Und auch ökonomische Gewalt – also finanzielle Kontrolle oder Abhängigkeit – ist ein Thema. Die wird oft erst im Beratungsprozess sichtbar.
Wie läuft eine Beratung bei Ihnen ab?
Es gibt zwei Wege zu uns. Wenn ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen wurde oder eine Stalking-Anzeige vorliegt, bekommen wir automatisch die Daten der Betroffenen von der Polizei übermittelt. Wir kontaktieren sie dann proaktiv und versuchen ein persönliches Erstgespräch zu vereinbaren. Das ist wichtig, weil man in einem persönlichen Gespräch viel besser sieht, was ankommt und was noch erklärt werden muss. Es gibt aber auch Selbstmelder:innen, also Menschen, die selbst Kontakt aufnehmen – über Empfehlungen, andere Einrichtungen, Gerichte oder aus dem eigenen Umfeld.
Worum geht es dann im Erstgespräch?
Im Erstgespräch klären wir: Wie gefährdet ist die Person? Was braucht sie?
Dann beginnt ein individueller Prozess mit Gesprächen, Begleitungen zu Gericht, Schreiben von Schriftsätzen oder einfach wiederkehrenden telefonischen Kontakten. Ganz wichtig: Es gibt kein Stundenlimit. Jede Person bekommt so lange Unterstützung, wie sie sie braucht.
„Ganz verhindern werden wir häusliche Gewalt nie.“
Was brauchen Betroffene von Gewalt am dringendsten – vor allem von ihrem Umfeld?
Vor allem jemanden, der zuhört und ihnen glaubt. Täter:innen fallen im öffentlichen Raum häufig gar nicht auf – sie wirken oft ruhig, nett, hilfsbereit. Viele Betroffene haben deshalb große Angst, dass ihnen die Gewalterfahrungen niemand glaubt. Außerdem sollten Angehörige möglichst keinen Druck ausüben. Sätze wie „Jetzt such dir endlich Hilfe!“ erzeugen nur Stress. Es ist eben nicht immer einfach, eine Veränderung einzuleiten. Das braucht Zeit und professionelle Unterstützung.
Gibt es frühe Warnsignale in Beziehungen, die später auf Gewalt hinauslaufen können?
Ja. Und das Tragische ist: Am Anfang einer Beziehung wirken manche davon wie besondere Zuneigung. Zum Beispiel, wenn der Partner sehr anhänglich ist und er die Frau von Familie oder Freund:innen isoliert oder wenn Grenzen überschritten werden und es als „Ausrutscher“ abgetan wird. Im Rückblick sagen viele: „Das waren die ersten Warnzeichen.“
Und dennoch werden sie oft lange übersehen…Kann man häuslicher Gewalt vorbeugen?
Ganz verhindern werden wir häusliche Gewalt nie. Aber Prävention ist möglich – und sie muss sehr früh beginnen. Ich plädiere dafür, bereits im Kindergarten mit gewaltpräventiver Arbeit und mit dem Aufbrechen von Rollenbildern zu starten. Auch mit Jugendlichen muss man arbeiten und klären, welche Macht Worte haben können, wo Übergriffigkeit beginnt und wie man seine Grenzen und Bedürfnisse kommuniziert. Es gibt tolle Angebote, aber wir brauchen mehr Ressourcen dafür.
Was muss sich abgesehen von Frühbildung gesellschaftlich ändern, damit die Gewalt zurückgeht?
Wir brauchen viele parallele Maßnahmen: Frühkindliche Prävention, das Aufbrechen patriarchaler Strukturen, finanzielle Gleichstellung, mehr Aufklärung über Hilfsangebote. Überall dort, wo es Machtungleichgewichte gibt, entsteht leichter Gewalt. Diese Ungleichgewichte müssen wir abbauen.
Ein langer Weg, den wir da noch gehen müssen. Was möchten Sie Frauen persönlich mitgeben, wenn es um Gewaltschutz geht?
Gewaltbetroffenheit ist kein Schicksal, dem man ausgeliefert ist. Es gibt Wege hinaus – auch wenn sie nicht leicht sind. Und der Weg aus der Gewalt muss nicht immer die Trennung sein. Unser Ziel ist nicht, Beziehungen zu beenden. Unser Ziel ist, die Gewalt zu beenden. Wir begleiten, wir beraten, wir eröffnen Handlungsspielräume – aber wir treffen niemals Entscheidungen für die Betroffenen. Ob sie Unterstützung annehmen, liegt ganz bei ihnen. Auch wenn das erst Monate oder Jahre später passiert.
Sie sind von Gewalt betroffen? Hier gibt es Hilfe!
- Frauenhelpline gegen Gewalt: Telefonnummer 0800 222 555
- Rat auf Draht: Telefonnummer 147
- Polizei: Telefonnummer 133
- Eine Liste mit allen Telefonnummern der Bundesländer finden Sie bei den „Autonomen Frauenhäusern“
