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Welche Strukturen brauchen junge Sportlerinnen, Janine Flock?

Welche Strukturen brauchen junge Sportlerinnen, Janine Flock?
Foto: ÖBSV/Nils Lang
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  • Veröffentlicht: 01.04.2026
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Was braucht es, damit Frauen im Sport gehört werden? Olympiasiegern Janine Flock spricht über strukturelle Hürden, fehlende Umsetzung und warum mutige Entscheidungen im Frauensport längst überfällig sind.

Im Rahmen des „Upper Austria Ladies Linz“ (5.–12. April) findet am 8. April die „FE&MALE Sports Conference Advantage Ladies“ im Design Center Linz statt. Botschafterin ist heuer die Skeleton-Olympiasiegerin Janine Flock. Im Interview spricht sie über die aktuelle Situation im Frauensport und welche Verbesserungen nötig sind.

Sie sind erfolgreiche Skeleton-Pilotin. Wie sind Sie zu dieser Sportart gekommen?
Ich kannte diesen Sport vorher nicht. Erst ein sehr sportlicher Lehrer hat uns in der vierten Klasse Hauptschule gefragt, wer Lust hätte, Skeleton zu fahren. Es gab nämlich einen Verein, der den Nachwuchs förderte. Ich kam über ein Schul-Scouting dazu. Für uns stand damals aber vor allem der Tag Schulfrei im Vordergrund. Wir wussten nicht, was wir an dem Tag tun sollten, also haben wir uns gemeldet. Wir fuhren also mit auf die Bobbahn. Als wir den Ablauf erklärt bekamen, rutschte uns erst einmal das Herz in die Hose. Es herrschte aber eine gewisse Gruppendynamik: Wir waren vier oder fünf Mädels und da gab es kein Zurück mehr. Wir fuhren alle runter.

Und dann setzte sofort die Begeisterung ein?
Ja, die Euphorie war sofort da. Ich habe mich gleich beim Verein angemeldet, es aber zu Hause nicht erzählt. Ein Jahr verging, ehe sich der damalige Nationaltrainer meldete und das erste Training stattfand. Meine Eltern wussten nicht, worum es bei diesem Sport geht, und ich selbst wollte anfangs gar nicht mehr hin, weil das anfängliche Gefühl nach einem Jahr wieder verschwunden war. Meine Mutter meinte aber, dass ich es mir zwei oder drei Mal anschauen sollte, bevor wir entscheiden würden, wie es weitergehen soll. Das war auch gut so: Als ich am Start stand, pochte mein Herz wieder, die Neugier hatte mich gepackt und ich wollte weitermachen und immer wieder fahren.

Skeleton gilt nach wie vor eher als männerdominierte Sportart. Welche Erfahrungen haben Sie als Frau gemacht?
Als ich eingestiegen bin, waren ein paar mehr Mädchen dabei, eine coole Gruppe. Die Trainer – damals geschah alles ehrenamtlich – waren selbst ehemaliger Skeletonfahrer, die waren alle älter als 50, würde ich sagen. Aber das Geschlecht war nie ein Thema. Sie nahmen uns die Angst und begegneten uns allen mit Respekt. So ist es auch mit meinem ersten Weltcup-Trainer Martin Rettl weitergegangen, der 2002 in Park City selbst die Silbermedaille geholt hat. Auch er machte keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, alles war fair. Es ging um Leistung und Ziel. Und das ist auch mit meinem heutigen Trainer so.
Was es aber schon gab, waren immer wieder unangebrachte Scherze. Bei Trainern, Betreuern und Teamkollegen. Ich habe diese Dinge aber niemals persönlich genommen und vor allem klar meine Grenzen gezogen. Auch dann, wenn es um meinen Zyklus ging. Heute ist da anders: die Trainer sind viel mehr dafür sensibilisiert als damals. Und auch das Thema Scherze hat sich im Laufe der Jahre verändert. Heute hören die Trainer zu und sind einfühlsam. Ich glaube, das ist auch die Grundvoraussetzung: miteinander offen zu kommunizieren, sodass man als Athletin auch ernst genommen wird. Damit hatte ich aber wie gesagt nie Probleme, der Umgang war stets respektvoll.

„Es hilft, wenn junge Mädchen sehen, dass es auch weibliche Trainerinnen oder Frauen in Führungspositionen gibt.“
Janine Flock

Bei der Pressekonferenz zur „Fe&Male Sports Conference“ haben Sie betont, dass Sie mit Ihrer Teilnahme als Botschafterin ein deutliches Zeichen für den Frauensport setzen möchten. Welchen Stellenwert hat dieser in Ihren Augen aktuell in Österreich?
Ich glaube, wir sind einen guten Schritt weitergekommen. Es gibt immer häufiger spezielle Förderungen und tolle Plattformen, wie beispielsweise die Sportkonferenz. Was aber noch ein bisschen fehlt, ist die Umsetzung. Man sollte mutiger sein und messbare Ziele setzen sowie Programme ins Leben rufen, bei denen Athletinnen in Mentoring-Programmen die jungen unterstützen und eine Brücke bauen. Wichtig ist auch, dass Sportlerinnen stärker bei Entscheidungen mitwirken dürfen und dass ihre Meinung gehört wird. Als Trainerin ist es außerdem wichtig, ein Vorbild zu sein. Es hilft, wenn junge Mädchen sehen, dass es auch weibliche Trainerinnen oder Frauen in Führungspositionen gibt. Das eröffnet automatisch mehr Perspektiven – hier gibt es noch sehr viel Potenzial. Es ist wichtig, sensibler zu werden und die eigene Stimme als Athletin zu nutzen. Aber wie schon gesagt: Ich würde mir aus sportpolitischer Sicht mehr Umsetzung wünschen.

Immer wieder hört man, dass es schwierig ist, Mädchen im Profisport zu halten, vor allem in der Altersgruppe der zwölf- bis 14-Jährigen. Was ist nötig, um einen Ausstieg zu verhindern?
Ich glaube, dass die Rahmenbedingungen in den Verbänden teilweise noch nicht optimal sind. Dieses Problem betrifft jedoch das gesamte Sportsystem in Österreich. Es gibt leider mehr fragmentierte Strukturen auf Bundes- und Landesebene als es gemeinsame Strategien gibt, wodurch weniger dort ankommt, wo es ankommen sollte. Schlussendlich ist der Verband dafür verantwortlich, Strukturen zu schaffen, in denen sich Mädchen im Alter von zwölf bis 15 Jahren aufgefangen fühlen. Dafür braucht es wiederum Perspektiven für Trainerinnen, die in diesem Alter oder Bereich eingesetzt werden. Es braucht eine Brücke zwischen Ausbildung, Leistungssport und Zukunftsaussichten. All das muss Hand in Hand gehen. Es braucht den Zugang zu Sportschulen, wie es sie zum Teil ja auch schon gibt, in denen man Fuß fassen und den Sport ausüben kann. Und Trainerinnen, die auf die Bedürfnisse der Mädchen in diesem Alter achten.

Welche Rolle spielt der Umgang mit Frauensport in den Medien? Nicht nur, was die Sendezeiten betrifft, sondern auch, was die Berichterstattung über Frauen angeht. Bei den letzten Olympischen Spielen gab es einiges an Kritik.
Auch das muss Hand in Hand gehen. Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit sind zwar immer auch mit Erfolg verbunden, aber hinter jeder Athletin und jedem Athleten steckt auch eine Geschichte. Hier müssten alle – Verbände, Journalist:innen und Medien – an einem Strang ziehen. Es darf nicht immer nur am Ergebnis hängen. Man sollte tiefer greifen und zum Beispiel auch den Weg der Persönlichkeiten mitverfolgen. Gerade Frauen beziehungsweise junge Mädchen im Sport sind sehr stark und nehmen viele Dinge auf sich.

Welchen Ratschlag würden Sie jungen Frauen geben, die Profisportlerin werden möchten, aber Zweifel haben oder sich nicht trauen, die Schritte dafür zu setzen?
Das es wichtig ist, sich jemandem anzuvertrauen, entweder im eigenen Umfeld oder einer externen Person. Entscheidend ist auch, auf das eigene Bauchgefühl und den Instinkt zu vertrauen – eine große Stärke von uns Frauen. Außerdem: Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, sprecht es direkt an. Dasselbe gilt, wenn es um die nächsten Schritte geht. Offen zu kommunizieren ist das Wichtigste. Seid mutig und traut euch, Grenzen zu setzen. Das ist oft ein Prozess, gerade als junges Mädchen traut man sich das oft nicht. Aber auch hier helfen Austausch und Gespräche.

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