Was passiert, wenn von einem Moment auf den anderen alles wegbricht? Diese Frage behandelt Amelie Fried in ihrem neuen Buch. Ein Gespräch über die vielen Gesichter einer Krise und das Geheimnis innerer Widerstandskraft.
Was, wenn auf einmal das ganze Leben aus den Fugen gerät? Vermutlich hat sich jede:r von uns schon einmal diese Frage gestellt – und sich ausgemalt, wie man selbst mit einer solchen Situation umgehen würde. Die deutsche Autorin Amelie Fried hat aus diesem Gedankenspiel ein Buch gemacht, das mitreißend und aufwühlend zugleich ist und am Ende vor allem eines bei den Leser:innen hinterlässt: Lebensmut.
In „Eine von uns“ erzählt Fried die Geschichte einer Frau, die nach außen hin alles verliert und sich vollkommen neu erfinden muss. Dabei geht es um weitaus mehr, als um die offensichtliche Krise. Es geht um fragile Sicherheiten, um Altersarmut, um Mütter, die ihre Karrieren opfern – und um eine Sehnsucht nach Idylle, die trügerischer kaum sein könnte. Wir haben Amelie Fried zum Gespräch gebeten – über Neuanfänge, Naivität und die Frage, warum sich trotz jahrzehntelanger Debatten über Frauenrechte immer noch so wenig bewegt.
Frau Fried, Sie eröffnen Ihr neues Buch mit einer enormen Fallhöhe: Ihre Protagonistin verliert nach außen hin alles und muss ihr Leben komplett neu aufbauen. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?
Mich hat interessiert, was mit Menschen passiert, die durch eine unglückliche Wendung des Schicksals aus ihrem Leben herausgeschleudert werden. Es überrascht mich immer wieder, dass viele von uns denken, sie hätten eine Art Garantie auf ihr aktuelles Leben. Wir denken, dass sich daran eigentlich nichts ändern kann. Wenn dann so ein Unglücksfall eintritt, wirbelt das natürlich ganze Familien durcheinander. Und jedes einzelne Mitglied hat eine andere Art, damit umzugehen. Man sagt nicht umsonst: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter. Dann zeigt sich in Familien und Beziehungen, ob die Dynamik stark genug ist.
Krisen treffen oft Frauen besonders hart – Stichwort Inflation, Altersarmut, Care-Arbeit. Was sagt Ihre Geschichte über die Fragilität weiblicher Sicherheit?
Ein wirtschaftlicher Absturz beschäftigt alle. Aber betroffen sind in der Praxis oft Frauen. Wenn wir uns die Altersarmut anschauen – zumindest hier in Deutschland – trifft sie in der Regel sogar Frauen. Und das ist kein Wunder: Viele von ihnen waren gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die ihnen später schaden. Allein Kinder bedeuten oft: raus aus dem Erwerbsleben, weniger Einkommen, weniger Rentenpunkte. Der Wiedereinstieg ist auch heute noch schwierig, viele Mütter arbeiten Teilzeit. Und wenn Angehörige gepflegt werden müssen, sind es ebenfalls meist Frauen, die sich kümmern und zurückstecken. Insofern ist das Leben von Frauen in dieser Hinsicht tatsächlich fragiler.
Ihre Bücher behandeln oft Themen, die auch eine politische Dimension haben. Spielt das beim Schreiben für Sie eine Rolle?
In erster Linie will ich unterhalten. Aber alle meine Bücher haben ein gesellschaftlich relevantes Thema. Ich versuche nur, es so zu erzählen, dass sich niemand belehrt fühlt. Ich möchte, dass die Leserinnen und Leser sich gut unterhalten fühlen – und vielleicht am Ende mit ein paar neuen Gedanken aus der Lektüre gehen.
Und doch liest man Ihren Büchern eine Haltung heraus.
Mir ist natürlich bewusst, dass zum Beispiel die Tradwife-Bewegung, die in einer Form auch Thema im Buch ist, politisch instrumentalisiert wird und von rechten Gruppierungen ausgeht. Das hat unweigerlich eine politische Dimension. Aber ich glaube, man erreicht mehr Menschen, wenn man ihnen eine Geschichte emotional nahebringt, sodass sie sich identifizieren können – statt mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten. Das mag niemand.
Das sehen viele Frauen mittlerweile anders – sie prangern immer mehr Fehlstrukturen an. Wie hat sich Ihr Blick auf Frauenrollen im Laufe Ihres Lebens verändert?
Ich bin ehrlich gesagt erschüttert darüber, wie wenig sich in der Praxis ändert. Wir reden seit 100 Jahren über Gendergerechtigkeit, über gleiche Bezahlung. Und der Gender Pay Gap hat sich vielleicht von 20 auf 18 Prozent verbessert – also kaum. Beim Thema Kinderbetreuung ist es ähnlich. Es gibt zwar einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, aber in vielen Gegenden kann er gar nicht eingelöst werden, weil es nicht genug Plätze und Personal gibt. Es wird viel geredet – aber strukturell passiert zu wenig. Auch bei Frauen in Führungspositionen heißt es immer, es gebe nicht genügend qualifizierte Frauen. Das stimmt so nicht. Aber viele haben schlicht keine Lust, sich in männlich geprägte Strukturen pressen zu lassen. Solange Frauen zusätzlich die Doppelbelastung tragen, bleibt vieles unattraktiv.
„Ich verstehe die Sehnsucht nach einer heilen Welt in einer komplexen, bedrohlichen Gegenwart. Aber ich halte sie für gefährlich.“
Was braucht es, damit sich wirklich etwas ändert?
Vieles. Familie muss etwa als gemeinsames Projekt von Männern und Frauen verstanden werden. Nicht als etwas, bei dem der Mann „freundlicherweise“ zwei Monate Elternzeit nimmt. Solange junge Paare in die Situation kommen, dass der Mann mehr verdient – obwohl die Frau genauso qualifiziert ist –, wird die Frau zu Hause bleiben. Diese strukturellen Unterschiede müssen beseitigt werden. Und in den Führungspositionen muss sich etwas verändern. Männer stellen gern Menschen ein, die ihnen ähnlich sind – also wieder Männer. Aber wir führen diese Debatten seit Jahrzehnten. Das ist frustrierend.
Sie sind selbst Mutter. Wie hat die Mutterschaft Ihr eigenes Leben verändert?
Mein Mann und ich waren beide freiberuflich. Wir haben nach der Geburt nicht weniger gearbeitet – eher mehr. Aber wir konnten unsere Zeit flexibel einteilen und uns gegenseitig unterstützen. Für uns war Familie von Anfang an ein gemeinsames Projekt. Die klassische Rollenverteilung – sie zu Hause, er verdient – wäre für mich auch nie infrage gekommen. Ich habe ihm von Anfang an gesagt: Wenn du mich heiraten willst, dann führen wir eine partnerschaftliche Ehe. Sonst bin ich die Falsche. Und das hat funktioniert – nicht immer einfach, aber im Großen und Ganzen gut.
Was wünschen Sie Frauen, die vielleicht gerade in einer Krise stecken und Ihr Buch lesen?
Die Ermutigung, dass sie stärker sind, als sie glauben. Meine Figur Nelly wurde klein gehalten, ihr wurde eingeredet, größere Ambitionen stünden ihr nicht zu. Sie hat den Fehler gemacht, einen Mann zu heiraten, der klar wollte, dass sie das „Weibchen am Herd“ ist. Aber als die große Krise kommt, bringt sie, wenn auch widerwillig, die Kraft auf, sich da herauszukämpfen. Das soll Mut machen.
Nelly hat ein Leben geführt, das heutzutage mit dem Bild der Trad Wife vergleichbar ist – und ist dann auf den Boden der Tatsachen aufgefallen. Warum wird ein solches Modell trotzdem immer beliebter?
Ich nehme tatsächlich einen gesellschaftlichen Rollback wahr. Junge Frauen sagen mir ganz selbstverständlich: „Ich bleibe jetzt zwei, drei Jahre zu Hause. Der Micha verdient ja genug.“ Wenn ich frage: „Was ist, wenn es mit dem Micha nicht mehr läuft? Jede dritte Ehe wird geschieden.“ Dann heißt es: „Ach, das passiert uns nicht.“
Könnte man auch als zuversichtlich stempeln.
Vor allem ist es naiv. Diese Naivität, diese Sehnsucht nach Idylle – sie zeigt sich auch in der Tradwife-Bewegung. Es ist die Beschwörung einer guten alten Zeit, die es nie gab. Ich verstehe die Sehnsucht nach einer heilen Welt in einer komplexen, bedrohlichen Gegenwart. Aber ich halte sie für gefährlich.
Gesellschaftlich wird Frauen das allerdings auch zunehmend wieder propagiert. Wie kann man sich davor schützen?
Mit rationalen Argumenten kommt man oft nicht weit, wenn Sehnsüchte dominieren. Vielleicht hilft es, vom Ende her zu denken. Nicht nur Unfälle, auch Trennung oder eine Scheidung als reales Szenario zu betrachten. Sich vorzustellen, wie das Leben dann in 30 oder 40 Jahren aussieht. Mit geringer Rente. Von Altersarmut betroffen.
Viele sagen: Finanzielle Unabhängigkeit ist der Schlüssel zur Selbstbestimmung. Was gibt Frauen am meisten Freiheit?
Das Allerwichtigste ist eine gute berufliche Qualifikation. Nur so kann man finanzielle Unabhängigkeit herstellen. Im Buch achte ich bewusst darauf, dass die Hauptfigur großen Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder legt. Weil sie insgeheim spürt, dass genau das ihr gefehlt hat. Die ganze Inszenierung des perfekten Lebens auf Social Media ist ja im Grunde ein Symptom dafür, dass sie merkt, wie hohl das ist. Die größte Investition meines Mannes und mir war immer die Ausbildung unserer Kinder. Viel wichtiger als Villa, Statussymbole, große Autos, teure Ferien. Das nützt am Ende nichts.
Apropos Social Media als Lifestyle: Was wünschen Sie sich gesellschaftlich an Werten fernab des Schaulaufens auf dem Screen?
Wenn ich damit anfange, klinge ich wie eine Kulturpessimistin. Im Moment rast der Zug unserer Gesellschaft auch durch Social Media in eine Richtung, die kein vernünftiger Mensch gut finden kann. Ich hoffe einfach, dass die Menschen irgendwann für sich selbst merken, dass das echte Leben nicht am Bildschirm stattfindet. Vielleicht braucht es aber auch persönliche biografische Erfahrungen für diese Erkenntnis.
Was wünschen Sie jungen Frauen für die nächsten 20 Jahre?
Ich wünsche ihnen, dass sie verstehen, dass Äußerlichkeiten nicht das Entscheidende sind. Ich wünsche ihnen innere Kraft gegen diese Welt der Oberflächlichkeit und des ständigen Vergleichs. Es gibt zwischen all den entmutigenden Nachrichten auch ermutigende Signale. Schauspielerinnen wie Kate Winslet etwa, die sich bewusst ungeschminkt zeigen und sich den Schönheitserwartungen an uns Frauen aktiv entziehen. Oder andere Frauen, die einfach altern – ohne den ganzen Zirkus mit Verschleierungsversuchen. Ich finde das ohnehin unnötig. Lasst uns die Zeit nutzen, die uns bleibt und uns auf Dinge konzentrieren, die unser Leben wirklich verbessern.
Zur Person
Amelie Fried wurde 1958 in Ulm als Tochter des Verlegers Kurt Fried und der Buchhändlerin Inge Fried-Ruthardt geboren. Nach dem Abitur 1975 studierte sie von 1976 bis 1983 Theaterwissenschaften, Publizistik, Kunstgeschichte und Italienisch in München. Während ihres Studiums arbeitete sie in freien Theatergruppen. Im Jahr 1989 schloss sie den Studiengang Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der Hochschule für Fernsehen und Film in München ab.
Unser Buchtipp: „Eine von uns“ von Amelie Fried, erschienen im Heyne Verlag, 448 Seiten, 18 Euro.
