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Mental Load: „Frauen kümmern sich, bis sie sich selbst verlieren“

Mental Load: „Frauen kümmern sich, bis sie sich selbst verlieren“
Foro: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 25.02.2026
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Mental Load, emotionale Verantwortung und das stille Funktionieren: Autorin Laura Fröhlich spricht über weibliche Sozialisation, Fürsorge als Identität – und darüber, warum ein kleines „Nein“ manchmal radikaler ist als jede große Geste.

Laura Fröhlich gehört zu den lautesten deutschen Stimmen, wenn es um Mental Load und die unsichtbare Arbeit von Frauen geht. Im Gespräch erzählt sie, wann ihr klar wurde, dass sie nicht länger die Gefühlsmanagerin für andere sein will, warum Erkenntnis noch keine Veränderung ist – und weshalb Selbstempathie der entscheidende Schritt aus der Überlastung sein kann.

Frau Fröhlich, der Titel Ihres neuen Buches ist eine klare Ansage: „Ich bin nicht eure Feelgood‑Managerin.“ Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie das zum ersten Mal gedacht haben?
Sehr gut sogar. Als mein Vater krank wurde bin ich in meiner Familie plötzlich in so eine Art Klassensprecherinnen‑Rolle gerutscht. Ich habe sofort versucht, die Stimmung zu stabilisieren, habe Verwandte informiert und mich um alles gekümmert. Dabei hatte ich selbst Sorgen, die ich hintenangestellt habe. Da habe ich das erste Mal gemerkt: Ich kümmere mich um alle, nur nicht um mich.

Erkenntnis ist das eine, Veränderung das andere. Wie sind Sie damit umgegangen?
Der erste Schritt war tatsächlich, meine eigenen Muster zu erkennen. Ich habe angefangen, mich im Gespräch selbst zu beobachten und mich immer wieder selbst eingefangen: Moment, jetzt moderierst du schon wieder. Dann habe ich mir bewusst erlaubt, von mir zu erzählen, auch wenn es sich ungewohnt anfühlte. Ich musste mir erst zugestehen, dass meine Gefühle und Bedürfnisse genauso wichtig sind, wie die der anderen.

Wie hat das etwa Ihren Familienalltag verändert?
In habe ich aufgehört, die Vermittlerin zu sein. Wenn Verwandte wissen wollten, wie es meiner Mutter geht, habe ich gesagt: Fragt sie bitte selbst. Das klingt klein, war für mich aber ein großer Schritt, weil ich damit eine Rolle abgelegt habe.

„Wir haben gelernt, uns in andere hineinzuversetzen – aber nicht in uns selbst.“
Laura Fröhlich

Warum sind manche Frauen stärker von diesem Harmoniebedürfnis betroffen als andere?
Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle, etwa die Persönlichkeit, Erfahrungen und Prägungen aus der Kindheit. Wer früh Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen musste, entwickelt leichter People‑Pleasing‑Muster. Die richtigen Vorbilder sind dabei entscheidend: Wenn ich Frauen erlebt habe, die Grenzen setzen, fällt mir das selbst leichter. Wenn ich nur Frauen kenne, die sich aufopfern, speichere ich das als „normales“ weibliches Verhalten ab – und wiederhole es als Erwachsene.

Sie sprechen bei diesem Muster gerne von Identität durch Fürsorge. Warum?
Weil viele Frauen sich über ihre Fürsorglichkeit definieren. Sie fragen sich oft unbewusst: Wenn ich mich nicht kümmere, wer bin ich dann? Das kann eine echte Identitätskrise auslösen. Viele Frauen haben außerdem permanent das Gefühl, nicht richtig zu sein. Sie empfinden sich als zu ehrgeizig, zu wenig mütterlich, zu wenig hübsch, zu laut, zu still. Diese Scham führt dazu, dass wir dann wieder versuchen, es allen recht zu machen.

Das klingt nach einem gesellschaftlich auferlegten Teufelskreis. Was hilft, aus diesem Kreislauf auszusteigen?
Selbstempathie. Wir haben gelernt, uns in andere hineinzuversetzen – aber nicht in uns selbst. Ich muss mir zugestehen, dass meine Bedürfnisse genauso wichtig sind, wie die meiner Mitmenschen. Was im Flugzeug gilt, dürfen wir auch im Alltag häufiger berücksichtigen: Erst die Sauerstoffmaske selbst aufsetzen, dann anderen helfen.

Mental Load ist nicht nur individuell, sondern auch strukturell. Was müsste sich gesellschaftlich ändern?
Wir müssen Stereotype früh hinterfragen lernen – und schon in Kitas und Schulen damit beginnen. Jungen sollten Fürsorge lernen dürfen, Mädchen Selbstbehauptung. Außerdem muss die Politik Fürsorgearbeit endlich ernst nehmen. Es geht nicht nur darum, wer Zahnpasta kauft, sondern um die daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen, den Fachkräftemangel und die Gesundheit der gesamten Familie. Auch Arbeitsplätze müssten sich demnach an Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Wir brauchen flexible Modelle und die Förderung von Vätern in Fürsorgerollen. Das wären große Hebel.

Was würden Sie einer Frau sagen, die erschöpft ist und sich übersehen fühlt?
Frag dich jeden Morgen zuerst: Wie geht es mir eigentlich? Das klingt banal, ist aber ein Anfang. Wir dürfen kleine Pausen einbauen, egal wie lang die To-do-Liste ist. Wir müssen nicht alle laut protestieren. Manche tun das, andere setzen leise Grenzen im Alltag. Wichtig ist nur, dass wir aufhören, die Überlastung an die nächste Generation weiterzugeben. Unsere Töchter sollen sehen, dass Frauen sich auch um sich selbst kümmern dürfen. Am Ende geht es nicht um Perfektion, sondern darum, gesund zu bleiben – und ein Leben zu führen, in dem wir nicht nur für andere da sind, sondern auch für uns selbst.

Foto: privat

Zur Person

Laura Fröhlich ist eine der bekanntesten Expertinnen im deutschsprachigen Raum zum Thema Mental Load. Als Autorin, Speakerin und dreifache Mutter vermittelt sie mit Empathie, Humor und Tiefgang, wie Familien, Paare und Unternehmen Verantwortung gerechter teilen und so mehr mentale Entlastung erreichen können.

Unser Buchtipp: „Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin!“, Laura Fröhlich, erschienen im Kösel-Verlag, 240 Seiten, 19 Euro.

Leonie Zimmermann

Chefredakteurin Digital

In Deutschland 1993 geboren und aufgewachsen, nach dem Journalistik-Studium, einer Selbstständigkeit und mehreren Stationen in deutschen Medienhäusern, darunter das RedaktionsNetzwerk Deutschland und das Wochenmagazin stern, seit März als Chefredakteurin digital für Welt der Frauen tätig. Faible für Psychologie, Reisen, Feminismus – und die digitale Welt.

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Foto: Barbara Aichinger


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