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06/2026

Warum Frauen oft zur Managerin wider Willen werden

Warum Frauen oft zur Managerin wider Willen werden
Foto: Alexandra Grill
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  • Veröffentlicht: 02.07.2025
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In vielen Familien sind Frauen für die Gesundheit aller zuständig. Das beginnt oft, aber nicht immer mit der Mutterschaft. Über einen Zustand mit Risiken und Nebenwirkungen.

Als mein erster Sohn zur Welt kam, drückte mir noch auf der Geburtenstation die resolute Kinderkrankenschwester einen kopierten Zettel in die Hand. Darauf war eine Liste der Kinderärztinnen und -ärzte in der Umgebung. Ich solle, sagte sie, der Reihe nach anrufen und fragen, ob es in der Praxis Ultraschall für eine Hüftuntersuchung gebe und ob ich mit meinem Neugeborenen vorbeikommen könne. Bitte so bald wie möglich, es sollte noch in den ersten beiden Lebenswochen passieren. In der Sekunde, in der ich den Zettel in die Hand nahm, wurde ich zur Gesundheitsmanagerin unserer vor nicht einmal 24 Stunden gegründeten Familie.

Ich nahm mein Telefon zur Hand, begann, die Nummern durchzurufen, und machte bei der ersten Ärztin, die „Ja“ und „Ja“ auf meine Fragen antwortete, einen Termin aus. Die Sprechstundenhilfe trug den Namen meines Sohnes samt meinem Namen und Telefonnummer als Elternteil in ihre PatientInnenkartei ein und würde fortan nur mit mir Kontakt aufnehmen. Denn ich war jetzt zuständig: für Mutter(!)-Kind-Pass-Untersuchungen, Impftermine und Wachstumskontrollen. Dafür, so lange in der Warteschleife zu hängen, bis ich einen Termin zur Abklärung von keuchendem Husten, grippalen Infekten, verbrannten Fingerchen, triefenden Augen, seltsamen Pusteln und rasselnder Atmung bekam.

In den folgenden Jahren war ich außerdem zuständig dafür, das verzögerte Wachstum von Sohn Nummer zwei abklären zu lassen, einen Termin fürs Handwurzelröntgen und in Folge bei einer Orthopädin und einem Kinder-Endokrinologen auszumachen. Ich war es auch, die nach einem Unfall im Urlaub ins kroatische Krankenhaus fuhr, um eine Platzwunde am Hinterkopf flicken zu lassen, genau wie ich es war, die den Schiffsarzt auf der Fähre nach Griechenland in seiner Kajüte aufspürte, als eine Trinkflasche eine Oberlippe zum Platzen brachte. Dass stets ich angerufen wurde, wenn einem der Söhne in Kindergarten oder Schule schlecht war, obwohl die Nummern beider Elternteile als Notfallkontakt hinterlegt waren: geschenkt.

Meinem Mann mache ich dabei keinen Vorwurf, wie denn auch: Zu keinem Zeitpunkt wäre es mir sinnvoll erschienen, einen Wechsel im Management vorzunehmen. All das Wissen über Schwangerschaft und Geburt, Perzentilen, Zahnwechsel, Fehlsichtigkeiten, Kinderkrankheiten, all die Informationen, Kontakte, die ganze Gesundheitsakte unserer Kinder war in meinem Kopf, Handy und Adressbuch gespeichert. Dort allein. Und die E-Cards der Kinder? Die waren immer in meiner Geldbörse.

Damit – und das ist beruhigend und alarmierend zugleich – bin ich ganz und gar nicht allein. Die meisten Frauen sind Managerinnen der Gesundheit ihrer Familien. Ich frage mich: Wie sind wir da alle gemeinsam bloß hineingeraten? Und noch viel wichtiger: Wie kommen wir da wieder raus?

„Mädchen werden in die Rolle der Fürsorgerin gedrängt.“
Alexandra Kautzky-Willer

Alexandra Kautzky-Willer ist Internistin und Österreichs erste Professorin für Gendermedizin. Sie untersucht, inwiefern Frauen in der Medizin benachteiligt oder anders wahrgenommen, erforscht und behandelt werden als Männer. Mein Eindruck, dass viele Frauen so wie ich mit der Geburt des ersten Kindes in die Rolle der Gesundheitsmanagerin für die ganze Familie rutschen, sei richtig. Beziehungsweise: „Die Situation verschärft sich.“ Denn Frauen würde diese Rolle von klein auf anerzogen. „Mädchen werden in die Rolle der Fürsorgerin gedrängt, sie bekommen Puppen geschenkt und sollen Verantwortung für Geschwister übernehmen.“ Sie würden, so die Expertin, vermehrt und früher als Buben dazu animiert, diesen fürsorgenden Part zu übernehmen. „Dabei geht es nicht nur um Kinder, sondern um Care-Arbeit im Allgemeinen, darum, sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern.“

Sowohl bezahlte als auch unbezahlte Pflegearbeit wird, das zeigt auch die aktuelle Zeitverwertungsstudie der Statistik Austria, zum eindeutig größeren Teil von Frauen übernommen. „Auch kinderlose und alleinstehende Frauen haben diese pflegende Rolle inne“, sagt Alexandra Kautzky-Willer. „Was davon Genetik, was Epigenetik und was Einfluss der Gesellschaft ist, kann man nur sehr schwer erforschen.“ Ihre Vermutung: Die Faktoren dafür, dass Frauen den Hauptanteil an Care-Arbeit und Gesundheitsmanagement übernehmen, sind zum Großteil gesellschaftlich bedingt. „Darüber hinaus gibt es möglicherweise etwas – am ehesten Epigenetisches –, das diesen Faktor verstärkt.“ Auch Hormone wie Oxytocin, das während des Stillens ausgeschüttet wird, spielen eine Rolle. Das allein kann aber nicht ausschlaggebend sein, denn: „Auch Männer erleben während der Schwangerschaft hormonelle Veränderungen, ihr Testosteronspiegel ist niedriger.“

So unklar die Ursachen für die Mehrbelastung von Frauen sind, so eindeutig sind die Folgen: Die Mehrfachbelastung verursacht Stress. Wird dieser chronisch, hat es gravierende und vielgestaltige Folgen für die Gesundheit von Frauen. „Einerseits steigt das Risiko für psychische Krankheiten“, so die Gendermedizinerin. „Es ist aber auch wissenschaftlich erwiesen, dass Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen damit einhergehen.“ Dazu kommen indirekte Folgen wie eine höhere Altersarmut bei Frauen, die auch darin begründet ist, dass viele Frauen in Teilzeit arbeiten, um die Care-Arbeit für ihre Familie leisten zu können. Und: „ Alleinerzieherinnen sind besonders stark betroffen.“ Der Stress durch Mehrfachbelastungen habe sich, so Kautzky-Willer, „dadurch, dass Frauen Karriere machen wollen und sollen, ihnen die Care-Arbeit aber nicht abgenommen wurde“ in den letzten Jahren noch verstärkt.

„Ihre eigene Gesundheit stellen Frauen häufig hintan.“
Alexandra Kautzky-Willer

Aus ihrer Perspektive als behandelnde Ärztin kann Kautzky-Willer bestätigen, dass es vorwiegend Frauen sind, die Termine für ihre Angehörigen vereinbaren. „Es ist sehr selten umgekehrt“, sagt sie. „Sogar bei der Diätberatung kommen Frauen mit ihren Männern mit, damit sie gleich lernen, wie sie in Zukunft kalorienärmer kochen können.“ Sind Folgetermine zu vereinbaren, verweisen viele Männer direkt an ihre Frauen. Diese haben, so die Beobachtungen der Ärztin, eine bessere Wahrnehmung und Achtsamkeit, wenn es jemandem in der Familie nicht so gut geht. Sie schauen, dass Angehörige zur Ärztin oder zum Arzt gehen, machen Termine aus und überwachen die Einnahme von Medikamenten. „Ihre eigene Gesundheit stellen sie dabei häufig hintan.“

Aus Sicht der Gendermedizin gibt es einige Maßnahmen, die dabei helfen können, Frauen zu entlasten. „Vor allem versuchen wir, Frauen zu stärken und zu informieren, auch über wichtige Maßnahmen wie Achtsamkeit sich selbst gegenüber.“ Regelmäßige Entspannung und grundsätzliche Entlastung stehen dabei im Vordergrund, aus der Spirale der Care-Arbeit auszusteigen, wenn man eine Überforderung bei sich selbst wahrnimmt. Dazu gehört auch, nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst Vorsorgeuntersuchungen zu vereinbaren. Und „sich nicht verunsichern zu lassen“, so der Rat von Alexandra Kautzky-Willer. „Frauen werden häufig nicht so ernst genommen, wenn sie Beschwerden haben, und mit einem Beruhigungs- oder Schmerzmittel abgefertigt.“ Aus Sicht der Gendermedizinerin ist das eines der Mosaiksteinchen, die es für eine Veränderung braucht, um Frauen wirklich zu entlasten.

Entlastung habe auch ich mir lange gewünscht, aber, wenn ich ehrlich bin, niemals deutlich eingefordert. Ich habe mich oft beschwert über die Last, die die Rolle der Gesundheitsmanagerin für mich bedeutet – aber nie eine Aufgabe abgetreten. Wollte ich vielleicht insgeheim das Ruder nicht aus der Hand geben? Traute ich meinem Mann das Gesundheitsmanagement nicht zu? Diese Gedanken beschäftigten mich, und zumindest ein Körnchen Wahrheit steckt darin. Ich bin nicht frei von den gesellschaftlichen Prägungen und Erwartungen, die auf uns Frauen lasten. Ich möchte mich um meine Familie kümmern, dafür Anerkennung ernten – obwohl es mir zugleich auf die Nerven geht, dass es auf meinen Schultern lastet. Ein Zustand, der mir intellektuell sonnenklar war, aber emotional ganz und gar nicht. Dennoch beschloss ich, nach zwölf Jahren meinen Posten im Management zumindest zur Hälfte zu räumen.

Mein Ausstiegsszenario: ein Besuch beim Hautarzt. Nachdem mein Mann zur Muttermalkontrolle musste, nahm er die Kinder gleich mit. Er suchte einen Arzt aus, kümmerte sich um einen Termin, packte seine Söhne ein und fuhr hin. So lernte ich, dass ich nicht die Einzige bin, die dazu in der Lage ist, und er, dass dahinter keine geheime Wissenschaft steckt. Inzwischen ist er auch für alle Impftermine zuständig, was er zwar anders, aber durchaus effizienter und übersichtlicher als ich zu managen weiß. Im Wartezimmer unserer Kinderärztin ist er nicht der einzige, wenn auch einer der wenigen Männer. Das gibt mir Hoffnung – genau wie die Tatsache, dass 2024 der Mutter-Kind-Pass zum Eltern-Kind-Pass wurde. Das nimmt mir endgültig das schlechte Gewissen, das wir Frauen nur allzu gut kennen. Die E-Cards der Kinder sind allerdings nach wie vor in meiner Geldbörse.

Foto: Rupert Pessl

Zur Person

Alexandra Kautzky-Willer ist als erste Professorin für Gendermedizin auch die erste Adresse, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit in der Medizin geht. Dass Frauen häufig für alles rund um Gesundheit in der Familie zuständig sind, sieht sie auch in ihrer Praxis.

Ursel Nendzig

Chefin vom Dienst

Ist seit vielen Jahren als Redakteurin und Autorin unterwegs. Dafür ist es meist gar nicht nötig, weit zu reisen – die berührendsten, spannendsten und wichtigsten Geschichten spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Überall dort, wo es menschelt, fühlt sie sich wohl und Themen rund um Gesellschaft, Frauen und Feminismus liegen ihr besonders am Herzen. Geboren (Schwäbische Alb, Süddeutschland) und Aufgewachsen (Wienerwald) im kleinen Dorf lebt und schreibt sie heute mit ihrer Familie in einem kleinen Häuschen am Rande der großen Stadt.

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Foto: Barbara Aichinger


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