Eiweiß gilt als Schlüssel zu Fitness, Muskelaufbau und Gewichtsverlust. Der Hype hat den Markt mit Shakes, Riegeln und weiteren hoch verarbeiteten Produkten geflutet. Doch sind diese überhaupt nötig?
Es ist 5.50 Uhr. Verschlafen blicke ich auf die Anzeige meiner Waage, die sich seit Wochen kaum verändert hat. Also mache ich – wider besseres Wissen – das, was viele heute tun, wenn sie mit ihrem Körper hadern. Ich öffne die TikTok-App auf meinem Smartphone und gebe die Frage „Warum nehme ich nicht ab?“ in das Suchfeld ein. Die Antwort kommt schnell und einstimmig: Ich müsse viel mehr Eiweiß essen. Was ich mit dieser Suche lostrete, wird mir in den nächsten Tagen bewusst. Plötzlich wird die Startseite der App von Beiträgen rund um Proteinshakes, -riegel, -drinks und -joghurts überflutet. In bunten und perfekt inszenierten Videos erklären mir Influencer:innen in hautengen Workout-Outfits, dass die hochdosierte Einnahme von Eiweiß der einzige Weg zu einem schlanken, gesunden Körper sei.
Ich fühle mich ertappt, denn meine Ernährung ist nicht besonders proteinreich. Und ich muss zugeben: Die Shakes in Geschmacksrichtungen von Schokolade über Vanille bis Matcha sind verlockend. Also suche ich mir eine Sorte aus und bereite sie am nächsten Morgen zu. Das Resultat: krampfartige Magenschmerzen statt neuer Energie. Doch die Online-Community hat rasch eine Erklärung parat. Der Körper müsse sich erst an die neue Ernährungsweise gewöhnen, heißt es in den Kommentarspalten der Beiträge jener Nutzer:innen, die Ähnliches beschreiben und um Rat suchen.
Doch ich zweifle, weil Magenschmerzen meiner Erfahrung nach vor allem ein Alarmsignal sind. Außerdem stoße ich, je länger ich mich mit dem Trend beschäftige, immer häufiger auf kritische Erfahrungsberichte und Hinweise zu möglichen Risiken und Schäden für die Darmgesundheit. Gleichzeitig stören mich die aggressiven Marketingstrategien, die mit fragwürdigen Gesundheitsversprechen und einem weiteren Schönheitsideal vor allem völlig überteuerte Produkte verkaufen wollen. Also verlasse ich die Welt von TikTok und frage bei den Menschen nach, die sich tatsächlich beruflich mit Proteinen und Ernährung, Medizin und insbesondere Darmgesundheit beschäftigen: bei der Diätologin Barbara Stögmüller, dem Gastroenterologen Alexander Moschen vom Kepler Universitätsklinikum und der Ernährungswissenschaftlerin Teresa Bauer vom Verein für Konsumenteninformation (VKI).
