Hinter der praktischen Bequemlichkeit von Fertigprodukten steckt mehr, als man denkt: Zusatzstoffe, versteckter Zucker und Marketingtricks bestimmen, was auf den Teller kommt. Foodwatch-Expertin Miriam Maurer verrät, wie man den Durchblick behält.
Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon einmal nach einem langen Arbeitstag zu Tiefkühlpizza, Instant-Nudeln & Co. gegriffen, weil schlicht die Energie fürs Kochen fehlte? Convenience-Food, also Lebensmittel, die bereits vorbereitet, vorgekocht oder sofort verzehrfertig sind, gehört längst zum Alltag vieler Haushalte.
Auch in Österreich ist dieser Trend klar sichtbar. Laut Daten der AMA-Marketing greift ein Großteil der heimischen Haushalte regelmäßig zu Fertigprodukten, besonders beliebt sind Fertigsuppen, Tiefkühlpizza und Instantgerichte. Auch die Marktprognosen zeigen: Der Convenience-Sektor bleibt wirtschaftlich relevant. Für den österreichischen Markt wird für 2026 ein Umsatz im hohen Millionenbereich prognostiziert – mit weiterem Wachstum in den kommenden Jahren. Gründe dafür gibt es viele: Zeitmangel, Stress, kleinere Haushalte, fehlende Kochroutine und nicht zuletzt der Wunsch nach unkomplizierten Lösungen. Die Frage ist also nicht mehr, ob wir Convenience-Food essen, sondern was eigentlich dahinter steckt.
Kochen war gestern
Unter Convenience-Food – auf Deutsch: bequemes Essen – versteht man Lebensmittel, die bereits vorbereitet oder verzehrfertig sind, damit wir sie schneller oder sofort genießen können. Je höher der sogenannte Convenience-Grad, desto weniger muss zu Hause noch gemacht werden. Experten unterscheiden dabei fünf Stufen: von küchenfertig (zum Beispiel zerlegtes Fleisch, das noch gewürzt oder gekocht werden muss) über garfertig (vorgekochte Kartoffeln), mischfertig (Pastasauce zum Erwärmen) und zubereitungsfertig (Tiefkühl-Pizza), bis hin zu verzehrfertig (Fruchtjoghurt). Klar ist jedoch auch: Je praktischer das Essen wird, desto komplexer wird oft sein Innenleben.
Wer einmal eine Packung Fertig-Lasagne umdreht, merkt schnell: Die Zutatenliste liest sich wie eine kleine Wissenschaft. Aromastoffe, Antioxidationsmittel, Emulgatoren, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel, pH-Regulatoren, Stabilisatoren und Verdickungsmittel sorgen dafür, dass Produkte lange haltbar bleiben, immer gleich schmecken und appetitlich aussehen. Grundsätzlich sind all diese Zusatzstoffe zugelassen und geprüft – das betont auch der Gesetzgeber. Trotzdem sieht man bei Foodwatch einige Herausforderungen, wie Miriam Maurer im Gespräch mit Welt der Frauen erklärt: „Es gibt in der EU über 300 zugelassene Zusatzstoffe. Bei vielen ist nicht eindeutig geklärt, welche Langzeitfolgen sie für die Gesundheit haben.“ Das bedeutet nicht, dass jedes Fertigprodukt automatisch ungesund ist, aber: „Immer wieder wurden Stoffe eingesetzt, die lange als unproblematisch galten, Jahre später aber kritisch bewertet oder sogar verboten wurden.“ Genau das sorgt für Verunsicherung.
Ein weiteres Problem: Oft geht es gar nicht um einzelne Stoffe, sondern um das Gesamtpaket. Stark verarbeitete Lebensmittel enthalten häufig mehr Zucker, Salz und Fett – eine Kombination, die langfristig Übergewicht, Bluthochdruck oder Stoffwechselprobleme begünstigen kann.
Natürlich, oder nicht?
Besonders spannend – und für viele überraschend – ist die Sprache auf Verpackungen. Manche Zutaten klingen harmlos oder sogar gesund, erfüllen aber vor allem technologische Zwecke. Ein Beispiel nennt Maurer direkt: „Rosmarin-Extrakt klingt nach Gewürz, wird aber meist als Antioxidationsmittel eingesetzt, damit Produkte länger haltbar bleiben.“ Ähnlich verhält es sich mit Zitronen- oder Apfelsäure, die auf den ersten Blick natürlich wirken, tatsächlich aber als Säuerungsmittel die Haltbarkeit verlängern. Das ist rechtlich zulässig, macht die Einordnung aber schwierig.
Noch raffinierter wird es beim Zucker. Hinter zahlreichen Namen wie etwa Dextrose, Fruktose, Glukose, Maissirup, Maltodextrin, Melasse oder Saccharose versteckt sich schlichtweg auch nichts anderes als Zucker. Werden mehrere verschiedene Zuckerarten verwendet, erscheinen sie einzeln in der Zutatenliste und rutschen dadurch weiter nach hinten. Das Produkt wirkt auf den ersten Blick weniger süß, als es tatsächlich ist. Maurer sagt dazu: „Viele Menschen erkennen gar nicht, dass sie verschiedene Zuckerarten lesen, am Ende summiert sich das aber.“
Ein weiterer Trick der Hersteller sind irreführende Verpackungshinweise oder Bilder. So wird das Produkt größer oder gesünder dargestellt, als es ist: Ein Müsli mit Obstabbildung kann fast nur aus Getreide und Zucker bestehen, der Fruchtanteil ist minimal. Auch Schlagworte wie „ohne künstliche Farbstoffe“ oder „mit Vitamin C“ lenken vom hohen Zucker- oder Zusatzstoffgehalt ab. Die Verpackung suggeriert gesunde Ernährung, während die Zutatenliste ein ganz anderes Bild zeigt. Zusammen mit schwer verständlichen chemischen Bezeichnungen wie Natriumascorbat, Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren oder Zitronensäure-Extrakte entsteht so für Verbraucher:innen schnell der Eindruck, sie kauften ein naturbelassenes Produkt, obwohl es stark verarbeitet ist.
Forderung nach dem Nutri-Score
All diese Tricks zeigen: Theoretisch sind Konsument:innen informiert. Zutatenliste, Nährwerttabelle – alles da. Praktisch sieht es anders aus. Kleine Schriftgrößen, Fachbegriffe und Zeitdruck im Supermarkt machen die Bewertung mühsam. Wer weiß schon aus dem Stegreif, wie viel Zucker pro 100 Gramm „noch okay“ ist? Viele Konsument:innen entscheiden daher emotional: schöne Verpackung, Gesundheitsversprechen, „natürlich“ klingende Zutaten. Genau hier entsteht die Lücke zwischen Information und Verständnis.
Foodwatch fordert deshalb eine einfachere Orientierung auf einen Blick, etwa durch den Nutri-Score, der Lebensmittel mit Farben und Buchstaben bewertet. Grün mit A signalisiert eine günstigere Zusammensetzung, Rot mit E eher das Gegenteil. In mehreren europäischen Ländern ist das System bereits etabliert. Absurdes Kuriosum: Während importierte Produkte in Österreich den Nutri-Score bereits tragen dürfen, ist er bei heimischen Waren aktuell verboten. Foodwatch fordert daher eine rasche Einführung des Nutri-Scores auch für in Österreich produzierte Lebensmittel. „Die Chancen stehen gar nicht schlecht“, sagt Maurer. „Das Thema ist politisch präsent, aber es braucht Druck, weil die Lebensmittelindustrie natürlich kein großes Interesse an schlechten Bewertungen hat.“
Realistisch bleiben
Solange offizielle Orientierungssysteme wie eben der Nutri-Score in Österreich noch fehlen, bleibt den Verbraucher:innen nichts anderes übrig, als selbst genauer hinzuschauen und Zutatenliste sowie Nährwerttabelle aufmerksam zu lesen. Die schlechte Nachricht zuerst: Perfekt einkaufen wird niemand schaffen. Die gute Nachricht: Das muss auch gar nicht sein. Convenience-Food ist nicht per se schlecht. Es kommt auf Häufigkeit, Menge und Kombination an. Fertiggerichte können ein praktischer Bestandteil des Alltags sein, solange sie nicht zur einzigen Basis der Ernährung werden. Wer dazu auch noch ein paar einfache Tricks kennt, kann sogar aus Convenience-Food noch das Beste herausholen.
- Zutatenliste checken:Je kürzer und verständlicher die Liste, desto besser. Produkte mit vielen unverständlichen Zusatzstoffen, langen chemischen Namen oder mehrfachen Zuckerarten enthalten oft mehr verarbeitete Inhaltsstoffe.
- Zucker, Salz und Fett vergleichen:Die Nährwerttabelle liefert dafür die wichtigsten Zahlen. Ein praktischer Trick: Prüfen Sie den Gehalt pro 100 Gramm und vergleichen Sie ähnliche Produkte miteinander. Nur so lässt sich erkennen, welche Varianten weniger Zucker, Salz oder Fett enthalten.
- Portionen beachten:Verpackungen suggerieren oft größere Portionen. Ein Blick auf die tatsächliche Menge pro Packung hilft, Kalorien und Zuckeraufnahme realistisch einzuschätzen.
- Auf Farbe und Herkunft achten:Begriffe wie „ohne künstliche Farbstoffe“, „mit Vitaminen“ oder „naturbelassen“ sind oft reine Marketingphrasen. Der tatsächliche Gehalt an gesunden Zutaten kann minimal sein. Achten Sie auf den Fruchtanteil, Gemüsegehalt oder den Anteil an Vollkornprodukten.
- Tiefkühl- und TK-Lösungen clever nutzen:Tiefkühlgemüse, -obst oder fertige Proteinquellen sind oft deutlich nährstoffreicher als stark verarbeitete Fertiggerichte. Sie lassen sich leicht kombinieren, um Mahlzeiten gesünder zu gestalten.
- Labels und Siegel bewusst nutzen:Auch ohne Nutri-Score gibt es Hinweise auf gesündere Produkte, etwa Bio- oder Vollkorn-Siegel. Sie ersetzen keine Nährwertprüfung, bieten aber zusätzliche Orientierung.
Es bleibt also eine Mischung aus genauem Hinschauen, kritischem Vergleichen und pragmatischem Nutzen der vorhandenen Hilfsmittel, um Convenience-Food möglichst gesund einzusetzen. Vielleicht ist ja genau das der beste Weg: Bewusst wählen und dann ohne schlechtes Gewissen genießen!
Die häufigsten Lebensmittelzusatzstoffe auf einen Blick
| Zusatzstoff | Funktion | Beispiele |
| Aromen / Aromastoffe | Verleihen oder verstärken Geschmack und Geruch | Natürlich oder künstlich, keine E-Nummer Pflicht |
| Antioxidationsmittel | Schützen vor Oxidation, verhindern Ranzigkeit | Ascorbinsäure (E300), Tocopherole (E306) |
| Emulgatoren | Helfen, Wasser und Fett zu mischen, verbessern Textur | Lecithin (E322), Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren (E471) |
| Farbstoffe | Geben Farbe oder stellen natürliche Farbe wieder her | Beta-Carotin (E160a), Riboflavin (E101), Kurkumin (E100) |
| Geschmacksverstärker | Verstärken vorhandene Aromen | Mononatriumglutamat (E621), Guanylat (E627), Inosinat (E631) |
| Konservierungsmittel | Verlängern Haltbarkeit, hemmen Mikroorganismen | Sorbinsäure (E200), Natriumbenzoat (E211) |
| Säuerungsmittel / pH-Regulatoren | Regulieren Säuregehalt, beeinflussen Geschmack und Haltbarkeit | Zitronensäure (E330), Apfelsäure (E296), Natriumcitrat (E331) |
| Stabilisatoren | Sorgen für gleichbleibende Konsistenz, verhindern Trennen | Pektin (E440), Gelatine (E441), Johannisbrotkernmehl (E410) |
| Verdickungsmittel / Geliermittel | Verdicken oder gelieren Lebensmittel | Agar-Agar (E406), Carrageen (E407), Guarkernmehl (E412) |
| Süßstoffe | Ersetzen Zucker, kalorienarm | Aspartam (E951), Sucralose (E955), Steviolglycoside (E960) |
