Wer nachhaltig reist, entdeckt oft die Perlen: stille Orte, regionale Küche, echte Begegnungen. Wie grüner Tourismus funktioniert, weshalb er uns begeistert und wie wir mit kleinen Entscheidungen Großes bewirken.
Der Duft von Blumen und Kräutern in der Luft, das Glitzern des Wassers in der Sonne, der Geschmack frisch zubereiteter Spezialitäten – Urlaub ist ein Fest für alle Sinne. Gleichzeitig schwingt bei vielen ein schlechtes Gewissen mit. Denn Reisen hinterlässt Spuren – vor allem beim Klima. Dabei sind Auszeit, Tapetenwechsel und Erholung essenziell für Körper und Seele. Gesucht ist also eine Form des Reisens, die Genuss und Nachhaltigkeit miteinander verbindet.
Das Problem an ökologischem Urlaub ist aber, dass er noch allzu oft mit einfachen Campingplätzen und überfüllten Großraumabteilen in Interrail-Zügen gleichgesetzt wird. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Nachhaltiges Reisen ist heute komfortabel, stilvoll und voller Genuss. Gerade in Österreich gibt es eine Vielzahl an Angeboten, die Umweltbewusstsein, Regionalität und Erholung gekonnt verbinden. Wir haben darüber mit Prof. Dr. Dagmar Lund-Durlacher gesprochen. Sie forscht und lehrt unter anderem am Zentrum für nachhaltigen Tourismus (ZENAT) und auch sie ist überzeugt: „Reisen kann durchaus nachhaltig sein – wenn man ein paar Dinge beachtet.“
Weiblicher Urlaub ist nachhaltiger
„Die Nachfrage nach ökologischem Tourismus steigt – vor allem bei Frauen, die ohnehin deutlich empfänglicher für das Thema Nachhaltigkeit sind“, sagt Lund-Durlacher. Frauen treffen deutlich öfter nachhaltige Reiseentscheidungen als Männer – für sich selbst, für ihre Familien, für die Gemeinschaft und zunehmend auch für die Umwelt. Viele möchten ihren Kindern zeigen, wie man achtsam mit der Welt umgeht. Andere hingegen suchen tiefere Erlebnisse abseits vom Mainstream. Denn viele nachhaltige Reisen überraschen mit einem neuen Luxus: mehr Ruhe, mehr Natur, mehr echtes Leben. Wer etwa im Lavanttal eine Brotbackwerkstatt besucht oder im Burgenland mit Winzerinnen biodynamische Weine verkostet, spürt: Nachhaltigkeit ist sinnlich – und weit entfernt von Einschränkungen. Es geht um andere Werte: Qualität, Authentizität, Rückbesinnung. Und darum, sich selbst Gutes zu tun – auf eine Weise, die auch der Welt guttut. Genau das entspricht dem Bedürfnis vieler Frauen in der Rushhour des Lebens.
Gut geplant ist halb gewonnen
Wer sich jetzt überfordert fühlt, von heute auf morgen komplett auf nachhaltig umzusteigen, dem sei gesagt: Schon kleine Änderungen können viel bewirken. Beginnen wir ganz am Anfang – bei der Planung. „Wer nachhaltig urlauben möchte, verreist seltener, bleibt dafür aber länger. Lieber einmal im Jahr bewusst reisen als mehrmals spontan – das spart CO₂ und Nerven“, rät Lund-Durlacher.
„Wer im eigenen Land urlaubt, entdeckt, wie reizvoll das Naheliegende sein kann.“
Ebenfalls ein oft unterschätzter Faktor in puncto Nachhaltigkeit: das Kofferpacken. Weniger ist mehr. Wer bewusst packt, verzichtet auf unnötiges Gepäck, spart Gewicht und Energie beim Transport. Multifunktionale Kleidung, natürliche Materialien und Produkt aus fairem Handel sind langlebige Reisebegleiter. Auch bei den Accessoires lässt sich umdenken: Feste Seife und Shampoo, Sonnencreme ohne Mikroplastik, Trinkflaschen aus Edelstahl, Stoffbeutel für Einkäufe oder ein solarbetriebener Akku – all das spart Müll und schont die Umwelt. Wer ein gutes Buch einpackt, braucht vielleicht auch weniger Ablenkung – und entdeckt, wie wohltuend Reduktion im Urlaub sein kann.
Warum in die Ferne schweifen?
Auch die Wahl des Ferienortes ist entscheidend. Urlaub in Österreich bietet ideale Voraussetzungen: kurze Anreise, dichter öffentlicher Verkehr, zahlreiche Bio-Hotels und ökologische Angebote. Auch hier hat Lund-Durlacher ein paar konkrete Reisetipps für besonders nachhaltige Destinationen in Österreich parat: „Das Burgenland etwa wurde bereits mit einem Nachhaltigkeitszertifikat ausgezeichnet, und auch Regionen wie das Mostviertel, Seefeld oder das Alpbachtal gelten als echte Vorzeigebeispiele für ökologische Urlaubskultur. Im Lesachtal und rund um den Weißensee laden Slow-Food-Initiativen zum bewussten Genießen ein, die Steiermark begeistert mit ihren vielfältigen Genussregionen, und Werfenweng gilt als Pionier für sanfte Mobilität“, gerät Lund-Durlacher ins Schwärmen und kommt zum Schluss: „In Österreich gibt es eine beeindruckende Vielfalt an nachhaltigen Ferienangeboten. Wer im eigenen Land urlaubt, stärkt die heimische Wirtschaft, schont das Klima und entdeckt, wie reizvoll das Naheliegende sein kann.“
Nachhaltig ins Ausland – das geht!
Doch auch Reisen ins Ausland können nachhaltig sein – wenn man einige Dinge beachtet. Grundregel: Je näher das Ziel, desto besser. Statt Fernreisen bieten sich europäische Destinationen an, die mit dem Zug erreichbar sind und ökologische Standards erfüllen. Wer dann auch noch Unterkünfte mit Umweltzertifikaten wählt, lokal konsumiert und emissionsarme Verkehrsmittel nutzt, kann auch jenseits der Landesgrenzen verantwortungsvoll urlauben.
Einige europäische Reiseziele zeigen eindrucksvoll, wie nachhaltiges Reisen gelingen kann. In Südtirol etwa wird sanfter Tourismus großgeschrieben: Zahlreiche Unterkünfte sind klimaneutral zertifiziert, die Küche setzt konsequent auf regionale Produkte, und Aktivitäten wie Wandern und Radfahren prägen das Angebot. Slowenien gilt überhaupt als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit – die Hauptstadt Ljubljana ist weitgehend autofrei, Nationalparks laden zu behutsamem Naturerleben ein, und viele Betriebe nehmen am „Green Scheme of Slovenian Tourism“ teil. Auch in der Schweiz lässt sich Nachhaltigkeit mit Komfort verbinden: Eine Reise mit dem Zug durch spektakuläre Berglandschaften, Übernachtungen in energieeffizienten Hotels und der Genuss regionaler Spezialitäten machen den Aufenthalt zu einem Beispiel für umweltbewussten Luxus auf höchstem Niveau.
Der Weg ist das Ziel
Ob man sich nun für einen Urlaub in der Nähe oder eine Reise ins europäische Ausland entscheidet – die Mobilität spielt eine entscheidende Rolle für die Umweltbilanz. „Die Anreise verursacht laut Berechnungen immerhin etwa 50 Prozent der CO2-Bilanz einer Reise“, so Lund-Durlacher. Wer ins Flugzeug steigt, belastet das Klima deutlich mehr als jemand, der mit dem Zug reist. Zum Glück gibt es mittlerweile zahlreiche attraktive Alternativen: Moderne Nachtzüge verbinden Wien etwa mit Paris, Hamburg oder Venedig – bequem, stimmungsvoll und klimafreundlich. Auch Interrail feiert ein nachhaltiges Comeback: nicht mehr als Rucksackabenteuer, sondern als entschleunigte Entdeckungsreise mit Zwischenstopps in Biohotels, familiengeführten Pensionen oder innovativen Stadthotels.
Kleine Entscheidung, große Wirkung
- Direkt buchen: Wer bei kleinen, regionalen Anbietern reserviert, stärkt lokale Strukturen.
- Weniger ist mehr: Lieber einmal im Jahr bewusst reisen als mehrmals spontan und unreflektiert.
- Länger bleiben: Wer länger an einem Ort verweilt, reist entspannter und ökologischer.
- Bewusst packen: Wer minimalistisch packt, reist nicht nur leichter, sondern schont auch Ressourcen. Wiederverwendbare Trinkflaschen, feste Seifen, umweltfreundliche Sonnencreme – kleine Helfer, große Wirkung.
- Zug statt Flug: Eine Anreise mit Bahn oder Bus vermeidet bis zu 90 Prozent der Emissionen im Vergleich zum Flug.
- Unterkunft: Kleine, familiengeführte Pensionen oder zertifizierte Hotels statt Hotelketten. Achten Sie auf Bio-, Umwelt- oder EMAS-Zertifikate.
- Ressourcen schonen: Handtücher mehrmals benutzen, Müll vermeiden, bewusst Wasser & Strom sparen.
- Verpflegung: Lokale Küche aus der Region unterstützt Menschen vor Ort und vermeidet unnötige Transporte.
- Mobilität vor Ort: Öffis, Fahrrad oder zu Fuß – nicht nur nachhaltiger, sondern auch intensiver im Erleben.
Auch bei der Wahl der Unterkunft lässt sich viel bewegen. Immer mehr Häuser setzen auf konsequent ökologische Standards – von Solarenergie über Abfallvermeidung bis hin zu regionaler Bioküche. Wer hier übernachtet, unterstützt ein Tourismusmodell, das soziale Verantwortung ernst nimmt: faire Löhne, kurze Lieferketten und umweltfreundliches Wirtschaften werden zum Markenzeichen. Orientierung bieten Gütesiegel wie das Österreichische Umweltzeichen, „Bio Hotels“ oder das EU-Ecolabel sowie Initiativen wie „Sleep Green Hotels“, „Bio Hotels“ oder „Green Pearls“.
Und auch beim Essen gilt: Nachhaltigkeit schmeckt. Wer lokale Spezialitäten genießt, stärkt nicht nur die regionale Wirtschaft, sondern verkleinert auch den CO₂-Fußabdruck. Ob eine einfache Almjause mit Bauernbrot und Käse, ein kreatives Wildkräuter-Menü im Waldviertel oder vegane Haubenküche in der Stadt – kulinarischer Genuss und Umweltbewusstsein schließen einander längst nicht mehr aus.
Schließlich bietet auch das Freizeitprogramm viele Möglichkeiten, Achtsamkeit mit Erlebnis zu verbinden: geführte Wanderungen, Fahrradtouren, Workshops mit regionalen Produzentinnen, Kreativkurse, Marktbesuche oder eine morgendliche Yogaeinheit am See – wer bewusst unterwegs ist, entdeckt oft mehr als in klassischen Urlaubspaketen. „Auch hier zeigt sich, dass Frauen eher Aktivitäten wählen, welche die Umwelt weniger belasten, weil sie sich grundsätzlich mehr für die Themen Gesundheit, Sport und Kreativität interessieren“, weiß Lund-Durlacher.
Es geht auch anders – und besser
Nachhaltiges Reisen ist längst kein Nischenthema mehr, sondern ein wachsender Trend – getragen von bewussten Konsumentinnen, die nicht nur sich selbst, sondern auch der Welt etwas Gutes tun wollen. Die erfreuliche Nachricht: Genuss, Komfort und Nachhaltigkeit müssen sich nicht ausschließen – sie können sich sogar gegenseitig bereichern.
Wer sich auf bewusstes Reisen einlässt, kommt erholter zurück – mit dem Gefühl, einen Unterschied gemacht zu haben. Und wer einmal erlebt hat, wie erfüllend nachhaltiger Tourismus sein kann, wird vielleicht nie wieder anders verreisen wollen.
Zur Person
Dagmar Lund-Durlacher ist Professorin Emerita am Department for Tourism and Service Management an der Modul University Vienna.
Mehr Infos zur Expertin gibt es hier.
