Psychotherapeut Philipp Lioznov arbeitet mit traumatisierten Frauen. Viele von ihnen haben Gewalt erlebt. Was macht das mit einem Menschen?
Gewalt ist nie ein leichtes Thema. Sobald ein Mensch einem anderen körperlichen oder seelischen Schaden zufügt, greift er gleichzeitig eines unserer wertvollsten Bedürfnisse an: unsere Unversehrtheit. Und den Glauben daran, dass wir in Sicherheit sind. Vor allem als Frau lernen wir schnell, dass Sicherheit eine bequeme Illusion in einer unübersichtlichen und komplexen Welt ist. Also eignen wir uns früh Schutzstrategien an, wir vermeiden Orte in der Dunkelheit und bereiten uns in Gedanken auf den schlimmsten Fall vor.
Gewalt gegen Frauen wirkt nie nur im Einzelfall – sie wirkt sich direkt oder indirekt auf uns alle aus. Das zeigt auch ein Blick in die Psychologie von Gewalt. „Gewalt ist nie nur ein Schlag oder ein lautes Anschreien“, sagt der Wiener Psychotherapeut Philipp Lioznov. Sie verletze immer Grundbedürfnisse: Sicherheit, Würde, Autonomie und Bindung. Und sie sei ein gesamtgesellschaftliches Problem mit psychologischen Auswirkungen. Was das für uns bedeutet und wie Betroffene mit Gewalterfahrungen umgehen können, hat er uns im Interview erklärt.
Sie haben als Traumatherapeut oft Kontakt zu Menschen, die Gewalt erlebt haben. Was genau macht Gewalt mit der Psyche?
Philipp Lioznov: Gewalt verletzt immer Grundbedürfnisse: Sicherheit, Würde, Autonomie. Sie greift damit in die Identität eines Menschen ein und kann verschiedene Symptome hervorrufen: Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen, ein zerbrochenes Selbstwertgefühl. In schweren Fällen entwickeln Menschen auch Essstörungen, Suchtprobleme oder selbstverletzendes Verhalten. Gewalterfahrungen isolieren Betroffene. Gewalt zerstört unser Vertrauen und gefährdet damit Beziehungen und Zukunftsvorstellungen.
Viele stellen sich Gewalt erst einmal körperlich vor. Ist das zu kurz gedacht?
Viel zu kurz. Psychische oder emotionale Gewalt ist oft subtiler – aber nicht weniger zerstörerisch. Und viele erkennen sie erst sehr spät als das, was sie ist. Oft sind dies aber die Formen der Gewalt, die am längsten nachwirken. Betroffene erzählen von Flashbacks, emotionaler Taubheit und Hypervigilanz. Das bedeutet, ihr Körper ist ständig im Alarmzustand.
Was sich wiederum auch auf den Körper auswirken kann…
Genau. Körper und Psyche sind ein System, Trauma speichert sich deshalb nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Körper. Betroffene klagen über chronische Schmerzen, Migräne oder Magen-Darm-Beschwerden. Der Körper erinnert sich manchmal sogar deutlicher als der Verstand.
Gibt es Menschen, die eher von Gewalt betroffen sind?
Ja – aber nicht im Sinne eines ‚Opfer-Typs‘. Wer in der Kindheit Gewalt erlebt hat oder Zeuge von Gewalt war, hat ein erhöhtes Risiko, später erneut Opfer (oder Täter) zu werden. Menschen, die ökonomisch, sozial, emotional oder in ihren Entscheidungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, gelten als vulnerabler. Das Ganze hat weniger mit ‚Schwäche‘ zu tun, sondern vielmehr mit Kontext, Biografie und (Macht-)Strukturen.
Also vor allem mit unserer Gesellschaft?
Absolut. Patriarchale Strukturen, Armut, soziale Ausgrenzung – all das erhöht das Risiko von Gewalt. Wir dürfen nicht vergessen: Gewalt ist kein individuelles Problem. Es ist ein gesellschaftliches.
Ein gesellschaftliches Problem, das viele Individuen betrifft. Was können Betroffene tun?
Oft ist es schwierig, psychische oder emotionale Gewalt als „echte“ Gewalt zu erkennen. Diese Erkenntnis ist ein erster Schritt. Dabei helfe ich täglich Menschen in meiner Praxis. Gerade bei komplexen Traumata braucht es Expertise und Unterstützung dabei, die Gewalterfahrungen als solche anzuerkennen.
Und wie geht es dann weiter?
Verlässliche Beziehungen können Schutz und Rückhalt bieten. Isolation begünstigt häufig eine Verfestigung der Symptome. Im Idealfall haben Betroffene also belastbare soziale Beziehungen. Selbstfürsorge ist natürlich auch wichtig, aber sie ersetzt keine sichere Umgebung. Feste Routinen und psychoedukatives Wissen kann auch helfen – aber niemand heilt allein.
„Oft haben Täter selbst Gewalt erlebt.“
Apropos Umfeld: Was können Angehörige tun?
Zuhören – und vor allem nicht urteilen. Viele Betroffene schweigen jahrelang, weil sie Angst haben, nicht ernst genommen zu werden. Es gilt also, unvoreingenommen die Erlebnisse anzuerkennen. Und Unterstützung anzubieten, ohne zu drängen.
Gewalt entsteht selten über Nacht. Welche Warnsignale gibt es in Beziehungen?
Übertriebene Kontrolle innerhalb einer Partnerschaft, ein bestehendes Machtungleichgewicht oder starke Eifersucht und Isolation können eine Grundlage von Gewalt sein. Auch chronischer Stress oder finanzielle Belastungen können entsprechende Dynamiken verstärken. Auch Traumata, die nicht verarbeitet wurden, können die Beziehung negativ beeinflussen. Eine Garantie gibt es natürlich nie, dass in solchen Beziehungen Gewalt entsteht – oder eine Beziehung, die keines dieser Merkmale aufweist für immer gewaltfrei bleibt.
Wechseln wir einmal die Perspektive: Wie wird ein Mensch zum Täter?
Aus psychologischer, soziologischer und kritisch-psychologischer Perspektive ist die Entstehung von Täterschaft komplex und multifaktoriell. Sie lässt sich selten auf eine einzige Ursache zurückführen. Oft haben Täter selbst Gewalt erlebt. Oder sie haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu regulieren. Manche wachsen in Rollenbildern auf, in denen Dominanz als normal gilt. Täterschaft entsteht meist aus einem Zusammenspiel aus Biografie, Psyche und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Wenn Empathie verloren geht und das Gegenüber entmenschlicht wird, wird Gewalt möglich. All das darf nie eine Entschuldigung für Gewalt sein – aber dieses Wissen kann uns helfen, Prävention zu betreiben.
Wie lässt sich Gewalt konkret verhindern?
Wir müssen früh und breit über Gewalt aufklären. Das bedeutet zum Beispiel, mehr emotionale Bildung in Kitas und Schulen, mehr Aufklärung über Geschlechterrollen und die Bedeutung stabiler sozialer Netze. Menschen – vor allem Kinder und Jugendliche – müssen lernen, sich abzugrenzen, eigene Grenzen wahrzunehmen und ihren Selbstwert zu entwickeln. Und danach brauchen wir mehr Therapieangebote, Schutzräume und niedrigschwellige Hilfe für Betroffene.
Und auf politischer Ebene?
Jeder Kampf gegen Ungleichheit ist ein Engagement gegen Gewalt. Das bedeutet, wir brauchen Maßnahmen gegen Armut, soziale Ungleichheit und patriarchale Strukturen. Das ist die wirksamste Prävention, die wir leisten könnten.
Zur Person
Philipp Lioznov ist Psychologe (MSc) und staatlich anerkannter Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) mit über zehn Jahren klinischer Erfahrung in der Arbeit mit Menschen, die Belastendes erlebt haben, Orientierung suchen oder sich nach Veränderung sehnen. Studium an der Universität Wien, psychotherapeutische Ausbildung an der Sigmund Freud Privatuniversität.
Sie sind von Gewalt betroffen? Hier gibt es Hilfe!
- Frauenhelpline gegen Gewalt: Telefonnummer 0800 222 555
- Rat auf Draht: Telefonnummer 147
- Polizei: Telefonnummer 133
- Eine Liste mit allen Telefonnummern der Bundesländer finden Sie bei den „Autonomen Frauenhäusern“
