Musik, Klänge und Geräusche können Heimat sein und ein Leben lang Geborgenheit und Identität schaffen.
Wenn es um Nostalgie und Sehnsucht geht, denken wir meist ans Schmecken und Riechen. Erinnerungen werden intuitiv geweckt, wenn ein Geschmack von früher auf der Zunge liegt, der Geruch von lang Vertrautem in die Nase steigt. Aber: Wie klang die Kindheit eigentlich? Welchen Sound hatte die Jugend? Welche Geräusche prägten das Zuhause?
Ein Gute-Nacht-Lied, ein Vogelzwitschern, ein Song aus der Schulzeit, die Geräusche eines Ortes können unmittelbar Erinnerungen wecken. Die Musik, die wir im Laufe des Lebens hören und die uns begleitet, wird wie ein eigener Soundtrack, der über uns und unsere Geschichte erzählt.
So wie es in einer anderen Familie verlässlich nach frisch gebackenem Kuchen roch, war es für mich das Selbstverständlichste, fast täglich die Jazzimprovisationen meines Vaters zu hören. Selbst als er durch eine schwere Krankheit kaum mehr sprechen, nicht mehr Autofahren und nicht mehr gut essen konnte, spielte er weiter Klavier. Zuerst noch mit einer Hand, dann schließlich nicht mehr. Damals verstand ich, dass mit ihm langsam auch meine vertrauteste Hintergrundmusik verschwand. Und dass diese auch ein wichtiger Teil meines Lebens war.
Ein Stück Menschsein
Musik als Heimat ist mehr als Kinderlieder, die prägenden Songs der Jugend, auch mehr als ein erlerntes Instrument. Es ist gewissermaßen die „Musik in uns“, die wir im Laufe eines Lebens hören, entdecken und erklingen lassen. Das kann auch der Sound der Umgebung sein, mit dem wir aufwachsen. Wie klingt es, wenn wir das Fenster zuhause öffnen? Nach Taubengurren im Vorort, nach Möwenkreischen in Meeresnähe oder nach hupenden Autos und Sirenen in der Megacity? Musik kann auch Heimat sein, wenn wir singend, musizierend oder summend in uns versinken und zur Ruhe kommen – das muss nicht unbedingt das „Om“ im Yoga sein, es kann auch das Brummen sein, das ein Baby und damit auch die Eltern beruhigt, oder ein Pfeifen, während man alleine im Wald spazieren geht.
Tanja Conrad, Opernsängerin, Musikpädagogin und Expertin für gewaltfreie Kommunikation, hat sich intensiv mit der Wirkung von Musik auf uns Menschen beschäftigt. In ihrem Buch „Kleine Töne, große Wirkung“ stellt sie Musik, Familie und Entwicklung in einen großen Zusammenhang. „Musik ist Teil unserer Existenz, ohne Musik würde ein Stück Menschsein fehlen“, sagt sie. „Rhythmus und Takt geben uns Stabilität.“ Schon im Mutterleib und als kleines Kind werden unsere musikalischen Erinnerungen geschaffen, „nicht auf kognitiver Ebene, sondern emotional-körperlich. Die Musik ist im ganzen Körper zu spüren.“ So schaffe Musik „Geborgenheit, aber auch Bindung, Identität und letztlich das, was man Heimat nennt“. Musik sei auch die beste Gewaltprävention, weil wir lernen, aufeinander zu hören. Warum schafft es Musik, uns zu beruhigen und so zu emotionalisieren wie kaum etwas anderes? „Bei Musik und Klängen sind alle Wahrnehmungskanäle vereint, unser ganzer Körper ist dabei. Rhythmus ist eine Urgewalt, die uns sofort erreicht.“
Tanja Conrad. Kleine Töne, große Wirkung. Musik als Schlüssel zum Familienglück. Vandenhoeck & Ruprecht Verlage. 26,95 Euro
