In ihrem Buch „Entromantisiert euch!“ nimmt die Geschlechterforscherin Beatrice Frasl die romantische Paarbeziehung unter die Lupe. Diese sei vor allem für Frauen voller Nachteile.
Ihr neues Buch heißt „Entromantisiert euch!“. Wie ist es entstanden?
Bei der Recherche zu meinem letzten Buch, „Patriarchale Belastungsstörung“, habe ich mir die Frage gestellt, welche Strukturen es eigentlich sind, die uns belasten und krank machen. Dabei wurde klar, wie unfassbar wichtig Beziehung, Bindung, Gemeinschaft für unsere psychische und körperliche Gesundheit sind, wie dringend wir es als Menschen brauchen, in Beziehungen zu anderen zu stehen. Und: Es kam mir aus verschiedenen Studien immer wieder unter, dass gerade in der Konstellation, die immer als der Prototyp von Beziehung betrachtet wird, nämlich in der heterosexuellen Paarbeziehung, Männer glücklicher und gesünder sind und Frauen eben nicht.
In einer Paarbeziehung zu sein, bringt also für Männer einen Vorteil und für Frauen einen Nachteil. Haben wir die romantische Liebe bisher völlig falsch oder zu einseitig interpretiert?
Ja. Wenn wir Liebe sagen, meinen wir immer nur die romantische Liebe, meistens in ihrer monogamen und heterosexuellen Form. Andere Lieben bezeichnen wir überhaupt nicht als solche, erkennen und wertschätzen sie nicht und geben ihnen nicht den Raum, den sie vielleicht verdient hätten. Dabei gibt es viele Formen von Liebe, die nicht romantischer oder sexueller Natur sind, die schön sind, die tragend sind. Sie werden auch von der romantischen Liebe verstellt, von diesem Fokus auf romantische Liebe, von ihrer Privilegierung und Priorisierung. Ich beschreibe die romantische Liebe immer wie so einen Berg, der zwischen uns und anderen Formen der Liebe steht.
Viele Frauen, die in einer – vielleicht sogar sehr langen – romantischen Paarbeziehung leben, sind jetzt vermutlich irritiert. Was raten Sie ihnen?
Ich plädiere dafür, Freundschaften mehr ins Zentrum zu stellen, sie auch als Partnerschaften zu verstehen. Eine lange Freundschaft ist eine Form von Partnerschaft, die man wahrscheinlich bislang nie so bezeichnet hat. Und wir sollten sie in dem Ausmaß wertschätzen, wie wir das bislang mit der romantischen Paarbeziehung gemacht haben. Die romantische Liebe ist wie ein Heilsversprechen, dass da ein Lebensglück auf uns wartet, gerade für Frauen. Es ist verbunden mit der Idee, dass wir dort Sinn und all unsere Bedeutung finden, dass all unsere Beziehungsbedürfnisse dort erfüllt werden. Und ganz platt gesagt: Das kann natürlich ein Mensch alles nie erfüllen. Deshalb macht es Sinn, etwas von dieser Überhöhung wegzunehmen und anderen Beziehungen mehr Bedeutung zuzusprechen. Ich glaube, dass dann die romantische Beziehung auch mehr Luft zum Atmen hat.
„Das Glücksversprechen der romantischen Liebe wird nicht eingelöst.“
Welche konkreten Probleme bringt diese Überhöhung vor allem für Frauen mit sich?
Frauen werden von klein auf darauf sozialisiert, wie wichtig die romantische Liebe für sie ist. Nicht nur durch die Erziehung der Eltern, sondern auch durch Bücher, Musik und Filme – erst Disney, dann Rom-Coms. Die Geschichte der Prinzessin, mit der sich Mädchen oft identifizieren, ist eine Geschichte, in der es darum geht, einen Prinzen oder eben einen Mann zu finden. Und wenn ich das als Frau nicht will, ist es komisch. Ich muss mein ganzes Begehren im Leben danach ausrichten, dass das irgendwann klappt, und wenn ich diese Liebe habe, muss sie mein Ein und Alles sein. Und ich bin auch dann dafür verantwortlich, dass diese Liebe erhalten bleibt. Das Glücksversprechen der romantischen Liebe wird aber nicht eingelöst, weil Frauen tatsächlich dann, wenn sie in Beziehungen mit Männern sind, unglücklicher sind als Frauen, die nicht in romantischen Beziehungen sind. Einer der Gründe, warum das so ist, ist eben, dass Frauen in den Beziehungen einen Mehraufwand an Arbeit haben: Care-Arbeit, Fürsorgearbeit und Gesundheitsmanagement.
Sie schreiben, dass Frauen in romantischen Beziehungen oft einsam sind. Wie kann das sein?
Die romantische Paarbeziehung führt ganz oft dazu, dass sich der Kontakt zu anderen Beziehungen verringert. Man sagt, dass pro romantischer Paarbeziehung zwei Freundschaften verloren gehen. Das heißt, sie vereinzelt ein Stück weit. Das kann ein großes Problem sein, vor allem, wenn wir Gewalt in Beziehungen betrachten. Eine Strategie von Tätern ist es, die Opfer zu isolieren. Genau diese Isolation wird bei der romantischen Paarbeziehung aber fast als normal empfunden. Das mag der Extremfall sein. Aber es ist auch dann, wenn eine Beziehung gut läuft, ein Problem, weil wir auch andere Bindungen in unserem Leben brauchen. Gerade Freundschaften sind unfassbar wichtig und auch dann tragend, wenn romantische Beziehungen zerbrechen.
In Ihrem Buch beschreiben Sie die Amatonormativität. Was bedeutet das?
Dass die romantische Beziehung als normative oder ideale Beziehung gilt und alle anderen Beziehungen weniger wichtig sind. Also dass wir in einer Gesellschaft leben, die sagt, es ist das Allerwichtigste, in einer romantischen Paarbeziehung zu sein. Um diese Beziehung herum wird dann alles organisiert – gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, sogar steuerlich. Und auch in unserem individuellen Leben: Es ist klar, mit wem man ein Haus baut, Weihnachten feiert oder auf Urlaub fährt. Du bist die „bessere Hälfte“ deines Partners, aber nicht deiner besten Freundin. Alle anderen Beziehungsformen sind nicht von dieser Vorstellung begleitet, dass Menschen zueinandergehören.
„Es ist immer mein Rat an Frauen, sich mit anderen Frauen zu verbünden.“
Ihr Buch ist schon kritisiert worden, bevor es veröffentlicht wurde.
Es war noch nicht einmal fertig geschrieben, da gab es schon eine Entgegnung, die auf einem Blog publiziert wurde. Ich fand besonders erstaunlich, dass sich jemand berufen fühlt, dem Buch inhaltlich entgegenzuschreiben, obwohl man es noch gar nicht gelesen haben kann.
War das ein Mann oder eine Frau?
Ein Mann. Es ist spannend, dass die Rückmeldungen von Männern und Frauen so unterschiedlich sind. Frauen schreiben mir: „Das ist genau mein Thema. Danke, endlich!“ Und die Reaktion von Männern ist entweder: „Um was geht es da? Ich verstehe es nicht!“ – sie fragen, warum wir jetzt die Liebe problematisieren, obwohl sie doch das einzig Schöne ist, was wir noch haben. Oder eine vehemente Defensivreaktion im Sinne von: „Was soll der Blödsinn?“
Was ist Ihr „Weckruf“ an junge Frauen, wenn es um die Liebe geht?
Sich tatsächlich auf Beziehungen zu Frauen zu konzentrieren, platonische Freundschaften und vor allem Freundinnenschaften ins Zentrum zu stellen. Ich glaube, dass da ganz viel verloren geht, indem wir das nicht tun – auf einer individuellen, aber auch auf politischer und struktureller Ebene.
Wie lautet Ihre Botschaft an Frauen, die ihr Leben einer romantischen Paarbeziehung gewidmet haben?
Genau gleich. Also auch Frauen, die sich 30 Jahre auf ihren Partner konzentriert haben, haben wahrscheinlich Freundinnen, auf die sie sich genauso konzentrieren könnten. Es ist also immer mein Rat an Frauen, sich mit anderen Frauen zu verbünden und auch dahingehend die eigene individuelle Beziehungspraxis zu überdenken.
All das gilt im Grunde auch für Männer, oder?
Ja. Wir wissen, dass einer der Gründe, warum Frauen so viel Fürsorge- und emotionale Arbeit in Beziehungen zu Männern leisten, der ist, dass Männer keine anderen Beziehungen haben. Wenn man Frauen fragt, an wen sie sich wenden, wenn sie ein emotionales Problem haben, nennen sie die beste Freundin, die Mama oder die Schwester – meist also eine enge weibliche Bezugsperson. Nicht den Partner. Und wenn man Männer das Gleiche fragt, nennen sie die Ehefrau oder Partnerin. Das bedeutet auch, dass Frauen in diesen Beziehungen ganz viel Fürsorge für Männer machen. Umgekehrt ist es aber nicht der Fall, weil Frauen sich woanders hinwenden: nämlich an andere Frauen.
Zur Person
Beatrice Frasl ist eine der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes. Die Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Geschlechterforscherin betreibt den Podcast „Große Töchter“ und ist auf Social Media als @fraufrasl präsent.
Buchtipp: Entromantisiert euch! Ein Weckruf. Haymon Verlag
