Allein essen gehen, spazieren ohne Begleitung oder ein Wochenende nur mit sich selbst verbringen? Für manche klingt das großartig, für andere wie eine kleine Krise. Warum Alleinsein stärken kann – und wann daraus Einsamkeit wird.
Es ist Samstagabend. Sabine (47) trägt ihr neues schwarzes Kleid, wirft einen letzten Blick in den Spiegel und macht sich auf den Weg. Nicht mit dem Mann ihres Lebens. Nicht mit ihrer besten Freundin. Sondern mit sich selbst. Denn Sabine hat beschlossen, heute allein in ihr Lieblingsrestaurant essen zu gehen. „Mutig“, sagt ihre Nachbarin. „Traurig“, findet ihre Mutter. „Endlich“, denkt Sabine und bestellt beim Kellner trotzdem erst einmal zwei Gläser Wein. Doch während sie noch genüsslich ihre Freiheit feiert, passiert es: Am Nebentisch sitzt ein Pärchen, dahinter eine laut lachende Freundesrunde, und plötzlich schleicht sie sich ein, diese unangenehme Frage: „Bin ich eigentlich allein – oder doch einsam?“
Eine Frage, die viele Frauen kennen. Denn Alleinsein gehört zum Leben wie Steuererklärungen, Bad-Hair-Days und die Erkenntnis, dass der Beckenboden offenbar doch keine unerschütterliche Konstruktion ist. Trotzdem sprechen wir erstaunlich wenig darüber. Vielleicht auch deshalb, weil Alleinsein in unserer Gesellschaft oft missverstanden wird: Wer allein ist, gilt schnell als verlassen, traurig oder sozial gescheitert.
Zwischen Ruhe und Schmerz
„Psychologisch betrachtet ist Alleinsein zunächst einmal ein neutraler Zustand. Man ist gerade ohne andere Menschen. Mehr nicht“, definiert die deutsche Diplom-Psychologin Ulrike Scheuermann den Begriff. „Alleinsein kann selbstgewählt und angenehm sein – ein Moment der Stille, der Erholung, der Besinnung, des schöpferischen Kreativseins.“ Einsamkeit hingegen ist ein belastendes Gefühl, ein schmerzhaftes Sehnen nach Kontakt und Verbundenheit. Der Unterschied klingt simpel, ist aber wichtig. Denn man kann mitten auf einer Party einsam sein und allein im Wald zutiefst mit sich selbst verbunden. Genau darin liegt das Paradoxon moderner Einsamkeit.
