Im Dezember jährt sich der Geburtstag der großen englischen Autorin Jane Austen zum 250. Mal. Warum man die Schriftstellerin nicht oft genug feiern kann.
Man kann in Jane-Austen-Romanverfilmungen schwelgen, in Jane-Fanclubs Mitglied werden, mit Jane Austen kochen, sticken und sogar Bingo spielen, auf ihren Spuren durch England reisen, Austen-Netflix-Serien ansehen oder aus Jane-Austen-Häferln Tee trinken. Im Austen-Jubiläumsjahr 2025 kann und konnte man zudem an „Mr. Darcy’s Afternoon Teas“ in Bath teilnehmen, eine neue „Jane Austen’s Fashion Bible“ studieren oder eine brandneue Graphic Novel über ihr Leben lesen. „Austenmania“ – so übrigens auch der Name einer Jubiläumsausstellung – überall!
Das ist ein ziemlich üppiges Nachleben für eine schreibende Pastorentochter der Zeit um 1800, die sich ihr Leben lang ein Zimmer mit ihrer Schwester teilte, nie heiratete und materiell vom Vater und den Brüdern abhängig blieb. Doch Jane Austen verfügte über große innere Freiheit und erschuf unvergessliche Romanheldinnen, die von ihr in ihren Geschichten just deshalb mit wahrer Liebe und Hochzeit belohnt werden, weil sie – wie die Autorin selbst – eigensinniger, gebildeter und unkonventioneller sind als in ihren Kreisen üblich: die vernünftige Elinor Dashwood aus „Verstand und Gefühl“, die ungestüme Elizabeth Bennet aus „Stolz und Vorurteil“, die erfolgsverwöhnte Emma Woodhouse aus „Emma“ oder die treue Anne Eliot aus „Überredung“. In die Charaktere dieser Frauen steckte Jane Austen ihre subtile Gesellschaftskritik.
Satirische Sittengemälde
Austen war ein Kind der Regency-Ära, eine Zeitgenossin von Goethe, Kleist oder Mozart. In ihre Lebenszeit – 1775 bis 1817 – fiel nicht nur die beginnende Industrialisierung, sondern auch die Napoleonischen Kriege und die ihnen vorausgegangene Französische Revolution. Von all diesen Umbrüchen steht so gut wie kein Wort in Austens Romanen. Die große Welt bleibt draußen und ist doch in ihrem klar umrissenen Mikrokosmos enthalten: Bei diesem handelt es sich um das Milieu des niederen Adels und wohlhabenden Bürgertums in den ländlichen Grafschaften rund um London. Weiter ist auch die Autorin selbst nie gekommen.
„In unserer Familie liest man Romane und schämt sich dessen nicht.“
Ihre Werke – sechs Romane, zwei Romanfragmente und zahlreiche kürzere Jugendwerke verschiedener Genres – sind zum überwiegenden Teil satirische Sittengemälde einer Welt, die für Männer Jagd und Vermögensverwaltung, für Frauen Klavierspiel und Handarbeit und für alle gemeinsam einen endlosen Reigen von Nachbarschafts- und Verwandtenbesuchen, Dinners und Bällen im vorrangigen Dienste der Einfädelung günstiger Eheschließungen vorsah – inklusive eines hochkomplexen Regelwerks gesellschaftlicher Dos and Don’ts.
Ein Paar, das öfter als zweimal miteinander tanzte, war praktisch schon verlobt. Eines, das sich Briefe schrieb, ebenfalls. Austens zeitgenössische Leser:innen wussten solche Botschaften zu entschlüsseln. Heutige mögen die Zeichen übersehen. Das Erstaunliche ist, dass sich Jane Austens Beziehungsgeflechte auch ohne dieses Wissen erschließen. Ein klassisches Austen-Einstiegsszenario, das den Knoten der Geschichte schürzt, klingt – mit dem berühmten ersten Satz aus „Stolz und Vorurteil“ – so: „Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines hübschen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.“
Jane Austens Autorinnenzeile: „By a Lady“
Das Schreiben von Romanen galt in diesen müßigen, besitzenden Kreisen voller Herrenhäuser, Kutschenfahrten, Garderobewechsel und rosenumrankter Cottages als undamenhaft, mehr noch: Es war geradezu skandalös. Romane waren im Vergleich zu Lyrik und Dramatik das (noch junge) Schmuddelgenre der Literatur. Wenn also die 23-jährige Jane Austen in einem Brief schreibt: „In unserer Familie liest man Romane und schämt sich dessen nicht“, dann ist das fast schon eine Kampfansage und zeigt, dass im Hause Austen, in dem alle gut miteinander auskamen, ein ziemlich aufgeklärter Geist wehte. Sicherheitshalber publizierte aber auch sie zeitlebens anonym. „By a Lady“ lautete ihre Autorenzeile.
Die Bedingungen, unter denen sie schrieb, sind legendär: „Wie sie imstande war, das alles zu bewerkstelligen“, erinnerte sich später ihr Neffe James-Edward Austen-Leigh, „ist überraschend, denn sie hatte kein separates Arbeitszimmer, in das sie sich zurückziehen konnte, und der größte Teil der Arbeit musste im gemeinsamen Wohnzimmer geleistet werden, wo man allen Arten zufälliger Unterbrechung ausgesetzt war.
Sie achtete darauf, dass ihre Arbeit von Bediensteten oder Besuchern oder gar von irgendwelchen Personen außerhalb der eigenen Familie nicht vermutet wurde.“ Betrat jemand den Raum, versteckte sie das Geschriebene unter einem Löschblatt. Außerhalb ihrer Familie wusste lange Zeit niemand, dass die vier zu ihren Lebzeiten erschienenen Romane, zu deren Bewunderer:innen sogar der Prinzregent zählte, aus Jane Austens Feder stammten. Erst drei, vier Jahre vor ihrem Tod wurde das zu einem offenen Geheimnis.
Meisterwerke der Literatur
Ihr Thema seien „häusliche Szenen auf dem Lande“, schrieb sie einmal: eine ziemliche Untertreibung für die subtilen Beziehungsreigen, blitzgescheiten Beobachtungen und messerscharfen Dialoge, die Austen in ihren Romanen entfesselte und die allesamt zum Kanon der Meisterwerke der englischsprachigen Prosaliteratur zählen. Und doch stimmt es. Alles darin ist Alltag.
Man kann sich an Jane Austens Romanen einfach als an einer Art historisch-romantischen Regency-Soap-Operas über Liebe und Partnerwahl erfreuen oder voller Bewunderung bis in den Satzbau hinein bestaunen, wie kunstvoll sie gemacht sind. Trotzdem ist das Gerücht, Austens Stil sei einfach, weit verbreitet. Simpel ist bei Jane Austen allerdings gar nichts. Sie ist nur auf erstaunliche Weise und über die Jahrhunderte hinweg massenkompatibel. Die einen lieben ihre romantischen Happy Ends, die anderen das screwballkomödienartige Pingpong-Feuer ihrer Dialoge. Wieder andere lieben einfach nur Colin Firth in der Rolle des hochmütigen, doch aus Liebe wandlungsbereiten Mr. Darcy, wenn er in der BBC-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“ aus dem Jahr 1995 mit nassem Hemd einem Teich entsteigt.
So gut wie jeder und jedem von uns ist Jane Austen wohl schon in der einen oder anderen Form untergekommen. Die Legionen der unzähligen Austen-Bewunderer:innen haben – nach einer Wortprägung von „Dschungelbuch“-Erfinder Rudyard Kipling – sogar einen eigenen Namen: „Janeites“.
Buch zum Thema:
Janine Barchas/Isabel Greenberg: Jane Austen. Ihr Leben als Graphic Novel. Penguin Verlag
