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Zum Hindurchschlüpfen<br>ab 3 Jahren

Ein Loch im Socken – ach du Schreck! – hat in meiner Kindheit oft Stress ausgelöst. Möglichst schnell musste das in Ordnung gebracht werden. Wie kommst denn du daher! Meiner Mutter war es immer wichtig, dass wir ordentlich angezogen waren. Meine Großmutter väterlicherseits hat mir einmal sogar „bei lebendigem Leib“ ein Loch in meiner Strumpfhose zugenäht. Eine schöne Erinnerung, weil sie peinlich darauf achtgab, mir ja nicht wehzutun. Das Stopfholz war mein Zehennagel!

Zehen bohren sich halt gern ins Freie, kein Grund, sich zu schämen.

„He, du kriegst Besuch!“, lachend hat mich meine beste Freundin angestoßen. Wir waren beide noch Kindergartenkinder. Ich hab sie nur verständnislos angeschaut. „Ja, da! Von deiner Zech`n!“

 

Löcher, Lücken, Höhlen: Isabel Pins kompaktes Pappbuch kreist um ein ergiebiges Thema. Der Abgrund eines Kraters auf dem Mond, das Loch im arktischen Eis als Nahrungsquelle für fischende Inuit, Erdhöhlen als Behausung krabbelnder Tiere, das Missgeschick eines durchradierten Zeichenblattes, der Abfluss der Badewanne, das Loch im Käse, das Schlüsselloch … Pins Löcher rücken nach und nach in greifbare Nähe. Ihre Serie schließt überraschend mit einem innigen Moment.

Dieses Nicht-Ding, das Nichts im Etwas, die Leere neben der Fülle, die Lust an der Lücke, die Notwendigkeit der Pause ist faszinierend auch für uns Erwachsene. Meine Sehnsucht nach Stille, einfach nichts mehr, ist oft riesengroß in der überfordernden Masse der Optionen. Friedvoll atmendes Innehalten hilft mir.

 

In die kahle Mondlandschaft hat Isabel Pin für uns Große eine rote Rose unter die Glasglocke gestellt – ein Gruß an Saint-Exupérys Prinzen. Und der Auftrag, füreinander da zu sein, sich um alles Leben zu sorgen.

There is a crack, a crack in everything / That´s how the light gets in … singt Leonard Cohen in seinem Song Anthem.

Die Lücke im Grenzzaun ist an den Außenfronten Europas zum gerade noch rechtzeitigen Hindurchschlüpfen überlebenswichtig. Unser Streben nach Sauberkeit und Ordnung, Perfektion und klaren Regeln wirkt komplett fehl am Platz. Nun sind Durchlässigkeit, Flexibilität, Licht, Luft und Liebe gefragt.

 

 

Isabel Pin:

Die Geschichte vom kleinen Loch

Ab 3 Jahren

Beltz & Gelberg 2012

ISBN 978-3-407-79484-0

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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