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Wir Vertriebenenkinder

Flucht und Vertreibung als Familienthema ist schweres Gepäck, das man am besten 
nicht alleine trägt. Doch gerade die Vertreibungsopfer der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die sogenannten „Volksdeutschen“, zu denen auch die Donauschwaben gehören, sind aus der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verschwunden. Als Tochter donauschwäbischer Einwanderer habe ich mich auf die Suche gemacht.

Schon als Kind war es nicht einfach, meine Herkunft zu verstehen. „Meine Mutter stammt aus der Batschka“, musste ich sagen, wenn die Rede auf ihr Geburtsland kam, oder „Mein Vater kommt aus dem Banat“. Batschka, Banat? Kaum jemand konnte mit diesen Ortsangaben etwas anfangen. Und dann war da immer auch die Rede von „den Donauschwaben“, die im familiären Umfeld die Gespräche bestimmten und für die ich außerhalb desselben meistens nur Kopfschütteln erntete – was übrigens bis heute so geblieben ist.
Als Jugendliche, die dazugehören wollte, lehnte ich deshalb zunächst sicherheitshalber einmal alles ab, was mit meiner donauschwäbischen Herkunft in Zusammenhang stand. Als Studentin nahm ich das Ringen um ein Verstehen und Einordnen auf einer anderen Ebene zwar wieder auf, fand aber kein Forum dafür, was mich beschäftigte. Damals herrschte – wie ich allerdings erst viel später verstehen konnte – noch „Opferkonkurrenz“ und eine tiefe Polarisierung in der Debatte um Schuld und Unrecht, um Täter und Opfer. Da die Deutschen einen Angriffskrieg geführt hatten, konnte man sich deutsche Opfer von Krieg und Vertreibung nicht vorstellen beziehungsweise schien es nicht legitim, auch darüber nachzudenken. Über die Enteignung der deutschen Minorität in Jugoslawien, das Unrecht der Kollektivschuldthese und über die Schrecken der jugoslawischen Internierungslager zu sprechen, erschien wie eine Schmälerung der Leiden von Hitlers Opfern und führte schnell dazu, ins rechte Eck gestellt zu werden.

SPRECH- UND GEFÜHLSVERBOT
Ein gesellschaftliches Sprechverbot kommt einem Gefühlsverbot gleich, was mich – wie vermutlich viele Angehörige meiner Generation – in eine tiefe Ambivalenz stürzte, denn es gab das gesellschaftliche Tabu und die Abwertung; und es gab die sehnsuchtsvollen, wehmütigen, stolzen Erzählungen der Großeltern und Eltern von der „alten Heimat“, es gab all das Gesagte und Ungesagte über Erfahrungen von Unrecht, Angst, Gefangenschaft und Flucht, all die Gefühle von Trauer, Abschied, Verbitterung, aber auch von Hoffnung und Akzeptanz. Wie damit umgehen? Die Privatisierung einer kollektiven Erfahrung fordert somit auch die nächste Generation heraus, die Kinder der Vertriebenen.
Die Geschichte der Donau­schwaben begann, lange bevor ihr Name geprägt wurde. Nach dem Ende der Türkenkriege siedelten die Habsburger planmäßig Menschen in den vom Krieg gezeichneten Ländereien entlang der Militärgrenze im damaligen Ungarn an. Im Laufe des 18. Jahrhunderts kamen deutsche, aber auch französische und italienische AnsiedlerInnen und KolonistInnen in das später auch Vojvodina genannte Gebiet zwischen Donau und Theiss und gründeten dort neue Dörfer. Von der ansässigen Bevölkerung wurden sie „svabe“, „Schwaben“, benannt.

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Zur Person

Dorothea Steinlechner-Oberläuter ist Österreicherin und das Kind donauschwäbischer Einwanderer. Sie lebt in Salzburg und arbeitet als Schulpsychologin und Psychotherapeutin. Neben zahlreichen fachlichen Publikationen hat sie das Buch „Mein Donauschwabien. Wie ich nicht aufhören konnte, über meine Herkunft nachzudenken“ (Edition Tandem, 24,90 Euro) veröffentlicht. Es verbindet eigene Geschichte mit Sachinformation und psychologischer Interpretation.

Die Donau­schwaben

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns als Folge des Ersten Weltkrieges wurden die Siedlungsgebiete der Donauschwaben im ehemals österreich-ungarischen Reich durch die alliierten Mächte dreigeteilt. Ein Teil verblieb bei Ungarn, der zweite Teil wurde Rumänien zugeteilt und der dritte Teil fiel an den neu gegründeten Staat Jugoslawien.

Foto: privat

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/18