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06/2026

Wie kann man noch Männer lieben, Barbara Blaha?

Wie kann man noch Männer lieben, Barbara Blaha?
Foto: markuszahradnik.com
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  • Veröffentlicht: 02.04.2026
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Wie steht es um den Feminismus? Und wie steht es um die Gleichstellung von Frauen in Österreich aktuell? Anlässlich ihres neuen Buches „Funkenschwestern“ zieht Barbara Blaha im Interview Bilanz.

In ihrem neuen Buch, „Funkenschwestern“, zieht sie Bilanz: Wie steht es um den Feminismus? Wie geht es den Frauen? Mit welchen strukturellen Ungerechtigkeiten hat jede von uns zu kämpfen? Und: wie können wir eine bessere Welt gestalten? Barbara Blaha, Gründerin des Momentum Instituts, Feministin, „Quotenfrau“ und eine, die immer fundiert recherchierte Zahlen parat hat. Wir haben sie zum Gespräch getroffen und mit ihr gemeinsam über die aktuellen Entwicklungen für Frauen, die Anforderungen an Männer und ihre Definition von Feminismus gesprochen.

Das Buch liest sich einerseits wie eine Bestandsaufnahme, andererseits kann man es als Grundlagenwerk verstehen. Für wen hast du das Buch geschrieben?
Tatsächlich habe ich das Buch für alle geschrieben. Meine Idee war: Ich möchte ein Buch schaffen, das für unterschiedliche Gruppen von Menschen funktioniert. Zum Teil ist es eine Bestandsaufnahme. Wir schauen ein bisschen nach: Wie geht es den Frauen derzeit gerade ganz konkret? Das ist etwas, das eine Frau, die sich sehr mit feministischen Themen auseinandersetzt, nicht überraschen wird. Da hat sie wahrscheinlich selber einen guten Überblick. Darum habe ich mich bemüht, Zahlen, Daten, Fakten und Studien hineinzumischen, die man nicht auf den ersten Blick parat hat. Das zweite, was mir ein ganz großes Anliegen war, Leute zu erwischen, die sich mit Feminismus noch nicht so gut auskennen und das Gefühl haben, das Thema sei eigentlich erledigt. Ich wollte also auch ein Werk zu schaffen, das beim Einstieg hilft. Das war mir deshalb so wichtig, weil ich finde, dass viele Diskussionen, oft so geführt werden, dass Menschen, die noch nicht im Thema drin sind, gar nicht daran teilhaben können. Sie sind kompliziert, es wird mit Fachwörtern um sich geworfen, sie sind wenig zugänglich. Das ist aber nicht meine Vorstellung von einer feministischen Debatte. Ich finde, alle sollen mitreden können.

„Ein Mann wird nicht unterbrochen, weil man ein Mann ist. Seiner Expertise wird eher geglaubt.“
Barbara Blaha

Wie fällt diese Bestandsaufnahme aus? Wie geht es uns Frauen hier und heute?
Tatsächlich ist es so, dass wir am Papier unfassbar viel erreicht haben. Juristisch ist alles in Ordnung – aber in der Realität halt nicht. Mir hilft das Gesetzbuch wenig, wenn mein Leben sich nicht danach richtet, sondern ganz anders gestaltet ist. Wir lernen alle immer noch, dass Männer und Frauen in irgendeiner Weise unterschiedlich sind, indem wir Kinder von Geburt an anders behandeln, je nachdem, ob wir ein Mädchen oder ein Bub sind. Wenn Menschen ein Kind beschreiben, und glauben, es ist ein Mädchen, dann bieten sie ihm eher an: die Puppe, das Stofftier, das Süße, Niedliche, beschreiben das Weinen als ängstlich. Wenn sie davon ausgehen, dass es ein Junge ist, dann wird das Weinen als wütend beschrieben. Und das setzt sich fort. Buben bekommen in der Schule die komplexeren Fragen. Sie kriegen mehr Aufmerksamkeit, ganz unabhängig von ihrem Leistungsniveau. Wir sehen, dass Eltern zweieinhalbmal häufiger googlen, ob ihr Sohn hochbegabt ist, als ob ihre Tochter hochbegabt ist. Und wir sehen auch, das sind übrigens Daten aus Österreich, dass Eltern der Meinung sind, Naturwissenschaften und Technik sind eher nichts für ihre Töchter.

Wie wichtig war und ist denn deine eigene Herkunft für deine Entwicklung als Feministin?
Ich komme nicht aus einem feministischen Haushalt, sondern aus einem sehr klassischen. Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater war ein abwesend bis autoritärer Mann. Ich habe sehr früh auch schon mitbekommen, dass es eher die Frauen sind, die sich um alles kümmern, die den Laden am Laufen halten, die an alle Details denken, die auch die ganze emotionale Arbeit tragen in einer Familie. Mein Weg in Richtung Feminismus hat ein bisschen gedauert, weil ich gebraucht habe, um nachzuvollziehen, dass all diese Dinge wie Ungleichbehandlung oder Gender Pay Gap auch mich betreffen. Ein bisschen radikalisiert hat mich dann auch meine Studienzeit. Auf der Germanistik saßen da fast ausschließlich Frauen im Hörsaal. Die meisten Vortragenden waren aber Männer, zumindest vor 20 Jahren. Und als ÖH-Vorsitzende war ich nicht nur in einer ministeriellen Arbeitsgruppe unter lauter Männern, wo dann Sätze gefallen sind wie: „Frau Blaha, gut, dass Sie da sind. Sie werten die Arbeitsgruppe ja auch optisch so auf.“ Ein ganz wichtiger Schritt in dem Kontext war dann später auch im beruflichen Umfeld zu sehen. In der Verlagsbranche arbeiteten auch 80 Prozent Frauen, aber alle Verlage wurden von Männern geleitet. Der letzte Puzzlestein war sicher auch die Geburt meiner Kinder und das Wahrnehmen, wie sehr einen das zurückkatapultiert in die 70er Jahre, in der Rollenverteilung und in der Aufgabenteilung.

Mein Sohn hat mich gefragt, warum er als männliche Person an allem Schuld sein soll, was den Frauen an Ungerechtigkeiten und Gewalt widerfährt. Was würdest du ihm antworten?
Schuld daran ist er natürlich nicht. Aber er ist in eine Welt hineingeboren, die ihn automatisch privilegiert. Was ich mit meinen Söhnen auch viel bespreche, ist die patriarchale Dividende, die sie kassieren. Und das tun sie die ganze Zeit. Das tut jeder Mann. Es sind die vielen unsichtbare Privilegien wie: Ein Mann wird nicht unterbrochen, weil man ein Mann ist. Seiner Expertise wird eher geglaubt. Es wird nicht gefragt: „Ist das wirklich so?“. Weil er ein Mann ist. Er kann abends alleine auf der Straße unterwegs sein, muss nicht über seine Schulter schauen. Wenn er sich später auf Jobs bewirbt, wird er ein höheres Einstiegsgehalt angeboten bekommen, weil r ein Mann ist. Er wird eher befördert, weil er ein Mann ist. Und so weiter. Das hat er alles nicht gebastelt, das hat er sich nicht ausgesucht, dein Sohn, aber er kassiert diese Dividende trotzdem.

Zugleich presst das Männer ja auch in Rollenerwartungen, die extrem schädlich sind. Woran zeigt sich das?
Wir sehen zum Beispiel, dass ein Jobverlust ist für einen Mann psychisch viel schlimmer ist als für eine Frau. Weil es so eng mit seiner Rolle verknüpft ist, dass er der Ernährer ist. Wahrscheinlich noch wirkmächtiger ist, dass wir den Buben ab Tag eins beibringen, dass Mannsein heißt, kein Mädchen zu sein. Nicht laufen wie ein Mädchen. Nicht anziehen wie ein Mädchen. Die Haare nicht haben wie ein Mädchen. Nicht weinen wie ein Mädchen. Nicht emotional sein wie die Mädchen. Nicht so viel über Gefühle reden wie die Mädchen.

Und es geht ihnen ja nicht unbedingt gut damit.
Genau. Das Patriarchat beschädigt Männer wie Frauen. Stell dir vor, du wirst in eine solche Schublade gestopft und darfst sie nie heraus. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor und das hat natürlich einen hohen Preis, die wir in hohen Suizidraten von Männern ablesen können. Und wenn die einzige Möglichkeit für einen Mann, Gefühl zu zeigen, ist, Aggression zu zeigen, dann sehen wir auch, dass ich mit Konflikten kaum umgehen können, sondern zuschlagen oder in selbstbeschädigendes Verhalten gehen. Fast alle Verbrechenstatistiken führen Männer haushoch an. Da ist ganz, ganz viel Leid mit drin. Und ich würde mir wünschen, dass Männer wie Frauen eben 100 Prozent Mensch sein dürfen.

Ja, das wäre schön. Was nicht heißen soll, dass wir jetzt auch noch die Männer mit reparieren müssen und ihnen beibringen müssen, wie sie Frauen gut behandeln.
Ja, das stimmt natürlich. Und ich finde tatsächlich, das merkt man auch jetzt gerade wieder recht stark, sobald es um Feminismus geht, sind alle Frauen, die darüber sprechen, sehr stark damit beschäftigt, einmal zuallererst zu erklären, dass sie eh keine Männer hassen. Als wäre das das Allerärgste, wenn wir Männer hassen. Wenn ich aber auf die Daten schaue, jede dritte Frau hat schon mal sexuelle und körperliche Gewalt erlebt. Wir sehen die Frauenmordrate in Österreich. Du kannst keinen Tag die Zeitung aufmachen, wo nicht wieder ein neuer Belästigungsfall draußen ist. Ich sage nur: Christian Ullmann, Epstein-Akten. Da ist es eigentlich verwunderlich, dass wir nicht herumrennen und ganz laut und deutlich ausdrücken, dass wir Männer hassen. Und eigentlich müssten die Männer mithassen. Denn sie sehen ja auch, was auf dieser Welt los ist und was das mit den Frauen alles macht. Das heißt, im Wesentlichen wäre doch die eigentliche Frage, hey Leute, warum seid ihr nicht viel wütender? Warum seid ihr nicht viel wütender? Warum reicht es euch zu sagen: „Not all men“? Es kann euch genug sein. Hey, es ist doch, ja, es ist nicht alle, es sind immer noch genug.

Immer wenn man dich in Diskussionsrunden sieht, kommt der Punkt, an dem dir ein Mann die Welt erklärt. Was macht dieses Mansplaining und Manterrupting mit uns allen?
Das sind Techniken, die uns immer wieder aufs Neue an diesen einen Glaubenssatz erinnern, den wir mit diesen frühen Rollenzuschreibungen beigebracht bekommen. Haben: Frauen sind weniger kompetent. Es sind Techniken wie diese, Mansplaining oder Manterrupting, die dazu führen, dass wir auch im Erwachsenenleben immer wieder vor Augen geführt bekommen haben, dass weibliche Expertise nicht so wichtig sein kann – schließlich sie wird verbessert oder unterbrochen. Diese Techniken verfestigen also den Glauben an weibliche Inkompetenz.

Was können wir dagegen tun? Hast du Tipps?
Das eine, was sehr wichtig ist, das ist eine Frage der Übung, dass man sich vornimmt, sich nicht unterbrechen zu lassen, indem man einfach weiterredet. Das ist etwas, das kann man üben. Sie reden rein, aber du redest weiter, du lässt so das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen. Wenn das nicht funktioniert, kann man es mit Humor probieren. Von einer Kollegin habe ich einen schönen Satz gelernt, den ich mittlerweile auch schon übernommen habe: Wenn sie unterbrochen wird, sagt sie: „Willkommen in meinem Satz. Wollen Sie ihn zu Ende sprechen oder darf ich?“ Denne Frauen, die auf ihrer Redezeit beharren und sich nicht unterbrechen lassen, wirken unsympathisch.

Im Gegensatz zu Männern, die in dem Fall mächtig und kompetent wirken?
Genau. Ich bekomme auch immer Nachrichten von Leuten, dass es ja schon pathologisch sei, dass ich mich nicht unterbrechen ließe und dass das unsympathisch sei und ich müsste mich mal behandeln lassen solle.

Wie könnten wir denn alle, jede für uns persönlich, die Welt oder unsere Welt um uns herum ein Stück weit verändern, sodass sie besser wird?
Also das Erste, was ich allen ans Herz legen mag: Wenn wir die Welt verändern wollen, dann müssen wir zu Hause damit anfangen. Das ist unser erster, wichtigster und direktester Einflussbereich. Und schon da gehen wir oft nicht in die Auseinandersetzung. Es gibt im Internet (etwa auf www.carerechner.at) aufgelistet alle Tätigkeiten, die in einem Haushalt anfallen, und dazu die Frage: Wer macht es? Und: Wer denkt dran, dass es gemacht werden muss? Diesen Fragebogen füllt man mit seinem Partner gemeinsam aus und am Ende sieht man eine ziemlich exakte Aufgabenverteilung. Und das ist ein schöner Anlass für Gespräche darüber, wie man es gerechter aufteilen kann. Das ist so wichtig, weil die Frage, wie wir unbezahlte Arbeit verteilen, große Auswirkungen darauf hat, wie die nächste Generation aufwächst und welche Rollenbilder wir weitergeben. Wir können nicht 120 % im Büro geben, wenn wir zu Hause schon 80/20 leisten müssen. Und wir sehen, dass der anteil der Hausarbeit, den Männer leisten, seit 30 Jahren in Österreich nicht gestiegen ist. Und deshalb werden wir nicht drumherum kommen, die eine oder andere Sache eben auch zu Hause anzuzünden.

Zur Person

Barbara Blaha, 1983 geboren, ist Autorin, Gründerin des Momentum Instituts und dazu gehörigen Moment Magazins.

Ursel Nendzig

Chefin vom Dienst

Ist seit vielen Jahren als Redakteurin und Autorin unterwegs. Dafür ist es meist gar nicht nötig, weit zu reisen – die berührendsten, spannendsten und wichtigsten Geschichten spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Überall dort, wo es menschelt, fühlt sie sich wohl und Themen rund um Gesellschaft, Frauen und Feminismus liegen ihr besonders am Herzen. Geboren (Schwäbische Alb, Süddeutschland) und Aufgewachsen (Wienerwald) im kleinen Dorf lebt und schreibt sie heute mit ihrer Familie in einem kleinen Häuschen am Rande der großen Stadt.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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