Blick
ins Heft:
Raum
01/02/26

Wohngemeinschaft 50+: Eine besondere WG gegen die Einsamkeit

Wohngemeinschaft 50+: Eine besondere WG gegen die Einsamkeit
  • Teile mit:
  • Veröffentlicht: 21.01.2026
  • Drucken

In der „WG Melange“ der Caritas Wien wohnen acht Menschen über 55 zusammen, die nicht alleine alt werden wollen. Wie funktioniert das? Wir haben die Wohngemeinschaft besucht.

Der Himmel hängt grau über der Seestadt Aspern, Möwen ziehen ihre Kreise. Von der U-Bahn-Station sind es nur wenige Minuten bis zur Barbara-Prammer-Allee Nummer 9. Im ersten Stock befindet sich die „WG Melange“ der Caritas. Eine Wohngemeinschaft für ältere Menschen und eine der ersten dieser Art in Österreich. Die Idee dahinter: gemeinschaftliches Wohnen anzubieten und ein Angebot für Ältere zu schaffen, die nicht alleine leben wollen und noch keinen Betreuungsbedarf haben. 

Es duftet nach Kaffee, aus der Gemeinschaftsküche dringt aufgeregt-fröhliches Geplauder. Anna Winklehner-Kreutzer begrüßt mich mit festem Händedruck. Sie ist Initiatorin und Leiterin des Caritas-Projekts und an diesem Tag auf Besuch vorbeigekommen. „Die Idee ist vor sechs Jahren entstanden“, erzählt sie. „Wir wollten etwas für Menschen anbieten, damit sie sich nachbarschaftlich unterstützen können und dadurch weniger Betreuungsbedarf haben.“ Die Erfahrungen von Mitarbeiter:innen der mobilen Dienste hätten gezeigt, dass es oft nicht nur um die Pflege gehe, die Ältere benötigen, sondern auch um kleine Hilfs- und Reparaturdienste, die Nachbar:innen oder Angehörige erledigen könnten, sowie um soziale Kontakte.

Gegenseitige Hilfe

„Es gibt tatsächlich Menschen, die so wenig soziale Kontakte haben, dass die Einzigen, die sie treffen, die Mitarbeiter:innen der mobilen Dienste sind“, sagt Winklehner-Kreutzer. Das Projekt soll nicht nur zur psychosozialen und körperlichen Gesundheit beitragen, sondern hat auch präventiven Charakter, „sodass Leute, die hier wohnen, länger keine mobile Pflege brauchen, weil sie sich bei Kleinigkeiten im Alltag helfen können“. 

„Die Herausforderung war, dass man sein ganzes Leben auf ein Zimmer reduziert.“
Ruth

Menschen werden heute anders alt als früher. Mit mehreren Generationen unter einem Dach zu leben, ist nicht mehr die Regel. Alterseinsamkeit ist für viele eine große Angst. Auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gehen Forscher:innen davon aus, dass informelle Unterstützungsmöglichkeiten für Senior:innen an Bedeutung gewinnen werden. 

Eine bunte Mischung  

Fünf Frauen und drei Männer zwischen 57 und 83 Jahren leben in der „WG Melange“ – eine bunte Mischung, wie der Name schon sagt. Die Appartements sind zwischen 29 und 46 Quadratmeter groß und verfügen über ein eigenes Bad und WC sowie einen Küchenanschluss. Zusätzlich zu den Wohneinheiten gibt es einen Gemeinschaftsraum mit Balkon und Küche, eine Waschküche und einen Abstellraum. Jede:r soll für sich allein sein können, gleichzeitig kommt man recht unkompliziert zusammen: zum Spieleabend, zum Kaffeeplausch oder einfach so. Die Kosten betragen je nach Größe des Appartements zwischen 800 und 1.100 Euro inklusive Energie und Gemeinschaftsflächen.  

Die Bewohner:innen organisieren sich ihren Alltag selbst. „Wir unterstützen bei der Gruppenbildung, und alle sechs Wochen gibt es einen Jour fixe, bei dem aktuelle Themen besprochen werden“, erklärt Winklehner-Kreutzer. „Gemeinsame Anschaffungen oder eine Putzhilfe einmal im Monat für die Gemeinschaftsräume – diese Themen haben wir relativ schnell abgehakt“, berichtet Willi, der so wie die anderen mit dem Vornamen genannt werden möchte. Schwieriger werde es, wenn es um unterschiedliche Benutzungsgewohnheiten von Geschirr- und Putztüchern gehe. 

Willi bereichert die WG seit zweieinhalb Jahren und ist mit 83 Jahren nicht nur der älteste Bewohner, sondern auch einer der ersten, die hier eingezogen sind. Eigentlich hatte er den Plan, mit 80 Jahren in ein Altersdomizil zu übersiedeln. Für die Einrichtung wäre jedoch eine Pflegestufe notwendig gewesen. „Davon bin ich zum Glück noch weit entfernt“, schmunzelt er. Er erledigt sämtliche Wege zu Fuß, geht ins Fitnessstudio und macht Yoga. Im Fernsehen sah er einen Beitrag über die „WG Melange“: „Das Konzept hat mich angesprochen.“ Er nahm Kontakt mit der Caritas auf und zog nach ein paar Monaten ein. Seine Lebensgefährtin, mit der er seit 25 Jahren liiert ist, kommt am Wochenende häufig zu Besuch. „Sie gehört schon fast zur WG“, sagt er, und seine Mitbewohner:innen stimmen zu. 

Ruth (68) ist vor knapp einem Jahr eingezogen. Bereits mit Anfang 50 machte sich die ehemalige Diätologin Gedanken darüber, wie sie ihr Alter gerne verbringen würde. „Ich dachte mir, eine Senioren-WG wäre super, aber für meinen Mann wäre das nichts gewesen.“ Vor eineinhalb Jahren kam es zur Trennung. „Wir sind noch verheiratet, aber wir leben beide an verschiedenen Orten.“ Die Schweizerin, die seit vielen Jahren in Wien wohnt, begann, im Internet zu recherchieren, und stieß auf die „WG Melange“. „Es hat einfach alles gepasst“, sagt sie. Hin und wieder kommen die Enkel zu Besuch, am Dienstagnachmittag fährt sie zu ihrer Tochter und betreut eines ihrer Enkelkinder.

Unterschiedliche Lebenswelten

Eine Bewohnerin steht noch im Berufsleben, die anderen sind in Pension. „Oft sind die Leute, die Interesse an der Wohngemeinschaft haben, mit persönlichen Veränderungen konfrontiert: Die Kinder sind ausgezogen, sie sind in Pension gegangen, es gibt eine Trennung, oder man merkt, man wohnt alleine, aber will das eigentlich nicht“, sagt Winklehner-Kreutzer. Dazu kommt, dass Wohnraum immer teurer wird. Manchmal ist es finanziell nicht (mehr) möglich, in einer großen Wohnung oder in einem Haus zu wohnen. 

Unabhängig von den Beweggründen: Wohnraum zu verkleinern, war für alle Thema. „Die Herausforderung war, dass man sein ganzes Leben auf ein Zimmer reduziert. Ich bin immer noch am Aussortieren“, sagt Ruth, die gerne noch das Kaffeegeschirr ihrer Mutter übersiedeln möchte.  

Wohin mit all den Büchern? Diese Frage stellte Gerhard (77) vor die größte Herausforderung. Die Lösung, die er dafür gefunden hat: Jene Bände, die er nicht in seinem Appartement untergebracht hat, stellt der ehemalige Journalist seinen Mitbewohner:innen in einem allgemeinen Bücherschrank zur Verfügung. Und er freut sich, wenn seine umfangreiche Sammlung aus philosophischer, theologischer und zeitgeschichtlicher Literatur bei seinen WG-Kolleg:innen Interesse weckt. 

Willi hat viel Werkzeug in die Wohngemeinschaft eingebracht. Wenn es etwas zu reparieren gibt, sind er und Kurt (68, Name von der Redaktion geändert) zur Stelle. Kurt wohnt seit einem Dreivierteljahr in der Senior:innen-WG und bringt schon WG-Erfahrung mit. Zuvor hat er in einer Ökosiedlung außerhalb Wiens gelebt. „Ich finde es super, was es hier im Haus alles gibt“, schwärmt er. Denn die „WG Melange“ verbindet als Teil der Baugruppe Leuchtturm gemeinschaftliches Wohnen im Kleinen mit gemeinschaftlichem Wohnen im Großen. Zusätzlich können im Haus ein Dachgarten, eine große Gemeinschaftsküche für Feiern und eine Sauna mit Ruheraum benützt werden. 

Diesen sucht Margarete regelmäßig auf, um zu meditieren. Sie ist als Letzte in die WG eingezogen und führt Willi und Kurt in die Kunst des Meditierens ein. „Mir ist die WG zugefallen“, schwärmt die 70-Jährige, die in der Dienstleistungsbranche gearbeitet hat. Eine Beziehung ging zu Ende, sie suchte eine Wohnung, eine Freundin erzählte ihr von der „WG Melange“. Zuerst bekam sie eine Absage. Beim zweiten Anlauf war gerade eine Wohnung frei. 

Toleranz und Zusammenhalt in der WG

Wer einziehen möchte, durchläuft einen längeren Aufnahmeprozess, erklärt Winklehner-Kreutzer. Der oder die Interessent:in besucht die WG an zwei Halbtagen, um alle Bewohner:innen kennenzulernen, und kann auch dort übernachten. Dann berät die Gruppe über die Aufnahme. Entschieden wird nach dem soziokratischen Prinzip des Konsenses: Wenn jemand einen schwerwiegenden Einwand hat, erhält die Person eine Absage. Dieses Prozedere wurde etabliert, nachdem sich unter den ersten Bewohner:innen ein heftiger Konflikt entwickelt hatte, der sich trotz Mediation und vieler Bemühungen nur dadurch lösen ließ, dass zwei Personen auszogen. 

Margarete kann sich noch genau an das Auswahlverfahren erinnern: „Ich war so aufgeregt und hätte nicht gedacht, dass ich eine Chance habe.“ Als sie die Zusage erhielt, war sie voller Freude. Als Frühaufsteherin ist sie oft schon um 6 Uhr morgens auf den Beinen, dafür geht sie früh zu Bett. Dass die Mitbewohner:innen zum Teil einen anderen Lebensrhythmus haben, ist für sie kein Problem. Toleranz zeigt sie auch in Sachen Sauberkeit: „Ich mache es so, wie es mir wichtig ist, und die anderen sollen es auf ihre Art machen“, sagt sie. „Ich sehe die WG als Herausforderung, an mir zu arbeiten. Durch die anderen lernt man auch sich selber besser kennen.“ 

Diese Erfahrung hat auch Martina (70) gemacht. Früher lebte sie in einer Genossenschaftswohnung. Die ehemalige Angestellte ist alleinstehend und hat keine Kinder. Wenn eine Glühbirne zu wechseln war, musste sie ihren Schwager oder ihren Neffen darum bitten. Nun kann sie sich an Willi oder Kurt wenden. Nicht nur das Glühbirnenproblem wurde durch den Wohnungswechsel gelöst. „Früher habe ich unter Panikattacken gelitten. Jetzt geht es mir super“, strahlt Martina. „Man weiß, es ist jemand da. Das ist für mich Gold wert.“ Gemeinsam mit Willi steht sie als Leihoma beziehungsweise -opa zur Verfügung. Auf ihren Aushang im Lift haben sich schon Familien gemeldet. Das gemeinschaftliche Wohnen in der Seestadt gefällt ihr sehr gut. „Eine Wohnung mit Balkon und Blick auf den See: Wo gibt es das schon?“ 

Ruth freut sich schon, wenn sie wieder im Baggersee schwimmen kann. Auch sie fühlt sich in der WG sehr wohl, und es ist für sie eine interessante Erfahrung, „mit Menschen zusammenzuleben, die man sich sonst nicht unbedingt aussuchen würde“.  

In den nächsten Jahren sollen weitere WGs für ältere Menschen entstehen – vorerst nur in Wien. Die Gebäude werden derzeit errichtet, die ersten Wohnungen sollen 2027 beziehungsweise 2028 bezugsfertig sein. Das Interesse ist schon jetzt groß, allerdings stellt die Finanzierung noch eine Herausforderung dar. Der soziale Mehrwert und, „dass diese Wohnform absolut Sinn macht“, hat sich anhand der „WG Melange“ bestätigt. „Es sind Leute, die mutig sind, aufs Älterwerden hinzuschauen und das auch anzugehen“, sagt Anna Winklehner-Kreutzer. 

Anna Winklehner-Kreutzer ist Initiatorin und Leiterin der „WG Melange“ der Caritas.

Julia Langeneder

Redakteurin

in Linz geboren, schon während und nach dem Publizistik- und Französisch-Studium in Salzburg und Paris bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen in unterschiedlichen Ressorts, seit 14 Jahren als Redakteurin für Welt der Frauen tätig. Leidenschaft für Familien- und Frauenthemen, Psychologie, Kultur, Nachhaltigkeit und Gesundheit, gerne unterwegs beim Wandern, Radfahren oder mit dem Campingbus.

[email protected]

Foto: Alexandra Grill


mehr von Julia Langeneder lesen

Post aus der Redaktion

Mit unserem Newsletter bekommen Sie regelmäßig Einblicke hinter die Kulissen, persönliche Empfehlungen und das Beste aus der Redaktion direkt in Ihr Postfach.

Jetzt abonnieren