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Wendezeiten
03/26

Wendezeiten: Wie ein Frauenleben immer wieder neu beginnt

Wendezeiten: Wie ein Frauenleben immer wieder neu beginnt
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  • Veröffentlicht: 11.03.2026
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Schwierige Lebensphasen setzen oft erstaunliche Kräfte frei. Es sind die Wendezeiten, die uns prägen – und an die wir uns ein Leben lang erinnern. Welche Brüche verbinden weibliche Biografien?

Die erste Menstruation. Die erste Liebe. Die Wahl der Ausbildung, die ersten Schritte auf dem Berufsweg. Reisen. Die erste eigene Wohnung. Beziehungen. Schwangerschaft. Geburt. Schicksalsschläge, die uns kalt erwischen. Menopause. Verlust. Alles eingebettet in das immerwährende Auf und Ab der Hormone. Frauenleben sind alles andere als eintönig – und jedes einzelne dieser Ereignisse kann ein neuralgischer Punkt im Leben sein, an dem sich alles verändert, manchmal von einem Tag auf den anderen.  

Es gibt wohl kaum eine Person, die sich nicht an ihre erste Menstruationsblutung erinnern kann. An den Schreck, den Schock, vielleicht die Freude darüber. Nicht nur medizinisch, sondern auch emotional ist diese Wende bedeutend. Es geht los: das Leben im Zyklus. Und damit auch: das Zählen von Tagen, das Bangen, ob die Regelblutung während des Urlaubs beginnt. Ob sie überhaupt kommt. Die Schmerzen, die Stimmungsschwankungen, die sich verändernde Leistungsfähigkeit. Wenig definiert uns so stark als Frau wie die Menstruation – und kaum etwas schweißt uns ab diesem Wendepunkt stärker mit anderen Menstruierenden zusammen. 

Die Qual der Berufswahl

Andere Wendepunkte werden nicht von unserer Physis diktiert. So hat die Entscheidung, welchen Ausbildungs- und Berufsweg eine Frau einschlägt, weitreichende Folgen, die mitunter das gesamte restliche Leben betreffen. Der Gender-Pay-Gap ist real und er wird auch dadurch bestimmt, dass Berufe, die vermeintlich frauentypisch sind, schlechter bezahlt werden. Die finanzielle Abhängigkeit von Partner:innen, das Zurückstecken des eigenen (schlechter bezahlten) Jobs, falls Kinder kommen, und Altersarmut sind Tatsachen, die an einem Wendepunkt wie der Berufswahl geschaffen werden. 

„Die Geburt eines Kindes ist für viele Frauen die größte Wende im Leben.“
Ursel Nendzig

Die Auslöser dafür, dass sich das Leben plötzlich völlig ändert, sind unterschiedlich. Ist es bei der einen die Entscheidung, aufs Land zu ziehen, ist es bei der anderen ein Kunstwerk, das sie berührt und nie mehr loslässt. Die Erfahrung, in einem anderen Staat zu leben, hinterlässt Spuren. Begegnungen mit Menschen können in einer Sekunde alles verändern. 

Die Geburt eines Kindes ist für viele Frauen die größte Wende im Leben, auf körperlicher, seelischer, psychischer, finanzieller und emotionaler Ebene. Plötzlich liegt kein Stein mehr auf dem anderen und alles steht in Frage. Wie geht es mit dem Beruf weiter?  Wie schaffe ich es, mich in dieser neuen Rolle nicht zu verlieren und doch voll darin aufzugehen? Sich bewusst gegen Kinder zu entscheiden, ist dabei nicht weniger lebensverändernd. Als Frau jene Rolle abzulehnen, die uns gesellschaftlich und traditionell so sehr zugeordnet wird, ist ein Wendepunkt, der nach wie vor und viel zu oft auf Unverständnis stößt. 

Das „Leere-Nest-Syndrom“

In der „Rushhour des Lebens“ kumuliert vieles: Karriere, Teenager, Perimenopause, Sorgearbeit für Eltern oder Angehörige, dazu noch eventuelle Krankheiten, vielleicht eine Trennung. Eine Zeit der Wende, in der viele Frauen zu sich selbst zurückfinden, sich auf das besinnen, was ihnen wichtig ist, den Reset-Knopf drücken, beruflich wie privat neue Wege einschlagen. Auch körperlich baut sich in dieser Phase vieles um, der Hormonhaushalt gerät wieder durcheinander, bringt neue Beschwerden, aber auch Erkenntnisse mit sich. Und für viele die Frage: Was will ich mit meinem Leben anfangen?   

Das „Leere-Nest-Syndrom“ setzt vielen Frauen zu, wenn Kinder den elterlichen Haushalt verlassen. Es birgt eine psychische Belastung, die hauptsächlich Frauen betrifft. Denn vor allem für Mütter ändert sich nicht nur der Tagesablauf, sondern der Fokus, den ihr Leben bisher hatte. Ein Knackpunkt in vielen weiblichen Biografien, denn nicht selten fällt diese Phase mit dem Älterwerden der eigenen Eltern oder Erkrankungen im engsten Freundeskreis zusammen. Jeder einzelne Verlust ist eine Wendezeit. Auch wenn jeder Mensch individuelle Wendezeiten erfährt und diese auch unterschiedlich erlebt, können wir doch davon ausgehen, dass es keine einzige Biografie ohne sie gibt – ganz egal, welches sozialen, demografischen oder ökonomischen Hintergrundes. Es sind die Brüche, die einen Werdegang anstrengend, aber auch aufregend und interessant machen.  Ein so tröstlicher wie ermutigender Gedanke, der uns alle miteinander verbindet. 

Ursel Nendzig

Chefin vom Dienst

Ist seit vielen Jahren als Redakteurin und Autorin unterwegs. Dafür ist es meist gar nicht nötig, weit zu reisen – die berührendsten, spannendsten und wichtigsten Geschichten spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Überall dort, wo es menschelt, fühlt sie sich wohl und Themen rund um Gesellschaft, Frauen und Feminismus liegen ihr besonders am Herzen. Geboren (Schwäbische Alb, Süddeutschland) und Aufgewachsen (Wienerwald) im kleinen Dorf lebt und schreibt sie heute mit ihrer Familie in einem kleinen Häuschen am Rande der großen Stadt.

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Foto: Barbara Aichinger


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