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01/02/26

Was uns Weltraumforschung über das Leben auf der Erde lehrt

Was uns Weltraumforschung über das Leben auf der Erde lehrt
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 04.02.2026
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Die Astrophysikerin Christiane Helling erklärt im Interview, warum Weltraumwissenschaften für das Leben auf der Erde wichtig sind und welche Herausforderung Schrott im All darstellt.

Der Weltraum ist für viele ein Sehnsuchtsort, für Sie ist er Beruf. Was war der erste Kontakt mit dem Weltraum und wie wurde daraus schlussendlich ein Job?
Mein erster Kontakt war tatsächlich das Studium der Physik. Meine erste Vorlesung in Grundlagen der Astronomie war leider unglaublich langweilig, aber notwendig, um zu den fortgeschrittenen Vorlesungen zu kommen. Dort ging es unter anderem um den Transport von Photonen in Gasen – das klingt sehr theoretisch. Aber wenn man das versteht, versteht man das Spektrum der Sonne. Das ist genau das Grundlagenwissen, das wir heute nutzen, um die Atmosphären extrasolarer Planeten zu untersuchen. Ein wirklicher „Berufswunsch“ war es aber nie. Mich hat einfach die Physik fasziniert – die Logik hinter den Dingen und was die Welt zusammenhält. Es hat sich Schritt für Schritt ergeben.  

Heute sind Sie Direktorin des Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Woran wird dort genau gearbeitet?
Das IWF ist das einzige Institut in Österreich, das weltraumtaugliche Messgeräte im großen Rahmen entwickelt und baut. Die gewonnenen Daten werden am Institut wissenschaftlich analysiert und physikalisch interpretiert. Die Schwerpunkte sind dabei der Bau von Magnetometern und Bordcomputern sowie die Laserdistanzmessung zu Satelliten und Weltraumschrott. Die wissenschaftliche Datenauswertung dient vor allem der Untersuchung dynamischer Prozesse in der Weltraumplasmaphysik und der Erforschung der oberen Atmosphäre von Planeten und Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. 

Was sind die neuesten Erkenntnisse in diesem Bereich?
Neue Erkenntnisse unserer Forscher:innen werden laufend in wissenschaftlichen Journalen publiziert. Vor Kurzem wurde die erste dreidimensionale Temperaturkarte eines Exoplaneten präsentiert. In der extrem dünnen Atmosphäre des sonnennächsten Planeten Merkur konnten erstmals Hinweise auf das chemische Element Lithium nachgewiesen werden. Auf der Suche nach einer zweiten Erde stellten IWF-Forscher fest, dass viele Exoplaneten heliumdominierte Atmosphären besitzen könnten, welche die Entwicklung komplexer Lebensformen verhindern würden. Die Kollegen am Observatorium Lustbühel erzielten einen Durchbruch bei der gemeinsamen Vermessung von Satelliten und Weltraumschrott. 

„Im Weltraum muss alles klein und leicht sein und jahrzehntelang funktionieren. Das fördert nachhaltiges Denken.“
Christiane Helling

Wie ist Ihre Einschätzung: Wird es in Zukunft möglich sein, Leben im Weltraum nachzuweisen?
Das ist ein Wettrennen zwischen Wunschdenken und wissenschaftlichem Fortschritt. Erst die Fakten werden uns zeigen, ob es Leben in anderen Regionen unseres Weltalls gibt. 

Sie sprechen bei Ihrem Werdegang von Durchhaltevermögen. Braucht man als Frau mehr davon?
Unbedingt. Selbstzweifel waren mein ständiger Begleiter: „Bin ich gut genug? Mache ich das gut genug?“ Man neigt als Frau dazu, doppelt so viel zu leisten, ohne es zu merken. Junge Frauen sehen das oft selbst nicht. Damals hätte ich es auch negiert. Es gibt heute mehr Frauen in diesem Bereich, aber nicht viele. Statistiken der NASA zur Beobachtungszeit des Hubble-Teleskops haben gezeigt, dass erfahrene Frauen als Antragstellerinnen überproportional benachteiligt wurden. Erst durch „double-blind reviewing“ verschwanden diese Unterschiede. 

Österreich hat gerade das ESA-Budget erhöht. Ist das genug oder würden die heutigen Zeiten nicht eine noch deutlichere Hinwendung zur Weltraumforschung verlangen? 
Ich beobachte mit Hochachtung, welche Leistungen die europäischen Länder in diesem Jahr erbracht haben – trotz vieler anderer Herausforderungen. Gerade in der Wissenschaft kann man auch immer mehr tun. Aber jetzt müssen wir erst einmal sehen, wie viel davon tatsächlich in die Wissenschaft fließt. Wenn das Geld nicht in wissenschaftlichen Missionen ankommt, an denen wir beteiligt sind, haben wir nicht viel für Österreich gewonnen. Eine andere Sache sind die Erkenntnisse für Menschen auf der Erde: Jede unserer Fragestellungen in den Grundlagenwissenschaften hat zu einer Weltraummission geführt, die dann weitere Entwicklungen nach sich zog. Weltraumforschung bedeutet höchste Präzision, Innovation und Nachhaltigkeit und sie erfordert immer internationale Zusammenarbeit. Im Weltraum muss alles klein und leicht sein und jahrzehntelang funktionieren. Das fördert nachhaltiges Denken – etwas, das wir auch auf der Erde brauchen. Wir haben für das Leben auf der Erde nicht nur die handfeste Wissenschaft zu bieten, sondern auch ein großes Spektrum an Soft Skills. 

„Irgendwann ist kein Platz mehr, weil man sich den erdnahen Weltraum mit Satelliten zugemüllt hat.“
Christiane Helling

Welchen Stellenwert hat der Aspekt „Sicherheit und Verteidigung“ im Weltraum?
Konflikte entstehen auf der Erde – nicht im Weltraum. Der Weltraum ist nur eine Projektion davon. Es wäre unglaublich geschickt, die Konflikte hier auf der Erde zu lösen, dann müsste man sich gar nicht Gedanken machen, sich im Weltraum – gegen was oder wen denn? – verteidigen zu müssen. Alle Nationen positionieren Satelliten, aber irgendwann funktionieren diese nicht mehr und werden zu Weltraumschrott. Irgendwann ist kein Platz mehr, weil man sich den erdnahen Weltraum mit Satelliten zugemüllt hat. Irgendwann erübrigt sich die Frage nach der Verteidigung, weil da oben nur noch Kanonenkugeln herumfliegen. Zwar klitzekleine, aber mit unglaublich hoher Geschwindigkeit. Das Aufrüsten hat also natürliche Grenzen. 

Reizt Sie Weltraumtourismus? Würden Sie selbst mal gerne mit einer Rakete ins All fliegen?
Nein, überhaupt nicht. Aus zwei Gründen: Wie man es auch dreht, man sitzt auf einem riesigen Treibstofftank. Darauf möchte ich nicht unbedingt mit Überschall durch die Atmosphäre fliegen. Und wir haben schon über Weltraumschrott gesprochen: Es kann niemand garantieren, dass mich nicht eines dieser extrem schnellen Weltraumschrottteile trifft. Das ist ausreichend gefährlich. Ich muss das nicht haben.  

Es wäre fast fahrlässig, eine Weltraumforscherin nicht danach zu fragen: Sind Sie Science-Fiction-Fan? Schauen Sie Alien-Filme?
Alien-Filme nicht – sie sind mir zu sehr „Wir gegen die“. Die Fantasie ist da oft sehr begrenzt. Aber ich lese sehr gerne Science-Fiction-Bücher wie „A Door into Ocean“ von Joan Slonczewski (1986) oder „The Left Hand of Darkness“ von Ursula K. Le Guin (1969). Das sind fantastische Geschichten, die vielleicht nicht immer Lösungen liefern, aber tief reflektieren. Gerne in die wissenschaftsbegründete Science-Fiction-Literatur schauen, sie fördert wirklich die Imagination! 

Die aktuelle Ausgabe von „Welt der Frauen“ beschäftigt sich mit dem Thema „Raum“ in all seinen Facetten. Was ist Ihr Lieblingsraum?
Ich antworte hier philosophisch: Es ist der Raum der Freiheit, den ich am liebsten habe. Gerne an der schottischen Küste oder auf einem österreichischen Berggipfel – mit freiem Blick. 

Foto: ÖAW/ Daniel Hinterramskogler

Zur Person:

Christiane Helling ist seit Oktober 2021 Direktorin des Instituts für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Graz und Professorin für Weltraumwissenschaft an der TU Graz.

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