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Weltglückstag: Was können wir von Skandinavien lernen?

Weltglückstag: Was können wir von Skandinavien lernen?
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 20.03.2026
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Am Weltglückstag werden die glücklichsten Länder der Welt gekürt. Finnland belegt wiederholt den ersten Platz. Aber was macht das finnische Glück aus – und was können wir darüber lernen?

Glücklich sein, das wünschen sich wohl die meisten von uns. Aber wie kann so ein glückliches Leben aussehen, vor allem in Zeiten, in denen Krieg, Krise und schwindende Frauenrechte nahezu omnipräsent im Alltag sind? Die Antworten auf diese Frage sind so individuell wie vielfältig – und können sich im Laufe der Zeit verändern. Und trotzdem gibt es Länder, in denen die Menschen deutlich zufriedener sind als in anderen. Zum Weltglückstag am 20. März erscheint jedes Jahr der „World Happiness Report“ mit einem Ranking der glücklichsten Länder der Welt. Jedes Jahr ist ein skandinavisches Land an der Spitze, oft gefolgt von seinen Nachbarn. In diesem Jahr belegt Finnland den ersten Platz, Island landet auf dem zweiten und Dänemark auf dem dritten. Im DACH-Raum belegt die Schweiz mit Platz 10 übrigens den vordersten Rang, gefolgt von Deutschland (17) und Österreich (19).

Die Menschen in Finnland sind mit ihrem Leben also im internationalen Vergleich am glücklichsten. Aber warum eigentlich? Was für ein Leben führen die Frauen in Skandinavien? Und was können wir von ihnen über ein zufriedenes und erfülltes Leben lernen? Darüber haben wir mit Glücksforscherin Maike van den Boom gesprochen. Sie hat viele Jahre in Skandinavien gelebt, das Geheimnis des nordischen Glücks erforscht und in mehreren Büchern beschrieben. Ein Gespräch über ein gesundes Erwartungsmanagement und die Rolle von Gleichberechtigung für das persönliche Lebensglück.

Finnland belegt wiederholt den ersten Platz im Happiness-Report. Sie haben viel Zeit mit den Finn:innen verbracht, Frau van den Boom. Was ist das Geheimnis des finnischen Glücks?
Gesunde Erwartungen. Die Finnen sind mit wenig zufrieden und schätzen deshalb viel mehr das, was sie haben. Und sie sind für vieles dankbar, das wir als selbstverständlich ansehen: ein Dach über dem Kopf, nette Nachbarn, gratis Bildung. Außerdem pflegen die Menschen in Finnland eine besondere Form der Gelassenheit. Sie vertrauen in den Rhythmus des Lebens. Wenn eine Herausforderung ansteht, hört man sie gerne mal sagen: „Das löst sich schon“. Es entsteht also kein Drama, sondern eine pragmatische Form der Lösungsorientierung. Dafür gibt es sogar ein eigenes Wort: Sisu. Es bedeutet soviel wie: Nicht klagen, sondern durchbeißen und gemeinsam Lösungen finden. 

Und wenn das Leben doch mal zu stressig wird?
Dann geht es in die Sauna oder ins Eisloch. Hauptsache raus. Die Verbindung zur Natur ist sehr ausgeprägt – und hilft, wieder im Hier und Jetzt anzukommen, statt sich in Grübeleien zu verlieren. Beim Schlittschuh fahren auf Natureis oder mit dem Rucksack auf dem Berg gewinnen wir automatisch Abstand zu den Dingen, die sonst unsere ganze Aufmerksamkeit schlucken. Das haben die Finnen perfektioniert. Wenn sie dann wieder auftauchen und auf ihr normales Leben schauen, dann hat sich ihr Blick oft geändert. 

Ein Thema, das viel Aufmerksamkeit von Frauen in unseren Breitengraden schluckt, ist die ausbaufähige Gleichstellung der Geschlechter. Wie gehen die Finnen damit um?
Gleichstellung bedeutet, jeder Mensch ist gleich wichtig und soll die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln. Finnland ist ein kleines Land und braucht deshalb die Kraft und Kreativität aller Menschen. Männer und Frauen ziehen dort also an einem Strang, statt gegeneinander zu agieren. Mit Erfolg, denn Finnland gehört schon länger zu den Ländern mit der größten Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt.

Sie kennen die Strukturen in Finnland, haben aber auch länger in Deutschland gelebt. Wie unterscheidet sich das Leben in beiden Ländern?
Den größten Unterschied sehe ich in der Kinderbetreuung. Sie ist wie in allen nordischen Ländern sehr gut geregelt, kostet sehr wenig und das Personal ist hoch ausgebildet. Den Begriff „Rabenmutter“ und das damit verbundene Klischee der karriereorientierten Mutter, die ihr Kind vernachlässigt, gibt es in den nordischen Ländern nicht, wodurch Frauen kein schlechtes Gewissen haben, beides zu priorisieren – im Gegenteil. Wer in Finnland seine Kinder in die Betreuung gibt, der tut damit gesellschaftlich betrachtet etwas für die Erlangung sozialer Kompetenzen und somit für die allgemeine Entwicklung. 

„Glück an sich ist einfach nur ein Ergebnis dessen, wie wir unser Leben einrichten.“
Maike van den Boom

Vor allem die Kinderbetreuung ist in Österreich nach wie vor ein Knackpunkt bei der Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Was raten Sie Frauen auf Basis Ihrer Erfahrungen aus Skandinavien für ein glückliches Leben?
Aktiv eingreifen in das eigene Leben. Wann auch immer es zu viel wird oder wir uns von den Krisen überwältigt fühlen, gilt es pragmatisch zu handeln und den Blick darauf zu richten: Was kann ich genau jetzt tun, um mich besser zu fühlen oder mein Leben zu ändern? Dabei ist es nicht wichtig, ob das Vorhaben erfolgreich ist, es ist wichtiger, dass man etwas getan hat. Denn das macht uns wieder handlungsfähig, was wiederum Sicherheit gibt. Auch unser Gehirn lernt dadurch: Okay, sie macht was, dann kann ich entspannen und wieder Gas geben. Das lässt die Anspannung und den Stress sinken. Dann ist es auch wieder möglich, Glückshormone auszuschütten. 

Bei Ihnen klingt es vor allem nach Selbstwirksamkeit, die wir anstreben sollten. Was bedeutet Glück in diesem Zusammenhang?
Ein glücklicher Mensch zu sein, das wünschen wir wohl allen Menschen auf der Welt. Doch ein glücklicher Mensch zu sein, bedeutet nicht, dass wir ständig glücklich sein müssen. Glück an sich ist einfach nur ein Ergebnis dessen, wie wir unser Leben einrichten. Sind wir mutig und folgen wir unseren Träumen? Konzentrieren wir uns auf gute Beziehungen mit anderen? Haben wir Vertrauen darin, dass das Leben schon irgendwie ziemlich gut werden wird? Oder arbeiten wir schon seit Jahren in einem Job, der zwar Kohle bringt, uns aber nicht entspricht? Sind die grundlegenden Weichen des Lebens richtig gestellt, dann folgt das Glück von alleine.

Zur Person

Maike van den Boom Maike van den Boom ist eine gefragte Glücksforscherin. Die studierte Kunsttherapeutin berät heute Unternehmen und tritt als Rednerin auf Veranstaltungen auf. Mehr Infos zu ihr finden Sie hier.

Leonie Zimmermann

Chefredakteurin Digital

In Deutschland 1993 geboren und aufgewachsen, nach dem Journalistik-Studium, einer Selbstständigkeit und mehreren Stationen in deutschen Medienhäusern, darunter das RedaktionsNetzwerk Deutschland und das Wochenmagazin stern, seit März als Chefredakteurin digital für Welt der Frauen tätig. Faible für Psychologie, Reisen, Feminismus – und die digitale Welt.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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