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WELTFRAUEN <br> Nadia Murad

Ihr Schicksal hat sie in Kraft gewendet: Die 23-jährige Jesidin Nadia Murad kämpft für ein neues Leben von Frauen und Mädchen, die in Kriegen sexueller Gewalt ausgesetzt sind.

Ich wurde weder geboren, um Reden zu halten oder um führende Politiker zu treffen, noch, um eine so schwierige, belastende Sache zu vertreten“, sagte Nadia Murad in ihrer Rede vor der parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg, als sie im Oktober 2016 deren Václav-Havel-Preis entgegennehmen konnte. Eigentlich träumte sie davon, nach der Schule in einem Schönheitssalon zu arbeiten. Das Schicksal aber hat ihr eine Rolle als Opfer zugedacht, allerdings als eines, das nicht schweigt. Sie sei, erzählt die junge Frau, in einem ruhigen Dorf in den Sinjar-Bergen des nördlichen Irak aufgewachsen. 19 war sie, als im August 2014 die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) ihr Dorf überfielen. Sechs ihrer neun Brüder töteten die selbst ernannten Gotteskrieger sofort. Nadia, zwei Schwestern und ihre Mutter wurden gefangen genommen. Nach einer ersten Begutachtung töteten die Terroristen ihre Mutter, weil sie für die vorgesehene sexuelle Verwendung als zu alt galt. Nadia und ihre Schwestern wurden behalten. Nach den Kriterien des IS gelten „ungläubige“ Frauen als legitime Beute, deren sich die Krieger vorbehaltslos bedienen dürfen. Das sicherten sich die Verbrecher sogar durch ein eigenes Rechtsgutachten eines islamischen Gelehrten ab. Jesidinnen dürfen bedenkenlos vergewaltigt und verkauft werden. Nadia war eines ihrer Opfer. „Ich war bei Weitem nicht die Jüngste. Ich habe achtjährige Mädchen erlebt, die noch nicht einmal wussten, was Vergewaltigung bedeutet“, erzählte Nadia vor dem Europarat. Ihr und einigen Freundinnen gelang nach Monaten des Horrors die Flucht. Man schätzt, dass noch ungefähr 3.500 Jesidinnen in der Gewalt der Milizionäre des Islamischen Staates sind. Nadia Murad hat überlebt, und sie wurde inzwischen zur Stimme der jesidischen Frauen. Die JesidInnen sind eine eigenständige ethnisch-religiöse Gruppe, die vor allem im Norden des Irak lebt. Viele verstehen sich ethnisch als KurdInnen. Ihre Religion gilt als Eingottglaube, der Einflüsse aus verschiedenen religiösen Strömungen aufweist.

Viele gerettete JesidInnen leben in Deutschland. Das Bundesland Baden-Würtemberg hat ein Sonderkontingent dieser Flüchtlingsgruppe aufgenommen. 1000 IS-Opfer, vor allem alleinstehende Frauen oder Mütter mit Kindern, werden betreut. Das Programm ist auf drei Jahre angelegt und mit 95 Millionen Euro veranschlagt. Die häufig schwer traumatisierten Frauen brauchen spezielle therapeutische Begleitung. Individuelle Therapien werden von den Frauen bisher meist abgelehnt. Viele fühlen sich noch nicht in der Lage, über ihre Marter zu sprechen.

Das Anliegen von Nadia Murad geht aber noch weiter. Sie und ihre MitstreiterInnen fordern ein eigenes internationales Tribunal, um die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Völkermord an den JesidInnen vor Gericht zu bringen. „Eines Tages möchten wir unseren Peinigern im Gerichtshof von Den Haag in die Augen schauen und der Welt erzählen können, was sie uns angetan haben. Dann können die Wunden unserer Gemeinschaft wieder heilen.“ Bisher sei kein einziger der Jihadisten für seine Verbrechen durch ein Gericht zur Rechenschaft gezogen worden, klagte Nadia Murad vor dem Europarat.

Nadia Murad wird übrigens von der britischen Menschenrechtsanwältin Amal Clooney vertreten. Der bisherige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, bezeichnet sie als „kämpferische und rastlose Verfechterin des jesidischen Volkes“. Nadia Murad hat 18 Mitglieder ihrer Familie durch die Verbrechen des Islamischen Staates verloren. Ihren Mut allerdings nicht.

Ich will nur, dass die gefangenen Frauen und Kinder befreit werden.
Nadia Murad

Nadia Murad wurde 2016 mit dem Sacharow-Preis und dem Václav-Havel-Preis für ihr Engagement geehrt. Als 19-Jährige geriet sie in ihrem Dorf im Norden des Irak in die Fänge des IS, der ihre Familie ermordete, sie selber gefangen hielt und zu sexuellen Diensten zwang. Ihr gelang die Flucht. Seither lebt sie in Deutschland. Die UNO hat sie zur Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel ernannt.

Foto: Vit Simanec/CTK/picturedesk.com

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/17