Alzheimer löscht unsere Erinnerungen aus. Die weltweit häufigste Demenzerkrankung macht vielen noch immer Angst – aber sie wird immer besser behandelbar. Neurologe Peter Dal-Bianco weiß, warum.
Die schönsten Sommerurlaube, einmalige Momente mit geliebten Menschen, die Geburt des ersten Kindes, der Universitätsabschluss, die bestandene Führerscheinprüfung, die Scheidung der Eltern, ein Autounfall, ein prägendes Gespräch mit einem Idol – die Summe unserer Erinnerungen prägt maßgeblich, wer wir heute sind. Wie wichtig sie sind, merken wir oft erst dann, wenn wir sie verlieren. So geht es weltweit mehr als 55 Millionen Menschen. Sie alle leiden an Demenz, die meisten von ihnen, etwa zwei Drittel, an Alzheimer.
Eine Erkrankung, die jede:n von uns treffen kann – und doch nach wie vor mit Stigmata und Unsicherheiten verbunden ist. Am 21. September wird deshalb jedes Jahr der Weltalzheimertag begangen. Der Aktionstag dient der Aufklärung über die neurologische Krankheit und soll über die vielfältigen Präventions- und Behandlungsmethoden informieren und Betroffenen wie Angehörigen Mut machen. Denn: Alzheimer ist zwar nicht heilbar, aber es gibt immer mehr Wege, den Verlauf zu verlangsamen. Wie das genau aussehen kann und wie wir unser Demenz-Risiko minimieren können, erklärt der Neurologe und Psychiater Peter Dal-Bianco.
Es gibt mit dem Medikament Lecanemab eine neue Behandlung für Alzheimer in Österreich. Wie beurteilen Sie das Ganze?
Dal-Bianco: Ich finde es sehr erfreulich, dass es zum ersten Mal eine Kausaltherapie gibt. Wir greifen in den Pathomechanismus der Alzheimer-Erkrankung ein, indem wir Amyloid entfernen. Das ist ein Eiweißfaden mit etwa 40 bis 42 Aminosäuren, der auch bei gesunden Menschen produziert wird. Normalerweise wird dieser Faden wieder abgebaut. Wenn das aber nicht passiert, entsteht eine Art biologischer Müll, der sich im Gehirn extrazellulär ablagert und die Verständigung der Nervenzellen stört. Lecanemab ist ein monoklonaler Antikörper, der nachweislich dieses Amyloid entfernt. Das ist eine tolle Sache, weil wir damit einen Missetäter fassen und beseitigen können
„Ich denke nicht, dass wir mit nur einer Maßnahme diese Erkrankung verbessern oder sogar heilen können.“
Welche Auswirkungen hat die Therapie konkret auf Betroffene?
Die Wirksamkeit ist gut, aber heilbar wird Alzheimer dadurch nicht. Wir erreichen eine Verlangsamung der Verschlechterung. Das ermöglicht dem Patienten eine deutlich längere Selbständigkeit.
Gibt es darüber hinaus Entwicklungen, die Hoffnung machen, dass künftig wirksamere Therapien möglich sind?
Wir sind auf einem guten Weg. Ich denke nicht, dass wir mit nur einer Maßnahme diese Erkrankung verbessern oder sogar heilen können. Wir werden an vielen biologischen Prozessen pharmakologisch ansetzen müssen. Ein Beispiel dafür ist das Tau-Protein, das wohl auch eine Folge der Amyloid-Anreicherung ist. Es wird bereits daran gearbeitet, die Neuropathologie positiv zu beeinflussen. Wir ergänzen die rein symptomatische Therapie, die weiterhin über Cholinesterase-Hemmer und Memantin läuft.
Das klingt erstmal ausschließlich positiv. Gibt es auch Risiken?
Das Entfernen von Beta-Amyloid kann dazu führen, dass Blutgefäße undicht werden, Plasma oder rote Blutkörperchen austreten. Dadurch können wiederum Hirnödeme oder Mikroblutungen entstehen. Erklärbar ist das, weil sich Beta-Amyloid auch um die Gefäßwände ablagert. Wird es entfernt, können die Gefäße undicht werden.
Alzheimer-Prävention
Gehirntraining: Lesen, Kreuzworträtsel, neue Dinge lernen, Musik machen, Hobbys beginnen, Karten- und Brettspiele.
Bewegung: Täglich mindestens 30 Minuten zügiges Gehen, leichte Kraftübungen für Muskeln und Gleichgewicht. Nicht sitzen und passiv sein.
Gesunde Ernährung: Mediterrane Kost mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Fisch, Olivenöl, wenig Zucker und wenig rotem Fleisch. Dazu ausreichend Vitamine wie B12 und D.
Herz-Kreislauf-Schutz: Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin im Blick behalten. Rauchen und Alkoholtrinken vermeiden. Gewicht normal halten.
Guter Schlaf: Langer, ununterbrochener Schlaf, weil in dieser Zeit Stoffwechselprodukte abtransportiert werden.
Soziale Aktivität: Familie und Freunde treffen, Gruppenaktivitäten, Vereine, Engagement – das hält geistig aktiv.
Stress und Stimmung beachten: Depressionen oder Angststörungen behandeln, auch mit nicht-medikamentösen Methoden wie Yoga oder Meditation.
Also ist diese Therapie nicht für jede:n Patient:in geeignet?
Ja, genau. Es gibt klare Bestimmungen. Erstens muss eine klinische Symptomatik vorliegen wie leichte Vergesslichkeit oder Desorientierung. Zweitens muss Amyloid im Gehirn nachgewiesen sein, per PET-Untersuchung oder Liquoranalyse. Drittens muss der ApoE-Status bestimmt werden. Nicht zugelassen sind Menschen mit einem homozygoten Epsilon 4-ApoE. Das ApoE ist ein Fetttransportmolekül, das in drei Formen vorkommt: Y2, Y3 und Y4. Y3 ist neutral, Y2 schützt sogar ein wenig vor Alzheimer. Y4 in doppelter Ausführung – von Mutter und Vater – beschleunigt den Krankheitsprozess stark. Das ist wie bei Arteriosklerose: Wenn man eine Veranlagung hat und zusätzlich (!) raucht, Alkohol trinkt und ungesund isst, gießt man Öl ins Feuer der Krankheitsprogression.
Und wie läuft die Therapie konkret ab?
Die Therapie muss alle 14 Tage per Infusion verabreicht werden. Im ersten halben Jahr sind vier MRT-Kontrollen nötig, um Blutungen oder Ödeme im Gehirn auszuschliessen. Viele Patient:innen merken solche Nebenwirkungen gar nicht, andere spüren nur unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen oder Schwindel. Wenn Patient:innen bereits mehr als vier Mikroblutungen im Gehirn haben, ist auch das ein Ausschlusskriterium. Das sorgt bei den Patient:innen oft für Enttäuschungen, aber es dient allein ihrem Schutz.
„Wir haben es selbst in der Hand, unser Alzheimer-Risiko maßgeblich zu verringern.“
Sie empfehlen, psychische Erkrankungen frühzeitig behandeln lassen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und Alzheimer?
Es gibt keinen zwingenden eindeutigen Zusammenhang. Aber oft hatten Patient:innen, die später Alzheimer entwickeln, in den Jahren oder Jahrzehnten davor Depressionen. Es ist derzeit noch unklar, ob das ein Risikofaktor oder doch schon ein Demenzvorbote ist. Aber Depressionen treten bei Alzheimer-Patient:innen später häufiger auf.
Woran erkennt man die ersten Symptome von Alzheimer?
An Gedächtnisproblemen – Neuinformationen gehen schnell verloren, Betroffene fragen immer wieder dasselbe. Oder an Orientierungsschwierigkeiten – in neuer Umgebung finden sie sich schwer zurecht. Auch Sprachprobleme sind ein Anzeichen: Namen oder Begriffe fallen nicht mehr ein, Gespräche werden unpräziser. Rückzug ist ein Thema, wenn zum Beispiel soziale Kontakte gemieden werden oder Interesse abnimmt. Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit können darauf hindeuten. Betroffene haben auch Probleme mit Planung: Selbst einfache Abläufe wie nach Rezept kochen fallen schwer, es wird zum Beispiel doppelt gesalzen. Und auch Verhaltensänderungen können darauf hindeuten, etwa Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Angst oder Aggressivität.
Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei Alzheimer?
Ja. Frauen haben im gesunden Zustand eine komplexere Spracharchitektur. Dadurch führt ein kleiner Schaden zu größeren Folgen. Männer können eher „Module“ verlieren, ohne dass es sofort auffällt. Deshalb nimmt die Sprachkraft bei Frauen im Krankheitsverlauf steiler ab.
Die Zahl der Alzheimer-Betroffenen steigt. Woran liegt das?
Der wichtigste Grund ist der demografische Wandel. Hinzu kommen medizinische Fortschritte: Wir sterben heute weniger an Traumata, Infektionen, Herzinfarkt oder Krebs, weil wir bessere Therapien haben. So erreichen mehr Menschen ein Alter, in dem Alzheimer auftritt. Außerdem gibt es bessere Diagnostik: Bildgebung, molekulare Marker im Liquor oder sogar Bluttests. Früher sagte man einfach „verkalkt“, heute können wir Alzheimer klar diagnostizieren.
Was macht Ihnen Hoffnung in Bezug auf die Alzheimer-Krankheit?
Hoffnung macht mir, dass wir erstmals den Krankheitsmechanismus beeinflussen können. Es sind kleine Schritte, aber jeder ist ein Fortschritt. Und ich sehe, dass Menschen, die aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen, Projekte haben und geistig angeregt sind, deutlich profitieren. Das zeigt: Biologie, Gehirn und Umwelt stehen in Wechselwirkung – und wir haben es selbst in der Hand, unser Alzheimer-Risiko maßgeblich zu verringern.
Zur Person
Peter Dal-Bianco ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und betreut in seiner Wiener Praxis vor allem Patient:innen mit Demenzerkrankungen.
Mehr dazu auf seiner Website.
