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Weihnachtlicher Zirkus<br>ab 4 Jahren

Still ist es, wenn Schnee unsere Wiesen und Felder bedeckt. Und still ist auch dieses Bilderbuch ohne Text, ein „silent book“. Die Bilder erzählen uns die Handlung ohne Worte. Und wir erzählen einander die Geschichte während des Betrachtens.

Ein seltsam festlicher Zug kommt uns entgegen. Neugierig wie Hirsch und Hase beobachten wir sein Näherkommen aus der Ferne. Die nächtliche Reise der bunten Wohnwägen hinter den Autos – gelb, rot, blau, und wieder blau – scheint besonderes Gewicht zu haben, so hoch bepackt mit allem Hab und Gut. Nomaden auf Wanderschaft? Oder Heimkehrer von einem langen Aufenthalt in der Fremde?

Sehr viel Platz unterm Himmelszelt zeigt uns Juli Völk in ihrem neuen zauberhaften und idyllischen Bilderbuch: breite Panoramen wie Krippenlandschaften. Detailreich ausgestaltet ist die Stadt oben am Hügel. Wir kennen ihre Szenarien mit Plätzen wie südliche Piazze und ihre zierlichen schmalen Häuschen aus ihren Vorgängern „Das Löwenmädchen“ und „Guten Morgen, kleine Straßenbahn“, ebenso ein Bilderbuch ohne Text. Lauter Wohlfühlräume, in die ich am liebsten gleich hineinschlüpfen würde. Und wieder kommt es mir so vor, als würde sie mit ihren Zeichenstiften das Papier zärtlich streicheln und stricheln. Neu ist die Weite und Tiefe der Landschaft. Die verlassene Ebene, durch die die Karawane der Zirkuswägen fährt – durch die Stadt und den Bergrücken hoch –, und die sanft schwingenden Hügel und hohen Berge am weiten Horizont. So viel Gegend passt auf diese Doppelseiten.

Und weit wird mein Herz beim Betrachten der Bilder. Die Arme der Figuren sind wiederholt weit ausgebreitet, ungefähr zehn Mal habe ich diese Geste der offenen Arme im Buch entdeckt: winkend vor Freude, oder um schmückende Girlanden aufzuhängen, um auf Schultern eines anderen zu balancieren, um einem Huhn ein kleines Päckchen zu überreichen, um einen Fensterflügel zu öffnen, weil doch das Pferd auch am Fest teilhaben möchte. Oder vor allem um jemanden willkommen zu heißen, aufeinander zuzugehen, eine geliebte Person nach langer Abwesenheit endlich fest in die Arme zu schließen.

Ein Vater kehrt nach der Tournee heim zu seiner Familie, und mit ihm kommen alle Artisten, Musiker und Clowns seiner Zirkustruppe, um in dieser besonderen Nacht beisammen zu sein. Das bescheidene Häuschen birgt erstaunlich viel Platz für die vierzehn Menschen samt Hase, Katz´, Huhn und schwarzem Pferd. Es wird gekocht, der Baum wird geschmückt, Geschenke werden eingepackt. Und nach all diesen Vorbereitungen feiern alle vereint an einer langen Tafel mit Kunststücken und Musik ein einzigartiges Weihnachtsfest. Geborgen und gemütlich im warmen Lichtschein des Innenraums.

Das schwarze Pferd steckt sich danach friedlich schlafend auf dem Flickenteppich aus. Die drei Familien und das Musikanten-Pärchen schmiegen sich schlummernd an Pferderücken und -bauch.  Das ist der wonnige Höhepunkt der nächtlichen Zusammenkunft. Sich gemeinsam des Lebens zu freuen, im „Kreise der Lieben“, das ist für viele nicht selbstverständlich. Juli Völks Geschichte macht uns bewusst, wie wertvoll es ist, nicht alleine zu sein.

Bei vielen der „süßen“ Details muss ich unweigerlich an feine Zuckerbäckereien denken. Dass nichts kippt ins Süßlich-Niedliche, das verhindert mit stimmungsvoll dunklem Himmel der eindrucksvolle Einstig ins Geschehen auf den ersten beiden Doppelseiten. Die wohltuende Leere, der viele Platz. Und die akribische Genauigkeit, mit der die Autorin-Illustratorin kleinste Einzelheiten nachverfolgbar gestaltet. Obwohl, eine Allergie auf rotbackige Gesichter sollte man nicht haben. Werden – einzig darauf fokussiert – die Seiten durchgeblättert, kann es schon passieren, dass das Wangenrot zu viel wird. Wie wohltuend dann die frühmorgendliche Kühle auf den vom Feiern und Schlafen erhitzten Gesichtern, wenn wir zum Ende der Geschichte mit der nun wiedervereinten Familie vor dem Häuschen stehen und dem Zug der sich entfernenden Zirkuswagen nachschauen. Der Vater aber bleibt bei den Seinen.

Die ersten Sonnenstrahlen blitzen hinter dem Horizont auf. Ab nun werden die Tage wieder länger. Und ein wenig guckt bereits der Karneval um die Ecke. Da gehören rote Wangen unbedingt dazu. Die Faschingszeit ist nicht mehr weit!

Juli Völk:

Stille Nacht, fröhliche Nacht

Gerstenberg 2017

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin der Buchhandlung Fürstelberger in Linz möchte sie auf Bücher aufmerksam machen, die aus der Reihe tanzen und auf den zweiten Blick auch noch Überraschendes bereithalten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt gemeinsame Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.